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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Gangs Of New York, The Scarlet Letter, The Journey Of Natty Gann (Elmer Bernstein)

Varese / 2008

CD

Bewertung:


    CD1

    Gangs Of New York

    01. Razor (00:40)
    02. Uncle Jack (00:56)
    03. Battle (with vocal) (03:09)
    04. Hide Medal (01:13)
    05. Pullback to 1846 (00:51)
    06. Amsterdam (00:32)
    07. Retrieve Medal (02:25)
    08. Bad Uncle Jack (01:40)
    09. Meet Amsterdam (00:39)
    10. Boat Raid (01:30)
    11. First Pagoda (01:43)
    12. Trolley (00:59)
    13. Medals (01:08)
    14. Pig (00:33)
    15. Tammany (01:15)
    16. Scars (01:40)
    17. Untitled (00:24)
    18. Bill’s Patriotic Speech (00:56)
    19. Bill Shot (00:23)
    20. Bowing (00:54)
    21. Toast (00:37)
    22. Contact (02:34)
    23. A Son (01:43)
    24. Who? (Alt.) (00:56)
    25. Panic (01:04)
    26. Cleaver (00:52)
    27. Doctor (03:28)
    28. Razor Revisited (02:34)
    29. Bye Jack (01:19)
    30. Staying (01:31)
    31. Exit Johnny (02:14)
    32. Natives (00:51)
    33. Natives (for brass choir) (01:18)
    34. Prayer (00:49)
    35. Beat the Barber (for brass choir) (01:05)
    36. Battle Cry For Freedom (for brass choir) (01:15)
    37. Monk Killed (01:04)
    38. Lists (02:37)
    39. Rabbits Leave (00:35)
    40. Candles (00:27)
    41. Jenny Leaves (00:53)
    42. Streets And Prayers (01:45)
    43. Troops (01:30)
    44. Shooting (00:30)
    45. Orders (00:27)
    46. Smoke (02:33)
    47. Bill Please (03:49)
    48. The Dead (01:25)
    49. New York (01:50)
    50. Battle (bonus track without vocal) (03:09)

    CD2

    The Journey Of Natty Gann

    01. Main Title (The Journey) (02:06)
    02. First (00:30)
    03. Second (00:56)
    04. 2M2 (TK 152) (01:33)
    05. Job (00:56)
    06. Locket (01:25)
    07. 2M5 (TK 151) (01:43)
    08. Question (01:20)
    09. Escape (03:17)
    10. Wild (00:57)
    11. Jump Off (01:16)
    12. Wolf (00:54)
    13. Ride (01:00)
    14. Forest (01:38)
    15. 4M3 (TK 12) (00:34)
    16. Friend (02:48)
    17. 4M5 (TK 73) (02:46)
    18. Moving (01:22)
    19. Bull (02:47)
    20. Lock-Up (01:21)
    21. Breakout (03:00)
    22. 6M4 (TK 157) (01:45)
    23. Reunion (01:01)
    24. Dad (01:14)
    25. Balls (00:35)
    26. Hobo Camp (00:49)
    27. Mainer (01:04)
    28. Makin’ It (02:01)
    29. Snow (02:20)
    30. Ramp (01:15)
    31. 10M1 (TK 19) (01:52)
    32. 10M2 (TK 56) (01:52)
    33. Partin (02:41)
    34. Uphill (02:10)
    35. Last (01:53)
    36. End Credits (03:36)

    CD3

    The Scarlet Letter

    01. Main Title (01:13)
    02. Procession (01:34)
    03. Ship (01:29)
    04. Lace (00:48)
    05. A Home (03:09)
    06. To Slaves (00:40)
    07. Red Bird (02:55)
    08. Cart (01:36)
    09. Horses (01:05)
    10. Sermon (00:34)
    11. Library (02:10)
    12. Books (00:43)
    13. Thoughts (03:40)
    14. Confession (02:42)
    15. Scalp (01:02)
    16. News (03:00)
    17. Untitled (00:42)
    18. Lovemaking (05:28)
    19. Clandestine / Summons (01:43)
    20. With Child (02:42)
    21. Agony (01:49)
    22. Birth (02:40)
    23. Baptism (01:47)
    24. Plea (03:19)

    CD4

    The Scarlet Letter (cont.)

