Kritiken
Empire Of The Sun (John Williams)
Warner / 1987
Bewertung:

Die Karriere des Steven Spielberg teilt sich interessanterweise biographisch in zwei Abschnitte. Bekannt wurde er mit hochklassiger Unterhaltung wie “Jaws”, der Trilogie der “Indiana Jones” Filme oder “E.T.”. Mit dem letzten Film dieser Art, der Fortsetzung zu “Jurassic Park” im Jahr 1997 endete diese Phase entgültig (obgleich seit Jahren in den Sternen steht, dass er mit “Indiana Jones 4” zurück zu den Wurzeln geht), nachdem Spielberg schon um das Jahr 1993 herum einen anderen Weg einschlagen sollte. Er drehte mit “Schindler’s Liste” einen anspruchsvollen und in keinster Weise auf Unterhaltung angelegten Film und viele dieser Art sollten in den nächsten Jahren folgen. “Amistad”, “Der Soldat James Ryan” oder “Artificial Intelligence” sind Ausdruck jener neuen Denkweise von Spielberg, die sich an seinem Satz “Ich werde nie wieder einen Film wie Hook drehen” festmachen lässt.
Doch auch in seiner ersten großen Karrierephase ließ er mit ernsten Untertönen aufhorchen, auch wenn sie kaum beachtet wurden und heute eher als Geheimtipps in seinem Werk gelten. “The Colour Purple” war eine recht unausgegorene Familientragödie im Süden der USA, hingegen sein Ausflug nach Asien mit “Empire Of The Sun” bis heute eindeutig einer der besseren Spielbergstreifen. Mit seiner in den späten Dreißigern in Schanghai angesiedelten Geschichte um einen Jungen der britischen Oberschicht (Christian Bale) im chinesisch-japanischen Krieg, der dem zweiten Weltkrieg vorausging, schaffte Spielberg eine tiefgehende Charakterstudie und eine eindringliche Darstellung des Leidensweges des Protagonisten durch die Wirren des Krieges. Nach der autobiographischen Vorlage von J.G. Ballard, der später als Sciencefiction-Autor bekannt wurde, ist es ein subjektives, dramatisches und im Kern sehr menschliches und vor allem vorzüglich gespieltes Stück Kino.
Die Musik von John Williams spielt dabei eine nicht unbeträchtliche Rolle, setzte der Meister doch hier einen relativ ungewöhnlichen Ansatz sehr konsequent um. Ausgangspunkt war die Rolle des Jungen Jamie, der zu Beginn der Handlung in einem Chor der Internationalen Niederlassung der Briten singt. Williams komponierte dafür einen ergreifenden Choral mit Solostimme für Knabensopran, die Textgrundlage, das “Suo Gan” ist einem walisischen Wiegenlied entnommen. Die ganze Geborgenheit und auch Realitätsferne, in der der Junge in der behüteten Welt der britischen Oberschicht mit jeglichem Komfort aufwächst, spiegelt sich in diesem Stück Musik wieder. Dieses Stück ist das emotionale Rückgrat der Musik und auch die Grundlage für den zweiten großen Choral, das klassisch wirkende “Exultate Justi”. Mit dem vollen Einsatz des Chortutti wirkt die Musik gleichzeitig hochdramatisch, jubilierend und anklagend. Sie ist an mehreren Stellen des Films sehr opernhaft eingesetzt und setzt einen fabelhaften Akzent. Besonders im letzten Teil des Filmes taucht das “Suo Gan” wiederholt auf, emotional am stärksten in einer Szene, in der Jamie kurz vor dem Ende des Internierungslagers dieses Lied anstimmt, und in den Gesichtern der britischen Gefangenen die ganze Wehmut wiedergespiegelt wird, da dieses Stück die Erinnerung an ein früheres privilegiertes Leben stellt.
Dazwischen hat Williams noch technisch wie gewohnt hochklassige “konventionelle” Untermalung zu bieten, wovon einige Stücke herausstechen. “Cadillac Of The Skies” ist dem fast unnormalen Wahn Jamies für Flugzeuge gewidmet und untermalt mit beeindruckenden Schichtklängen aus Streichern und Blech den großen Bogen den die Flugzeuge über Jamies Kopf fliegen. Zusammen mit “Jim’s New Life” ist der am häufigsten auf Samplern zu findende Track. Letztere ist ein fast abenteuerhaftes Scherzo für Orchester, dass in seiner Nähe zu etwas positiver konnotierten Williamsmusiken wie “Indiana Jones” oder “E.T.” zunächst im Kontext wie ein Fremdkörper anmuten kann, im Kontext der Szene aber sehr wirkungsvoll ist. Jtamie landet in einem Internierungslager und mit der ihm eigenen Besessenheit macht er sich nützlich und verfolgt mit kleinen Botengängen und größeren Aufträgen für die Mitgefangenen sein neues Leben. Die Musik weiß dabei vorzüglich die leicht entrückte und beängstigende Besessenheit, mit der Jamie zu Werke geht.
Spannend ist zudem noch “The Pheasent Hunt”, eine lange avangardistische Passage, die als einzige Gebrauch von asiatischem Kolorit macht (Shakuhachi und Trommeln) und mit seinem collagehaften, rhythmischen Gestus auf seinen Score zu “JFK” hindeutet.
Fazit: Dass Williams auch schon damals das dramatische Fach exzellent beherrschte, scheint nicht überraschend. Dennoch ist auch diese Musik eher einer der selten genannten in Willliams’ Oevre. Zu Unrecht, denn sie überzeugt vor allem im Filmkontext als meisterhaft dramaturgisch konzipiert und sehr überzeugend auskomponiert. Der Grund ist wahrscheinlich im wenig bekannten Film zu suchen. Beide sind eine Entdeckung wert.
Jan Titel / 01.02.07
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