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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Far From Heaven (Elmer Bernstein)

Varese / 2002

CD

Bewertung:


    01. Autumn in Connecticut (03:08)
    02. Mother Love (00:42)
    03. Evening Rest (01:52)
    04. Walking Through Town (01:49)
    05. Prowl (01:01)
    06. The F Word (01:11)
    07. No Description listed on CD (01:14)
    08. Party (00:55)
    09. Hit (02:42)
    10. Crying (01:11)
    11. Turning Point (04:46)
    12. Cathy and Raymond Dance (02:02)
    13. Disapproval (01:00)
    14. Walk Away (02:34)
    15. Miami (00:56)
    16. Back to Basics (01:47)
    17. Stones (01:44)
    18. Revelation and Decision (04:21)
    19. Remembrance (01:56)
    20. More Pain (04:04)
    21. Transition (00:55)
    22. Beginnings (02:17)

    TT: 44 min

Die letzten Filmmusiken großer Komponisten üben eine fast magische Anziehungskraft aus, die oft über die bloße musikalische Qualität hinausgeht. Legendär sind die “Abschiedsmusiken” von Bernard Herrmann ("Taxi Driver") und Alfred Newman ("Airport"), in beiden Fällen konnte man ein letztes Mal die Energie und Kraft der Visionen dieser Komponisten erleben. Im Falle Elmer Bernsteins liegt dies etwas anders: Die im Jahr 2002, knapp zwei Jahre vor seinem Tod, entstandene Musik zum melancholischen Drama “Far From Heaven” (deutsch: “Dem Himmel so fern") zeigte ihn von einer empfindsamen und introvertierten Seite. Mit dieser letzten Komposition für die große Leinwand verwies er nicht auf Westernritte oder legendäre Ausbrüche, sondern auf sein heimliches Opus Magnum. “Far From Heaven” atmet spürbar den Geist von “Wer Die Nachtigall Stört” und verbreitet pastellige Herbststimmung. Im Nachhinein ist dies typisch für eine enorm wechselvolle Karriere zwischen dem Golden Age, dem Silver Age und den vereinzelten Aufträgen am Karriereende.

Für die Musik wurde Bernstein 2003 für einen Oscar nominiert, unterlag jedoch Elliot Goldenthal mit seinem Beitrag zu “Frida”. Die Jury stellte sein Lebenswerk hintenan und zog damit den Unmut vieler Fans auf sich, die dem großen Komponisten eine Ehrung am Karriereabend von Herzen gegönnt hätten. Mit einigem Abstand lässt sich sachlich auf die Musik schauen und dabei entfaltet “Far From Heaven” noch immer einigen Reiz. Mit einer kleinen, fast kammermusikalischen und streicherbetonten Besetzung gelingt Bernstein eine angenehme, wohlige und melancholische Stimmungsmalerei, in der Klavier und Cello, sowie Holzbläser mit Soli einzelne Farbtupfer setzen. Bewusst hält er dabei den Orchestersatz einfach, fast transparent und liedhaft in der Verbindung von Begleitung und Melodie. Das Hauptthema wird vom Klavier vorgestellt und oft von schlichten, sehnsuchtsvoll auf und ab wallenden Streichern interpretiert. Besonders schön klingt die Melodie in den Soli von Oboe und Klarinette (die wieder von seiner Tochter Emily gespielt werden).
Als Counterpart arbeitet Bernstein Jazz-Elemente in die Musik ein, ohne dabei den klanglichen Rahmen zu verlassen. Meist begrenzt auf Trompete und Klavier verarbeitet er das Hauptthema zu einem langsamen Tanzstück ("Cathy and Raymond Dance") oder stellt ein neues Motiv vor. Stilistisch ist Jazz hierbei nicht mit wilder Improvisation zu verwechseln, eher gerecht wird man mit Vergleichen bei Cool Jazz oder Salon- und Dinnermusik. Auch hier steht dabei die Einfachheit der musikalischen Strukturen im Vordergrund, nur selten wird es wie in “Miami” überhaupt rhythmisch prägnant. Gleiches gilt für die Nebenmotive der Musik, von denen nur ein kurzes tänzerisches einprägsam ist. Dieses Konzept ähnelt daher “To Kill A Mockingbird” sehr, kann aber dessen Rafinesse und Detailreichtum bei weitem nicht erreichen. Obwohl Bernstein 40 Jahre zuvor ähnliches versucht hat, nämlich durch Reduktion der musikalischen Mittel den Emotionen näher zu kommen, erweist sich “Far From Heaven” in dieser Hinsicht als deutlich spartanischer. Das ist zwar prinzipiell kein Grund, eine Musik abzuwerten, hier treten aber doch die Klassenunterschiede zutage. Ein differenzierterer Orchestersatz kann komplexere Gefühle wiederspiegeln - “Far From Heaven” bleibt hier zwar stil- und stimmungsvoll, aber einseitig und simpel. Das gelungene klangliche Konzept hebt die Musik zwar deutlich über vergleichbare Arbeiten von Rachel Portman, kommt aber über eine schlichte Empfehlung nicht hinaus.

Dieses Fazit kann aber den Zauber der Musik als letzte Note Elmer Bernsteins nicht schmälern. Mit seiner nostalgischen Stimmung passt sie wunderbar in bestimmte Jahres- und Tageszeiten und wird dem Komponisten eindeutig gerecht. Er wusste, wann er sich zurücknehmen musste und einfachste Strukturen sprechen lassen konnte. Die schön produzierte CD aus dem Hause Varèse ist damit in keiner Kollektion überflüssig.

Jan Zwilling / 16.10.08

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