    01. Roger (01:24)
    02. Warning (02:13)
    03. Sneaking (00:51)
    04. Surprise (02:03)
    05. Witches Mark (02:12)
    06. Discovered (01:05)
    07. Capture (03:44)
    08. Dry Lunch (02:46)
    09. Questions (01:40)
    10. Game (04:09)
    11. Rape (03:13)
    12. Mistake (03:08)
    13. Untitled 2 (01:50)
    14. Scaffold (01:21)
    15. Battle (02:49)
    16. Ends Meet (03:08)

    The Journey Of Natty Gann (alt.)

    17. Locket (Alt.) (01:28)
    18. Locket (Alt. 2) (01:14)
    19. Question (01:20)
    20. Forest (01:53)
    21. Friend (02:44)
    22. 4M5A (TK 119) (02:45)
    23. Moving (Alt.) (01:29)
    24. 6M4A (TK 158) (01:30)
    25. Dad (01:26)
    26. Balls (00:25)
    27. Makin’ It (01:20)
    28. Ramp (01:13)
    29. 10M2 rev (TK 132) (00:57)
    30. Parting (02:06)
    31. Uphill (01:02)

    TT: 239 min

Abgelehnte Filmmusiken, so genannte “rejected scores”, sind mittlerweile regelmäßig Zentrum des Interesses in Filmmusikkreisen und oft Quelle wilder Spekulationen über Richtigkeit, Wichtigkeit und Ethik der Entscheidung, einem Komponisten den Auftrag für eine Filmmusik wieder zu entziehen. Oft geschieht dies völlig ohne Kenntnis der abgelehnten Musik, die - wenn überhaupt schon aufgenommen und gemischt - unbeachtet in Studioarchiven Staub fängt oder gar gänzlich dem Müll anheim gegeben wird. Diese Unkenntnis führt dazu, dass abgelehnte Musiken immer häufiger mit der Aura eines verschmähten Meisterwerkes umgeben werden und allein die Ablehnung Qualität garantiere. Dies hat natürlich selten Hand und Fuß und doch darf berechtigtes Interesse angemeldet werden, was die Yareds, Zimmers, Goldsmiths, Silvestries und Dannas für die Filme von “Troja” bis “Hulk” vorgesehen hatten, was genau für den Produzenten nicht passte und ob sich darunter so manche Perle befindet. Seit den legendären Prototypen der “rejected scores”, Bernard Herrmanns “Torn Courtain” und Alex Norths “2001”, wurde bis auf John Williams jeder bekannte Hollywoodkomponist von diesem Schicksal ereilt und ein Einblick in dieses “zweite Gesicht” Hollywoods war bis heute fast ausschließlich über illegale Quellen möglich.

Schon vor einigen Jahren engagierte sich Robert Townson, Chef des Labels Varèse Sarabande, für eine prominente abgelehnte Musik jüngeren Datums. Er veröffentlichte Jerry Goldsmith bereits fertig aufgenommenen Score zu Timeline als SACD und linderte damit zu Teilen die sehr unglückliche Degradierung des Großmeisters am Abend seiner Karriere. Dass seine Musik dem Ersatz von Brian Tyler mindestens ebenbürtig war, war die zweie wesentliche Erkenntnis des Releases und schürte das Interesses an mehr aus den Archiven der Traumfabrik, das die Kinoleinwände nicht erblicken konnte.
Nun holte Townson zum zweiten Schlag aus und veröffentlichte mit dem “Gangs Of New York”, “The Scarlet Letter” und “The Journey Of Natty Gann” gleich drei abgelehnte Musiken von Elmer Bernstein. Townson und Bernstein waren persönlich bekannt und so kann die Veröffentlichung der Musik zu “Gangs Of New York” als ähnliche Ehrerbietung angesehen werden, wie es “Timeline” für Goldsmith war. Das Set spannt musikalisch das Spätwerk von Bernstein vom Jahre 1985 ("Natty Gann") über 1995 ("Scarlet Letter") bis ins Jahr 2002 auf, als sein Freund und Wegbegleiter Martin Scoresese einem anderen musikalischen Konzept als seiner Originalmusik den Vorzug gab. Zum ersten Male ist also ein halbwegs umfassender und detaillierter Einblick in mehrere rejected scores eines Komponisten möglich und er bietet, um es vorweg zu nehmen, einige spannende Erkenntnisse. Ob der Wert dieser Veröffentlichung über das bloße Durchleuchten eines Mysteriums hinaus geht und auch rein musikalisch empfehlenswert ist, soll der folgende detaillierte Blick auf die drei Musiken klären.

