Kritiken
Frágiles (Roque Baños)
Filmax / 2005
Bewertung:

Der Film “Frágiles” ist eine spanische Produktion, gedreht von Jaume Balagueró. Die Hauptrolle spielt Calista Flockhart, als Nebendarsteller sind der Australier Richard Foxburgh (Moulin Rouge) und die Spanierin Elena Anaya (Hable con Ella, Lucia y el Sexo) zu sehen. Die Handlung bringt Flockhart als Kinderkrankenschwester in eine Kinderklinik, die geschlossen werden soll. Die Kinder sollen auf den Transport in eine andere Einrichtung vorbereitet werden, ein Zugunglück verhindert die Abreise jedoch beträchtlich. Eine klassische Horrorsituation entspinnt sich, in der ein Fluch, mysteriöse Zwischenfälle, verlassene Gebäudeteile und eine geheimnisvolle böse Kraft, die kein Verlassen des Gebäudes möglich macht, auf den Plan treten.
Für den Komponisten Roque Baños ist der Film aus dem Jahre 2005 also weniger eine künstlerische Herausforderung, denn mehr eine Fingerübung im Horrorgenre. Genau als solche nutzte der 1968 in Murcia geborene Baños den Streifen und entspann ein weites Panoptikum aus orchestralen Spielereien, Horroreffekten und extravaganten Spieltechniken. Dass dabei keine Idee neuartig ist, spielt für diesen Film wohl keine Rolle.
Das Horrorgenre wird gleich zu Beginn mit einem Klangteppich aus Klavierfetzen, verschiedenen geräuschartigen Effekten vom Orchester und einem ordentlichen Tutti zum Wachwerden eingeführt. Mittlerweile konventionell auch die Umsetzung von Angst durch verschiedenste Streicherkombinationen, etwas extrem hoch mit kratzenden Celli oder kleinen Reibungen durch polyphone Stimmführung. Der kindlichen Geschichte gerecht wird die Collage mit Harfe, Klavier, Celesta und einem Kinderchor, die in verschiedensten Kombinationen klanglich wirken. Baños bedient sich hier der vollen Klischeepalette, dennoch schimmert vielerorts sein großes Orchestrationstalent. Tracks wie “Roy’s Death” oder “Trapped Into Elevator”, die auf den ersten Blick nur effektheischende Dutzendware bieten und in ihrem Verlauf eine fein orchestrierte Kakophonie aufbauen, sind typisch für den Score. Wild und dicht, mit Chor und rhythmischen Celli und aufreibenden Violinen ist “Frágiles” in den besten Horrormomenten.
Eine zweite musikalische Richtung offenbaren der “Main Title” und “Sad Women”. Die vorzügliche Streicherarbeit nutz Baños zu etwas konventionelleren Momenten, die zusammen mit Klarinetten, Klavier und Celesta ein wohliger Ruhepunkt im Score sind. Hier wird seine Hingabe zur Musik Bernard Herrmanns sichtbar, denn die differenzierte Streicherarbeit trägt deutliche Züge von “Vertigo” und “Psycho”. Im konventionelleren Teil dieser Passagen arbeitet Baños dannn sogar sehr melodisch und variiert die Stimmung von ausladend ("Main Title") über melancholisch-herb ("Maggie’s Illness") und besonders warm ("Negligence"). Im letzteren Titel bietet er mit er mit dem cellibetonten Streicherapparat und dem tiefen Klavier besonders angenehme Ruheinseln. Apokalyptisch ausladend ist hingegen das Arrangement in “Let’s Get Out Of Here”, wobei den extrem harten und rhythmischen Streichern mit Pauken eine große Rolle zusteht. Auch in diesen Musikteilen zeigt sich, dass der junge Spanier ein absoluter Könner mit dem Orchester ist.
Abschließendes Highlight der Musik ist das klagende Chorstück “They Just Stay Near What They Love”. Nach einem einfachen Klaviersolo als Einleitung entblättert Baños eine herbe Streicherlandschaft, über die ein Knabensopran ein schönes Solo singt. Hier treten wieder die herrmannschen Einflüsse in der differenzierten Streicherbehandlung zutage, im zweiten Teil bekommt das emotionale Stück dann sogar einen religiösen Touch. Ein kleiner Chor übernimmt die Sopranstimme, die Melodie ist das Hauptthema aus dem “Main Title”. Das Hauptthema wird zum Abschluss nochmal in “Konzertfassung” dargeboten, eine letzte Gelegenheit für Baños, sein virtuoses Orchestrationsgeschick zu präsentieren.
Als Erinnerung bleibt vor allem das wohlige und ergreifende Ende und damit die herben, konventionelleren Teile der Komposition zurück. Doch auch die orchestratorisch geschickte Reihung von Horrorfilmklischees prägt die Musik. In diesen Teilen ist der Leerlauf durch reine Suspense und die Dichte von puren Schockeffekten teilweise zu hoch, als dass ein ungetrübter Eindruck bleibt. Doch auch wenn “Frágiles” letzenendes nur eine Fingerübung ist, dass Baños das größte Talent des europäischen Films ist, wird auch hier nicht widerlegt.
Jan Titel / 12.01.09
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