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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Elizabeth: The Golden Age (Craig Armstrong)

Decca / 2007

CD

Bewertung:


    01. Opening (01:31)
    02. Philip (01:51)
    03. Now You Grow Dull (00:57)
    04. Horseriding (01:38)
    05. Immensities (02:41)
    06. Bess And Raleigh Dance (02:34)
    07. Mary's Beheading (03:22)
    08. End Puddle/Possible Suitors (02:06)
    09. War/Realisation (02:57)
    10. Destiny Theme (02:31)
    11. Smile Lines (01:15)
    12. Bess To See Throckmorton (01:03)
    13. Dr. Dee Part I (03:18)
    14. Horseback Address (02:26)
    15. Battle (03:29)
    16. Love Theme (02:51)
    17. Divinity Theme (05:08)
    18. Storm (03:00)
    19. Walsingham Death Bed (01:51)
    20. Closing (02:01)

    TT: 48 min

Ende des Jahres 2007 entfacht eine neue Filmmusik von neuem die alte Debatte um die vermeintlich korrekte Umsetzung von historischen Stoffen durch den Filmkomponisten. Craig Armstrong komponiert die Musik zu der Fortsetzung von “Elizabeth”, dem biographischen Filmepos mit Cate Blanchett in der Hauptrolle der Queen Elizabeth. Betrachtet man den Zeitpunkt der Filmhandlung (16. Jahrhundert) wird sehr schnell klar, dass eine musikhistorisch korrekte Untermalung dramaturgisch kaum in Frage kommt. Dieses Problem, dass sich in Reinform bei den unzähligen Filmen über die Antike offenbart, ist durchaus nicht neu und die Antworten darauf so zahlreich wie nur irgend möglich. Letztlich bleibt die einzige Messlatte dafür nur die Rezeption des Zuschauers, die Frage ob ihm die musikalische Umsetzung ausreichend historisierend erscheint, um glaubhaft die Epoche der Filmhandlung abzubilden.

Der erste Teil wurde von David Hirschfelder musikalisch betreut und er wählte die Tonsprache des 19. Jahrhunderts mit Anreicherungen von mittelalterlichen Vokal- und Tanzformen, um den geeigneten Ton zu treffen. Ingesamt erwies sich die Musik als dramaturgisch sehr stimmig, auch weil sie nur bedacht eingesetzt wurde und den Stil der im Film vorkommenden Stücke (Tänze) aufnahm.
Armstrong ist bekannt für tendenziell eher moderne Orchesterdesigns mit starker Streicherbetonung und Stärken im Tonmalerischen, im Mood Setting. Seine Filmmusiken strahlen, obgleich meist überwiegend akustisch realisiert, eine artifizielle Kühle aus, vor allem da sie rhythmisch kaum differenziert sind. Für die bisherigen Projekte des Schotten erwies sich dies zumindest im Filmzusammenhang als äußerst wirksam, doch für “Elizabeth: The Golden Age” war aufgrund der starken historischen Elemente und der authentischen Umsetzung eine deutlich stärker klassisch wirkende Komposition gefragt. Es bestand dramaturgisch kein gewollter Effekt der Modernisierung, des Setzens in einen anderen Kontext, der einen musikalischen Kontrast für angemessen erscheinen lässt.

In diesem Zusammenhang wirkt die Musik von der ersten Sekunde an teilweise befremdlich, denn Armstrong unternimmt nur wenig Anstrengung, sich der Rezeption eines modernen Publikums zu stellen oder gar historisch ansatzweise korrekte Elemente in die Musik aufzunehmen. Der Score beginnt mit einem energischen Violinensolo, das schnell in ein massives Streichertutti überleitet. Der Orchestersatz wirkt wenig transparent, eher mit halliger Aufnahme und vermutlich synthetischen Klangflächen aufgeblasen. Er ist rhythmisch strukturiert und sicherlich auch von pompöser Wirkung, doch die Rhythmik spielt einzig und allein auf moderne Pop-Rhythmen an und so wirkt alles stark verwässert und wenig geeignet, den Zuschauer wirklich in eine Zeitreise zu versetzen.
Im weiteren Verlauf fällt vor allem die unnachgiebige Lautstärke und Überorchestrierung auf, mit denen der Film wohl in großen Teilen bedacht wurde. Selbst solistischere Passagen halten den Pegel aufrecht, sodass sich eine natürliche Dynamik, wie sie einem klassischen Orchestersatz eigen ist, nicht einstellt. Streicher wallen mit höchster Dramatik, Soloinstrumente wie die Violine oder an einigen Stellen auch Gitarre, sind künstlich hochgemischt und vor allem der ständige Einsatz des kompletten Blechbläserapparates stößt unangenehm auf. In besonders emotionalen Momenten wie “Mary’s Beheading” setzt Armstrong zudem eine Solostimme ein, verfremdet diese aber durch Aufnahme und Abmischung wiederum so stark, dass ein emotionaler Zugang dadurch kaum entsteht. Es mag nicht abgestritten werden, dass diese Art des Dauerfeuer-Scorings eine dramatisierende Wirkung für den Film hat. Doch viele Beispiele historischer Vertonungen wie zum Beispiel “Michael Collins” von Elliot Goldenthal oder das thematisch verwandte “Anne Of The Thousand Days” von Georges Delerue haben gezeigt, dass wirkliche Dramatik vor allem durch gezielt gesetzte Kontraste entsteht, durch den vorsichtigen und bedachten Einsatz der musikalischen Mittel. Für “Elizabeth: The Golden Age” bleibt so etwas außen vor, die oberflächliche Wucht der Arrangements wird sich nach wenigen Filmminuten abgenutzt haben.

Nimmt man diese beiden Aspekte, Historisierung und Kontraste, zusammen, so beantwortet der vorliegende Score die Frage nach der “passenden” Historienfilmmusik eindeutig: Die Freiheit bei der Untermalung ist groß, dennoch lassen sich in hohem Maße unpassend wirkende Musiken entwerfen. Armstrong bleibt eine wirkliche Idee, sei es auch eine bewusste Modernisierung, schuldig und so mag “Elizabeth: The Golden Age” zwar Oberflächenreize und Potenzial der Dramatisierung des Filmes haben, die wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema ist es nicht. Nicht unerwähnt sollte ebenso bleiben, dass der Score melodisch zwar durchaus reich besetzt ist - besonders ein ruhiges Motiv taucht häufiger auf -, eine solide Variationsarbeit bis hin zum leitmotivischen Aufbau oder eine Handvoll eingängiger Themen sind aber ebenso Fehlanzeige.
Als Randnotiz bleibt zum Schluss auch noch die Frage stehen, in welcher Weise der indische Komponist A.R. Rahman an dieser Musik beteiligt war. In zwei Cues finden sich Partikel ethnischen Scorings, doch 99% des Scores sind dem armstrongschen Idiom entsprungen und lassen keine Rückschlüsse auf die Beteilung zu. Das passt letztendes zu der Enttäuschung, die Armstrong mit dieser Musik hinterlässt - und das, obwohl sie eigentlich halbwegs Durchschnitt ist.

Jan Titel / 11.12.07

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