Gangs Of New York

Der prominenteste Film der drei ist für Townson der Aufhänger für das Release, denn von dem jüngsten und bekanntesten Film verspricht er sich eindeutig die größte Zugkraft. Der Vorgang im Jahr 2002, als Scoresese den Score von Elmer Bernstein durch ein kurzes Konzertwerk von Howard Shore und eine große Menge Source-Musik ersetzte, war den meisten potentiellen Käufern noch lebhaft in Erinnerung und dürfte der Auslöser für einen Blindkauf gewesen sein. Schon hier findet sich die Bestätigung für die Feststellung, dass allein die Sensation des Ablehnens das Interesse an einer Musik ins Unermessliche steigen lässt. Dazu kommt im Falle von “Gangs Of New York” ein generell schlechter Ruf des Films, was Filmmusikfreunde zu der gewagten These “schlechter Film = gute abgelehnte Musik” inspirierte. Mit einigem Abstand und unvoreingenommenem Blick verdient der Film aber zumindest eine teilweise Rehabilitierung, denn ein völlig misslungener Fehltritt des Regieveteranen ist es mitnichten. Neben einigen Schwächen besitzt der Film auch eine Reihe gern übersehener Vorzüge.
Gern vorgeworfen werden dem zweieinhalbstündigen Epos über die blutigen Bandenkriege zur Zeit des Bürgerkrieges in New York die unverhohlen portraitierte Gewalt, eine teilweise missratene Besetzung und Schwächen in der Dramaturgie. Ersteres ist faktisch sicherlich korrekt, doch Scoresese inszeniert eindeutig im Sinne von Authentizität und weniger von Sensationsmache. Brutalität wird als auf der Tagesordnung stehend gezeigt und nicht als filmischer Selbstzweck. Die Besetzung ist sicherlich mit Cameron Diaz weniger geglückt, im Gegenzug sind aber bedeutende Nebenrollen mit Daniel Day-Lewis, Brendan Gleeson, Jim Broadbent, John C. Reilly und Liam Neeson exquisit besetzt und die Hauptrolle mit Leonardo DiCaprio ein Vorbote seiner exzellenten Darbietungen in “The Aviator” und “The Departed”. Ingesamt handelt es sich bei “Gangs Of New York” nicht um eine spannend erzählte Geschichte, sondern um ein facettenreiches Zeitportrait aus ungewohntem Blickwinkel, dessen Stärken die Produktionswerte, die Figurenzeichnung und die Puzzlearbeit des Drehbuches, das viele feine Einzelheiten zu einem epischen Ganzen verschmilzt.

In der finalen Version des Film setzte Scoresese eine Zusammenstellung aus ethnisch und folkloristisch orientierten Cues ein, die auf das Portrait von New York als Prototyp des Melting Pot abzielen. Afrikanisches mischt sich mit Irischem, Yankee-Standards mit chinesischem Kolorit und modernen Pop-Songs. Das klangliche Ergebnis passt in seiner zersplitterten Dramaturgie zum Film, was sicherlich der ausschlaggebende Grund für die Änderung des Konzeptes von einem klassischen, dramatisch-orchestralen Score von Elmer Bernstein zu dieser Collage war. Die Möglichkeit, eine alternative Variante zu hören, lässt Raum für spannende Direktvergleiche.
Elmer Bernsteins Score ist die weitaus klassischere Herangehensweise für diesen Film, wie schon die Musik zur Eröffnungssequenz zeigt. Er setzte auf ein orchestrales Grundgerüst, das besonders lang anhaltende Basslinien, Streicherostinati und dumpfe Percussions ins Rampenlicht rückt. Eine Orgel sorgt für eine spezielle dramatische Atmosphäre, Bernstein setzt diese allerdings nur als klangliche Ergänzung ein. Melodische Führungsarbeit überlässt er dann wieder eher irisch gefärbtem Instrumentation, einer Bagpipe, Flöten und in den dramatischen Sequenzen auch Blechbläser. Gerade diese kraftvollen Ausbrüche ("Battle") zeigen die konträre Herangehensweise, denn mit den wuchtigen Schlagwerkbatterien, in die sich auch militärische Snare Drums mischen, und den enorm druckvollen Blechbläserclustern setzt Bernstein trotz der irischen Zusätze auf eine destinktiv orchestrale Untermalung. Ähnlich wie bei Michael Collins erweist sich die Mischung dieser Instrumentation mit irischem Einschlag als wirkungsvoll, was auch auf die einzelne Frauenstimme inmitten der Schlachtmusik zutrifft. Die Solostimme bekommt später in “Doctor” noch einen religiösen Touch, was auf die kirchlichen Untertönte in der Motivation der “Natives” wie der Einwanderer anspielt.
Thematisch präsentiert die Eröffnungssequenz ein knappes, prägnantes Viernotenmotiv. Es funktioniert als melodische Einzelfigur mit den Bagpipes ebenso wie als Bestandteil der schlagwerk- und blechintensiven Battle-Musik. Unter anderem “Hide Medal”, “Retrieve Medal” und “Bye Jack” kommt zudem eine Melodie aus einem der Source-Cues zum Vorschein, was dafür spricht, dass Martin Scoresese seine musikalische Vision schon in den Temp Track für Bernsteins Score hat einfließen lassen. Insofern scheint es gar keine so plötzliche Entscheidung gewesen zu sein, wie es von außen den Anschein hatte.

