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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Flight Of The Phoenix (Marco Beltrami)

Varese / 2004

CD

Bewertung:


    01. Elliot (03:01)
    02. Approaching Storm (03:20)
    03. Desert Funeral (01:27)
    04. Frank´s Plea (02:40)
    05. Electrical Storm (01:16)
    06. They can deal (00:59)
    07. Night One (02:34)
    08. Heat Dream (04:24)
    09. Elliot counts on runway (00:51)
    10. Nomad´s Alive (03:21)
    11. Model Citizen (03:12)
    12. Man Missing (01:16)
    13. Heat Stroke (01:38)
    14. Men Hugging (01:20)
    15. Dangers of the Desert (01:25)
    16. Day Labor (01:31)
    17. Wing Crash (01:16)
    18. Nomad Surprise (03:04)
    19. Homeward (01:25)

    TT: 40 min

Das Jahr 2004 kann man rückblickend für die Filmmusik als ein Jahr der “neuen jungen Wilden” bezeichnen. Große etablierte Komponisten trugen mit wenigen Ausnahmen (John Williams, James Newton Howard) kaum Bemerkenswertes bei, mit Elmer Bernstein und Jerry Goldsmith verabschiedeten sich zwei sogar für immer. Potenzielle Nachfolger waren lange nicht in Sicht, viel versprechende Karrieren wie die Klaus Badelts oder Brian Tylers schreiten eher zurück als voran. Mit den Namen jedoch, die sich 2004 in den Vordergrund gespielt haben oder sich mit eindrucksvollen Scores zurückmeldeten (Michael Giacchino, Edward Shearmur, Marco Beltrami oder Christopher Gordon) lässt nicht komplett pessimistisch in die Zukunft blicken.

Der Italo-Americaner Marco Beltrami konnte 2004 an seine ersten großen Big Budget Produktionen anschließen, nach seinem kommerziellen Durchbruch mit “Terminator 3” vertonte er den Actionfilm “i, Robot” und das Remake des Klassikers “Flight Of The Phoenix”, diesmal mit Dennis Quaid und Miranda Otto in den Hauptrollen. Beltrami, der in der Vergangenheit eher im Horrorgenre zuhause war, zeigte schon in vergangenen Scores die Freude an und das Talent zu außergewöhnlichen und konsequenten musikalischen Ansätzen (zum Beispiel der Tango in “Mimic” oder die ausgefeilte Arien-Version des Themas für den Nazi Kroenen in “Hellboy"). Das exotische Setting des “Phönix” war also durchaus geschaffen für ihn, zumal er für sich auch eine neue stilistische Richtung ausprobieren konnte.
Der Film ist eine geradlinig und dramatisch erzählte Geschichte einer Kleinflugzeugbesatzung, die bei einem Routineflug über der Wüste Gobi nach China (nicht wie im Original über der Sahara) abstürzt und in der Einöde um ihr Überleben kämpft. Das Sichern und Reparieren des Flugzeuges scheint als der einzige Ausweg, Durst, Stress und psychische Belastungen erschweren die notwendige Arbeit. Der Weg, den Phönix aus der Asche auferstehen zu lassen erweist sich als extreme Belastungsprobe für Physis und Gruppendynamik. Dass zudem nach einer Weile noch kriegerische Nomaden auftauchen, sei nur am Rande erwähnt.

