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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

El Mar (Javier Navarrete)

JMB / 2000

CD

Bewertung:


    01. El Pueblo (03:39)
    02. En el Cementerio (03:35)
    03. La Cueva (04:07)
    04. Justo Pastor (04:06)
    05. En la Galería (03:23)
    06. La Iglesia (04:05)
    07. Hemoptisis (02:19)
    08. Cruz y Cine (02:27)
    09. El Cuerpo (05:29)
    10. El Espejo (06:47)
    11. Estigmas (02:40)
    12. Don Eugeni (02:41)
    13. Polvo (06:28)
    14. El Mar (03:35)

    TT: 55 min

In der Karriere eines jeden erfolgreichen Filmkomponisten gibt es einen Wendepunkt, der seine Arbeit urplötzlich einem weiten Publikum bekannt macht. Das Werk dieses Komponisten gilt es dann in zwei Richtungen zu entdecken: zum Einen liegen meist noch viele Filme vor ihm und zum anderen lohnt ein Blick zurück. Für Javier Navarrete gibt es gleich zwei dieser Wendepunkte in seiner Laufbahn. Im Alter von 50 Jahren wurde er 2006 mit seinem Score zu “Pans Labyrinth” schlagartig bekannt, doch schon sechs Jahre zuvor schaffte er in seinem Heimatland Spanien den ersten Durchbruch. Seine Musik zu “El Mar” fügte seinen Namen der langen Liste an kreativen jungen Stimmen der spanischen “musica de cine” hinzu.
Bei “El Mar” handelt es sich um ein anspruchsvolles Drama um eine Handvoll Kinder im spanischen Bürgerkrieg, die Hinrichtungen und Anschläge unmittelbar erleben und dadurch einen psychischen Schaden davontragen. Für zwei der Kinder enden die Erfahrungen tödlich, woran der Rest unmittelbar beteiligt ist. Jahre später werden die Personen portraitiert, die aus diesen Kindern geworden sind und das Geheimnis noch immer in sich tragen. Der Film von Regisseur Agustí Villaronga lief vielbeachtet auf der Berlinale 2000 und gilt als hartes, anspruchsvolles Genrekino.

Javier Navarrete setzt für die Untermalung dieses Stoffes auf zurückhaltende Dramatisierung in Form eines tiefen, sonoren Streicherapparats. Das Tempo ist langsam, die Klangfarben werden bedächtig gemischt und grelle Ausbrüche, Extravaganzen oder Modernismen gibt es nicht. Die erdigen Töne der Streicher werden ergänzt durch Blechbläser, die größtenteils eine pastorale Erweiterung der Klangpalette darstellen, sowie einzelne Holzbläser wie der Klarinette. Letztere treten teilweise melodisch in Erscheinung, indem sie Linien der Saiteninstrumente aufnehmen und fortsetzen.
“El Pueblo” zeichnet den Weg für größere Teile des Scores vor. Er beginnt dunkel, langsam und fast meditativ mit schreitenden Streichern. Ein ostentativer Grundrhythmus und ein kurzes, sich ständig wiederholendes Motiv erzeugen ein Gefühl von Ohnmacht und Leere. Die Streicher sind dabei durchaus variabel eingesetzt, mal reiben sie sich in kurzen repetetiven Läufen auf und mal spielen sie langanhaltende, ineinander fließende Töne. Es folgt eine etwas kraftvollere Passage, in der der Grundrhythmus zum markanten Stampfen der großen Trommel erweitert wird und Blechbläser hinzutreten. Dabei vermittelt Navarrete keine Explosivität, sondern bleibt seinem ohnmächtig schreitenden, kraftvollen Grundkonzept treu. Die Streicher arbeiten sich begleitend in enormen Tiefe an wuchtigen Läufen ab, was dem Klangbild eine archaisch rohe Note gibt. Zuletzt erklingt noch der erdige Ton einer Soloklarinette, welcher sich vortrefflich in die dunkle Klangpalette einfügt.
Dieser Grundrichtung hält Navarrete den kompletten Score über die Treue, denn nennenswerte zusätzliche Impulse gibt es in “El Mar” nicht zu verzeichnen. So gleitet ein im Ansatz hörenswertes Konzept mit fortschreitender Hördauer leider immer weiter in die Mittelmäßigkeit ab. Zudem hält sich Navarrete mit strukturienden musikalischen Merkmalen in Teilen so stark zurück, dass die Tendenz zum reinen Underscoring besteht. Töne werden wie in “Justo Pastor” gedehnt, es changieren nur Details im Streichersatz und der melodische Faden, der zu Beginn mit einer langsam auf und ab schreitenden Melodie begonnen wurde, geht verloren. Hier fällt es schwer, einen szenischen Bezug zu finden und der Musik auf CD konzentriert zu folgen. Leider wird dieses Problem durch die sehr mäßige Aufnahmequalität verstärkt. Der dumpfe und hallige Klang der in Prag entstandenen CD schluckt zusätzlich Details und fördert das Verschwimmen der Einzelbestandteile. Im Falle einer absolut transparent durchleuchteten Aufnahme, in der jede Streichersektion mit dem Körper ihrer Instrumente im Raum stünde, hätten auch Passagen ihren Reiz, die hier untergehen.

Fazit: Für Filmmusikfans, die Javier Navarrete mit den farbigen Musiken zu “El Laberinto del Fauno” und “Tintenherz” kennen gelernt haben, ist “El Mar” eine große Umstellung. Der Spanier erreicht auch nicht ganz die orchestrale Kraft der Fantasymusiken, hier dominieren langsame und meditative Töne. Trotz dieser Einschränkungen ist “El Mar” eine im Kern überzeugende, durchdachte und mit Abstrichen empfehlenswerte Musik. Eine überzeugendere CD-Präsentation wäre ihr zu wünschen gewesen.

Jan Titel / 28.01.09

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