Im weiteren Verlauf der Musik verfestigen sich zwei Eindrücke: Erstens prägt die Mischung aus dem von Bagpipes intonierten Hauptthema und den düsteren Orchesterarrangements weite Teile des Scores. Und zweitens machen der Mix der Musik und die Zusammenstellung der CD den Eindruck eines teilweise unfertigen Produktes. Die Tonqualität ist leicht schwankend und auch der Mix scheint noch eine letzte Vorstufe der finalen Mischung zu sein, denn zuweilen wirken vor allem Bläseranteile zu präsent gemischt.
Bernstein hält aber in einigen Momenten noch besondere musikalische Lösungen bereit, die ähnlich präzise wie Source-Cues auf spezielle kulturelle Referenzen auf der Leinwand reagieren können. “Boat Raid” spielt mit den für die Bürgerkriegszeit typischen Doodles, “First Pagoda” lässt chinesisches Kolorit auflaufen und in “Trolley” lässt Bernstein wieder volkstümlicheren Arrangements mehr Raum. All dies wirkt aber “nur” wie eine Light-Version von Scoreseses endgültiger, konsequenter Vertonungsweise mit Source-Cues, denn obwohl Bernsteins Anklänge an andere Musikstile passgenau zum Geschehen auf der Leinwand auftauchen, bleiben sie doch im klanglichen Gesamtkonzept seiner Musik “gefangen”. Der Eindruck ist dadurch ein stilistisch deutlich geschlossenerer, wobei es unterschiedliche Maßstäbe dafür gibt, ob dies positiv zu bewerten ist. Auf der CD macht Bernsteins Score den kompakteren und durchdachteren Eindruck, doch im Film hat Scoreseses Version ebenso seine Vorzüge.
Werfen wir kurz noch einen Blick auf die weiteren Highlights der Musik: In “Contact” und “A Son” kommen romantischere Töne zum Vorschein, was Bernstein elegant in dunkel timbrierte Oboen- und Klarinettenfiguren kleidet, ohne allerdings thematisch prägnant zu werden. Tiefe Holzbläser wie Fagott und Bassklarinette tauchen häufiger auf und gehören immer zu den schönsten musikalischen Momenten. Die wuchtigsten gehören wie zu erwarten ins Finale und können in den Titeln “Troops” bis “Smoke” genossen werden, wovon vor allem letzterer ein wunderbarer Actiontitel mit deftigen Pauken, schierer Kraft des Orchesters und großartigen Blechphrasen ist. Die Grenze des Dissonanten bleibt aber tabu, alles spielt sich im von Bernstein bekannten traditionellen Rahmen ab, den der Komponist aber geschickt bis an seine Grenzen ausnutzt und einen doch im Fazit interessanten Alternativentwurf für “Gangs Of New York” präsentiert.