Beltramis Ansatz ist ein recht moderner, er verzichtet im überwiegenden Teil der Musik auf große Melodien (auch wenn es ein Thema für Streicher gibt) oder klassische effektvolle Abenteuermusik. Vielmehr ergänzt er das Sinfonieorchester gezielt mit Percussions, ethnischen Instrumenten und dem Synthesizer und baut auch eher auf kleine, verzahnte Motive, die wiederholt und variiert werden. Die kreierte Stimmung ist dabei roh, dramatisch und vor allem recht unemotional. Das Orchester spielt rhythmisch betont und nur an einigen Stellen in voller Besetzung. Die geschickten Einsätze zum Beispiel der Fagotte als rhythmische Akzente, des kraftvollen ausbrechenden Blechs oder des aufreibenden Ostinatispiels der niedrigen Streicher sorgen für eine gewisse gespannte, dramatische Grundstimmung. An einigen Stellen erinnern die effektvollen Einsätze mancher Sektionen entfernt an Bernard Herrmanns Herangehensweise an Dramen, in denen genau platzierte und wohldosierte Akzente kleinerer Orchestergruppen eine erstaunliche Wirkung entfalten.
Die ethnischen Instrumente, vor allem Rhythmus- und Blasinstrumente und an einigen Stellen Vokalisen, setzt Beltrami in strenger Symbiose mit den Orchesterklängen ein, indem er auch klassische Instrumente abseits gewohnter Hörpfade aufspielen lässt. Damit wirken die ethnischen Bezüge weniger kulturgeographisch als dramatisch, wie es zu dem identitätslosen Schauplatz Wüste passt. Die erzeugten Klangstrukturen sind stellenweise deutlich clusterhaft und werden in Montagen zusammengefügt, an anderen Stellen wirkt das Klangbild weniger modern. Kurz schimmert ein wenig Howard Shores “The Cell” durch (dessen Konsequenz im klanglichen Konzept aber nie erreicht wird). An zwei Stellen setzt Beltrami zudem den Synthesizer recht drastisch ein ("Heat Dream” und “Heat Stroke"), um die hypnotische Stimmung der totalen Hitze einzufangen. Neben einem synthetischen Beat kommen Stimmen und scheinbar improvisierende ethnische Flöten zum Einsatz, was sukzessive durch einen aggressiven Rhythmus aufgepeppt wird und durch das Orchester ergänzt wird. Konzeptionell geht das in Grenzen auf, akustisch erfordert es ein wenig Toleranz - erweist es sich doch schnell als nervtötend.

An Themen hält der Score zu “The Flight Of The Phoenix” wie bereits erwähnt wenig Eingängiges bereit. In “Frank’s Plea” wird ein sanftes, aber ebenfalls recht herbes Thema für Streicher und Oboe eingeführt, welches auf einem kleinen Motiv des eröffnenden Tracks “Elliot” beruht. Erst das Finale des Films klingt etwas ausladender, die Flugversuche der “Phönix” erhalten einen kleinen heroischen Anstrich, der aber sogleich drastisch gebrochen wird. Nachdem im Track “Wing Crash” eine aufkeimende Melodie abrupt durch eine von Klavier und Percussion dominierten Actionmusik abgelöst wird, hört man in “Homeward” zuletzt eine stark variierte und erstmals “positiv” orchestrierte Version des erwähnten Themas mit vollem Orchester, sodass ein wenig eine Happy-End-Mentalität aufkommt.

Somit präsentiert uns Beltrami eine ganze Reihe gelungener Ideen und Ansätze, die durchaus handwerklich auf hohem Niveau gefertigt sind. Doch bleibt nach dem kompletten Hören der Musik der Eindruck nicht aus, dass das damit geschaffene Potenzial nicht ausgenutzt wird. Kurze thematische Ideen werden nicht spürbar weiterentwickelt, auch klanglich ist keine klare Orientierung zu erkennen, in welche Richtung die Musik letzten Endes gehen sollte. Diese gewisse dramaturgische Schwäche lässt einen zu Teilen unbefriedigenden Gesamteindruck zurück, weil die Musik zwar das Prädikat “gut” eindeutig verdient, am “sehr gut” aber recht deutlich vorbeischießt, obwohl die Grundlagen dazu durchaus zu erkennen sind. Nachdem er – im Gegensatz zu vielen anderen Jungkomponisten – dieses gute Niveau stabilisieren konnte, wäre es jetzt an der Zeit für eine wirkliche Herausforderung für Beltrami.

Jan Titel / 03.03.07

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