Kritiken
For Colored Girls (Aaron Zigman)
Promo / 2010
Bewertung:

Tyler Perry ist das Gegenteil von einem Liebling der Filmkritiker. Die Bewertungen seiner filmischen Erzeugnisse lassen an ihn eher als Muammar al-Gaddafi der heutigen Filmwelt erscheinen. Mit „For Colored Girls“ wurde noch gnädig umgegangen im Vergleich zu Katastrophen wie „Diary of a Mad Black Woman“, den Kritikerpapst Roger Ebert als Desaster in jeder Hinsicht bezeichnete. Dabei hat sich Perry nicht nur mit Komödien versucht, sondern zunehmend auch mit Dramen, zu denen auch „For Colored Girls“ zählt. Der Film, die Umsetzung eines Bühnenstückes von Ntozake Shange, entstand komplett mit schwarzen Darstellern und nimmt sich einige Freiheiten gegenüber der Bühnenvorlage. Dort werden lediglich sieben Frauen porträtiert, die in einer Sammlung von 20 Gedichten dargestellt werden, in denen der Einfluss von Frauen dargelegt wird. In Tyler Perrys Film sind es 20 Frauen – für jedes Gedicht eine. Zwei davon sind Janet Jackson und Whoopie Goldberg.
Bereits seit „Why Did I Get Married“ (2007) arbeitet Perry mit dem jüdischen Komponisten Aaron Zigman zusammen, der mit seiner musikalischen Collage zu „For Colored Girls“ seine Vielseitigkeit unter Beweis stellt und daher Grund genug ist, die Musik hier vorzustellen – auch wenn sie bislang nur als Promo-CD verfügbar ist.
Herzstück der CD ist das Hauptthema, ein Duett für Klavier und Violine, das nach einer kurzen Einleitung von Harfe und Streichern einsetzt. Der Mann an der Geige ist dabei niemand Geringeres als Virtuose Joshua Bell, den man für die Interpretation des einprägsamen, zerbrechlichen und überaus melancholischen Themas gewinnen konnte. Diese reichhaltige, ausschweifende Melodie, die sich aus zwei Teilen zusammensetzt, wird im weiteren Verlauf der Filmkomposition wiederholt aufgegriffen und variiert – mal vorgetragen vom Klavier oder von einem Holzblasinstrument. Die besagten zwei Teile bilden nicht immer eine Einheit, sondern werden zu gegebenem Anlass voneinander getrennt und derart entfremdet, dass es – wie beispielsweise in „Double Poem“ – den Eindruck macht, eine komplett neue Melodie zu Gehör zu bekommen.
Variation ist jedoch nicht das einzige Talent des amerikanischen Komponisten, welches in diesem abwechslungsreichen Album deutlich wird. So verlangte die filmische Vorlage eine große musikalische Bandbreite, die Zigman zu bedienen versteht, wenn er sich wie ein Chamäleon den Thomas Newman’schen Minimalismus aneignet, ohne dabei seinen eigenen Stil zu verleumden. Neben dem Hauptthema ist das Highlight zweifellos das Duett „La Donna in Viola“, ein eigens von Aaron Zigman für den Film komponiertes Opernstück, das sich wie ein Bolero stets langsam steigert und sich von einer romantischen Hymne in nur drei Minuten zur ekstatischen Zelebrierung des gesamten Orchesterapparates samt Chor wandelt. Ein verführerisches Stück, das auf eindrucksvolle Weise beweist, dass das Letzte ist, was man Regisseur Tyler Perry vorwerfen kann, seinem Komponisten nicht genügend künstlerische Freiheit gelassen zu haben.
Ungewöhnlich ist es, dass ein derartig klassisches Stück von reinem Blues gefolgt wird, doch bei genauem Hinhören vermag „The Lady in Purple“ umso mehr zu erstaunen, denn das Stück für Trompete, Schlagzeug, Bass und Klavier entpuppt sich als Jazz-Variation auf die zuvor gehörte „Donna in Viola“-Melodie – ein geistreiches kompositorisches Spiel, das man in einer derart ungewöhnlichen Art und Weise naturgemäß nur selten in einer einzigen Filmmusik findet.
Mit derartigen Feinheiten können rein atmosphärische Tracks wie „Kelly’s Pyramid“ nicht konkurrieren und leider sammeln sich derartige Stücke gegen Ende der CD, sodass der Musik nach der Hälfte ihrer Spielzeit die Luft auszugehen droht, ist man die bunte Vielfalt des Anfangs gewohnt. Dem kann Zigman letzten Endes auch nicht mehr entgegensteuern, denn die Highlights samt synthesizer-reichem Actionstück befinden sich ausnahmslos in der ersten Hälfte. Der Rest präsentiert sich zwar ausgesprochen lyrisch und gefühlvoll, findet jedoch erst wieder mit dem „End Title“ und dem Hauptthema zu der frühen Stärke zurück.
„For Colored Girls“ zeigt auf beeindruckende Weise die Schönheit von Filmmusik, in der es möglich ist, auf einem einzigen Album sowohl einem Opernstück, Jazz, Minimalismus, als auch lyrischer, orchestraler Romantik des 21. Jahrhundert lauschen zu können. In dieser Magie liegt jedoch gleichzeitig auch die Kritik an dieser CD, die aufgrund der Stilvielfalt nur schwer ein zusammenhängendes Ganzes ergibt. Von der kompositorischen Qualität ist die vorliegende Filmmusik jedoch ein absolut befriedigendes, interessantes Erlebnis. Leicht programmiert überzeugt Zigmans Promo aufgrund des Abwechslungsreichtums vollkommen, ist mal von zerbrechlicher Schönheit und mal von expressiver Stärke, doch stets niveauvoll und elegant.
Stephan Eicke / 28.03.11
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