The Scarlet Letter

Die zweite große Epenmusik in dieser Compilation gehört zu einem Film aus dem Jahre 1995. “The Scarlet Letter” ist ein ambitionierter Historienfilm von Regisseur Roland Joffé, der mit “The Mission” ein Jahrzehnt zuvor einen grandiosen Film in diesem Genre inszenierte. In seiner Adaption des romantischen Romans von Nathanial Hawthorne spielen Demi Moore, Robert Duvall und Gary Oldman die Hauptfiguren, die im kolonialen Amerika des 17. Jahrhunderts Intrigen und Racheakte ausspinnen. Zentrale Themen sind dabei die Emanzipation der Frau, der Wettstreit zwischen den verschiedenen anglikanischen Kirchen und die persönliche Rache des entehrten Ehemanns.
Große Themen, große Emotionen und eine große Inszenierung, das spricht für ein filmisches Ergebnis zwischen Meisterwerk und Totalausfall. Im Falle von “The Scarlet Letter” spricht retrospektiv einiges für den Totalausfall, denn neben dem Fakt, dass der Film fast vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist, ist vor allem die Nominierung für etliche Goldene Himbeeren und der Gewinn von einer als ‘worst remake or sequel’ mehr als ein Fingerzeig. Die schauspielerische Leistung passte sich dem Skript an und die Informationen, die über die Musik im Raume stehen, sprechen ebenfalls für einen eher misslungenen Film. Kurz vor Beendigung der Arbeit an der Postproduktion wurde die Originalmusik von Elmer Bernstein durch einen Score von John Barry ersetzt. Hier haben wir nun offensichtlich einen anderen Fall als bei “Gangs Of New York”, denn eine bewusste Entscheidung gegen ein Vertonungskonzept ist eher nicht der Auslöser für den Wechsel am Pult, vielmehr scheint sich der Aktionismus Bahn gebrochen zu haben. In letzter Minute einen missratenen Film zu entschärfen geht oft nur noch über den Schnitt und die Musik, ähnliches durfte Gabriel Yared bei “Troja” erleben.

Dass ein Rauswurf in dieser Phase der Produktion nicht unbedingt gleichzusetzen ist mit zwangsläufig unterdurchschnittlicher musikalischer Qualität, hat uns ebenfalls der Fall “Troja” bewiesen. Bei “The Scarlet Letter” ist die Sachlage ähnlich, denn im Paket der drei Filmmusiken erweist sich diese Musik als die stärkste. Eine durchaus atmosphärisch dichte, großorchestrale und zuweilen düster-elegante Tonschöpfung steht für Elmer Bernstein zu Buche, allenfalls die zum Teil deftige Schwere der Orchestration könnte man als möglichen Anhaltspunkt für eine Produzentenkritik an seiner Musik vermuten.
Die ersten Takte der Musik lassen ein weiteren interessanten Punkt an abgelehnten Filmmusiken erkennen, nämlich die Tendenz von Komponisten, Material das einmal abgelehnt wurde legitimerweise ein zweites Mal zu verwenden. John Barry hat es praktiziert (aus seinem abgelehnten “Prince of Tides” machte er einen IMAX-Score) und Elmer Bernstein tritt teilweise in seine Fußstapfen. Erstens weißt das orchestrale Grundgerüst in seiner düsteren Schwere leichte Ähnlichkeiten zu “Gangs Of New York” auf und zweitens ist das prägnante Hauptthema mit den Bagpipes schon sieben Jahre von dem Scoresese-Epos für “The Scarlet Letter” entstanden. Auch dort macht es durchaus Sinn, denn der Ort der Handlung ist fast identisch und in beiden Filmen betritt der britische Kulturkreis kulturelles Neuland. Ähnlichkeiten, auch in der Einbindung von Vokalisen, sind also sowohl legitim als auch nicht unpassend.
Dennoch unterscheidet sich natürlich die Musik von “The Scarlet Letter” in seiner Ausführung deutlich von der ruppigen und gewaltsamen Chronik von New Yorks Bandenkriegen, denn erstens weist die Geschichte bedeutend mehr klassische Historienelemente wie eine tragische Liebesgeschichte, Rache und große Gefühle auf und zweitens fehlt dem Film die etwas zersplitterte Dramaturgie von Martin Scoresese, sodass Bernstein hier weitaus mehr typische Epenmusikenelemente einsetzte. Der Streicherapparat klingt warm und voll, die Grundausrichtung der Musik ist melodisch und deutlich dekorativer, Orchestrationsfeinheiten wie Harfe, verspielte Holzbläser und Chor entfalten mehr Pathos und historisches Feeling. Dazu passt, dass es neben dem erwähnten Hauptmotiv noch weitere Themen für die einzelnen Figuren und melodische Einzelstücke wie “Library” gibt, in denen sich Holzbläser mit Soli hervortun können. Auch sei hier die variable, aber immer im galanten Sinne klassisch bleibende Streicherarbeit erwähnt. Bernstein bleibt auch hier sehr konventionell, erreicht aber durch eine hohe handwerkliche Qualität und Mut zur eher offensichtlichen Ausformung von musikalischen Ideen zu Stücken einen gr0ßen Hörcharme.
Highlights der Musik ist zum Einen der großartige Track “Lovemaking”, in der über fünf Minuten Spielzeit die musikalischen Stränge zu einem pulsierenden, fast ekstatischen Stück verwoben werden, und zum anderen die auch hier vorhandenen Actionsequenzen der zweiten Scorehälfte. “Lovemaking” beginnt mit einer kleinen Phantasie für die Oboe, dann übernehmen Flöten und Cello Variationen des Hauptthemas und entwickeln zusammen mit der Solo-Frauenstimme und den Streichern aus dem viernotigen Thema einen immer größer werdenden Melodiebogen. Harfe und Glockenspiel dekorieren das Arrangement, dass eine gewisse Nähe zu Bill Contis Themen aus “North And South” aufweist. Auch das hingabevolle Aufwallen der Streicher, das Steigern der Lautstärke und Dynamik und das leicht tänzerisch rhythmische verweist auf Conti. Im Höhepunkt erklingt das prägnanteste zweite Thema, das für die Hauptfigur gespielt von Demi Moore und verbreitet große Gefühle - also Kunst und Kitsch zugleich. Genau dies war von der Musik zu “The Scarlet Letter” zu erwarten und Bernstein weiß dies durch seine mehr als routinierte Orchestration nicht zu sehr in Richtung Kitsch gleiten zu lassen. Gelungen orchestriert sind auch die angesprochenen Actioncues, in denen er wieder von heftigen Schlagwerkattacken und dröhnendem Blech Gebrauch macht. Mit “Witches Mark” geht es in Form von tiefen Streicherpassagen mit Harfeneinwürfen los, die Spannung baut sich langsam auf. Später sollen ein Männerchor und deutlich verlangsamte und düster gestaltetere Variationen der Themen diese Richtung verstärken. “Rape” ist der Auslöser für die große Dramatik, die mit den Streichern in allen Lagen beginnt und über Bagpipe die Bläserfraktion erreicht und mit großen Blechtuttis, stampfen Rhythmen, Beckenschlägen und Pauken ihren Höhepunkt erreicht. In der finalen Schlacht überlagert Bernstein diese sinfonische Wucht mit seinen Themen und sorgt so für einen furiosen, melodisch-kraftvollen Abgang.

The Journey Of Natty Gann

Im Paket der drei Scores dieser Box ist “The Journey Of Natty Gann” der vielleicht am wenigsten bemerkenswerteste. Der Film stammt aus dem Jahr 1985 und handelt von einem kleinen Mädchen, dass sich während der Depressionszeit in den USA ohne ihren Vater durchschlägt und dabei allerhand Abenteuer mit Tieren und Menschen erlebt. Es handelt sich um einen Film aus dem Hause Disney, also darf die bei dieser Handlung mögliche Dramatik sicherlich nicht zu ernst genommen werden und eine eher leichte, ironische und oberflächlich packende Abenteuermusik erwartet werden.
Genau dies ist Elmer Bernsteins “The Journey Of Natty Gann” dann auch und darum wird es an dieser Stelle fast unmöglich, realistische Vermutungen über die Ablehnung der Musik anzustellen. Der Ersatz hieß damals James Horner, doch auch der Scores des damaligen Senkrechtstarters ist bisher unveröffentlicht, sodass ein Vergleich auf CD leider ausfällt. Bernstein für seinen Teil ging den Score im Sinne eines Abenteuerfilms alter Schule leicht und klassisch an, mischte direkte und melodische Arrangements des Orchesters mit schwungvollen Bigband-Stücken. Die stilistischen Grenzen handhabt er dabei angenehm locker, sodass durch den Jazzinput in das Orchester die geschliffene Orchestrierung zusätzlich an Leichtigkeit gewinnt. Holzbläser wechseln sich mit Streichern ab, Harfe, Klavier, Glockenspiel, Gitarre und Blech assistieren abwechslungsreich und geben dem Score den für Disneyfilme gewohnten traditionellen Anstrich. Bernstein hält sich dabei stilistisch eng an Standards, weder die perfekt akzentuierten, raffinierten Arrangements von Bruce Broughton werden erreicht, noch die für Kinderfilme zum Teil erstaunlich große Komplexität und Dramaturgie mancher Animationsfilmscores von James Horner.
Über die Stunde, die nun im Set mit den beiden Schwergewichten veröffentlicht wurde, ereignet sich demnach nicht viel Herausstechendes. Locker, leicht und durchaus abwechslungsreich steuert Bernstein auf das Finale zu, in dem die Melodien etwas zackiger, die Tutti etwas kraftvoller und die Streicher etwas dramatischer werden. Wirkliche Dramatik bleibt natürlich außen vor und so bleibt mit den kurzweiligen End Credits, die wieder die Bigband-Bläser mit dem Orchester vermischen, ein Rückblick zum Zurücklehnen. Nichts weltbewegendes an dieser Stelle, doch eine gut orchestrierte, unterhaltsame und schöne Abenteuermusik auf jeden Fall.

Erkenntnisse?

Überblickt man die musikalischen Erkenntnisse dieser CD-Veröffentlichung, so fällt das Gesamtfazit durchweg positiv aus. Alle drei Musiken scheitern nicht an musikalischer Substanz und eine Ablehnung aus reinen Gründen der Qualität scheint abwegig. Gleichzeitig wird aber auch klar, wie unterschiedlich die wirklichen Gründe für eine „rejection“ sein kann. Von Konzeptänderungen, schlechten Voraufführungen bis hin zu Zeitmangel in der Postproduktion kann die Palette alle Unglücksituationen für Komponisten umfassen. Dass er diesen kaum aus dem Weg gehen kann, beweist Elmer Bernstein hier eindeutig.
Die reine Qualität der drei Scores sollte dennoch differenziert betrachtet werden. Den stärksten und in seinen musikalischen Mitteln geschlossensten Eindruck macht „The Scarlet Letter“, der in der Bewertungsskala ungefähr bei 4,5 Sternen einzutakten ist. Ebenso empfehlenswert, aber mit leichten Abzügen durch den etwas unfertigen Eindruck, ist „Gangs Of New York“, der einen spannenden, kraftvollen und dramaturgisch völlig anderen Blick auf das Epos gewährt. Gute vier Sterne scheinen angemessen. Noch einen halben Punkt weniger bekommt der letzte Score der drei, „The Journey Of Natty Gann“ ist im Vergleich eher als routiniertes Leichtgewicht einzustufen. Nichtsdestotrotz weist aber auch diese Musik genug orchestratorische Finesse und Unterhaltungswert auf, dass mit 3,5 Sternen eine Empfehlung ausgesprochen werden kann.
Das Set ist selbstredend als editorisches Schmankerl zu werten, doch leider hinkt die Aufmachung diesem Urteil etwas hinterher. Ein dürftiges Booklet mit lediglich einem allgemeinen Text von Robert Townson ist für ein Release dieser Art deutlich unter Standard. Die Tonqualität schwankt ebenfalls, auch wenn dies natürlich nicht im Einflussbereich der Produzenten liegt. Insgesamt kann sich Townson in dieser Hinsicht aber noch einiges bei den Kollegen von FSM und SAE abgucken. Den guten Eindruck der Musik von Elmer Bernstein macht dies aber nicht zunichte, und dies ist doch die Hauptsache. So verbleibt am Schluss, mit gemittelten vier Sternen eine deutliche Empfehlung für dieses Set auszusprechen. Auf dass es nicht der letzte „rejected score“ sei, der dem Filmmusikfan im Nachhinein noch präsentiert wird.

Jan Titel / 15.08.08

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Zu diesem Beitrag existieren aktuell 2 Nutzer-Kommentare. Letzter Kommentar: 20.08.08.

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