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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Ein Fliehendes Pferd (Annette Focks)

Normal / 2007

CD

Bewertung:


    01. Ein Sommertag am Bodensee
    02. Latte oder was?
    03. Phimose
    04. Helmut
    05. Vogelbeobachtung
    06. Tanz der Nackten
    07. Sailing Trip
    08. Einladung
    09. Erste Annäherungen
    10. Nach dem Streit
    11. Frust
    12. Träumerei
    13. Klaus
    14. Duschszene
    15. Vogelwanderung
    16. Heißer Kuss
    17. Ein fliehendes Pferd
    18. Massage
    19. Helmut öffnet sich
    20. Einsamkeit
    21. Katerstimmung
    22. Zweiter Segeltörn
    23. Verschollen
    24. Trauer
    25. Die Wiederauferstehung
    26. Der Sprung ins kalte Wasser
    27. Love Will Reign
    28. Bonustrack

    TT: 52 min

Die Literaturverfilmung “Ein fliehendes Pferd” kam im September 2007 in die deutschen Lichtspielhäuser und wurde von Kritik und Publikum mit verhaltenem Wohlwollen aufgenommen. Der Film von Rainer Kaufmann, der in den letzten Jahren mit TV-Filmen wie “Die Kirschenkönigin” auf sich aufmerksam machte, aber vor zehn Jahren auch schon im Kino Erfolge feierte ("Die Apothekerin”, “Long Hello and Short Goodbye"), ist eine Adaption einer Novelle von Martin Walser. In der von manchen Literaturchronisten zum Jahrhundertwerk hochstilisierten Geschichte treffen zwei Lebenswelten aufeinander: Bei einem Segelurlaub am Bodensee trifft das Ehepaar Halm (Ulrich Noethen und Katja Riemann) auf einen alten Jugendfreund von Helmut Halm und dessen junge Lebensgefährtin. Die auf Bequemlichkeit und Entfremdung reduzierte Ehe der Halms wird durch die spontane, ungezwungene und lebensfrohe Art ihrer Widerparts gehörig durchgeschüttelt. Walsers Novelle weidet mit dem Seziermesser die Lust nach erotischen Seitensprüngen, die Reflektion über die eigene Mittelmäßigkeit und die Wettstreit-Mentalität des männlichen Geschlechts aus und gerät damit zu einem kleinen Paradestück über die Abgründe der menschlichen Existenz. Der Film spiegelt dies vor allem seinen hervorragenden Darstellern (Ulrich Tukur spielt den Studienfreund) und den geschliffenen Dialogen wieder.

Die Musik von Annette Focks spielt in der atmosphärischen Konzeption des Films eine wichtige Rolle, setzt sie doch das vergleichsweise normale Setting des Bodensees in einen ungewöhnlichen Kontext. Die in München lebende Komponistin setzte auf ein von Jazzstandards inspiriertes Ensemble, Vocals und ein vornehmlich für die Begleitung bestimmtes Orchester. Es spielen Saxophon, Trompete, Gitarren, Bass, Percussions, Klavier, Cembalo und Marimbaphon, eine Besetzung für die Focks auf ihre langjährige Big-Band-Erfahrung zurückgreifen konnte. Das Orchester tritt vor allem durch die Streicher in Erscheinung, die beiden Vokalisten (Anette von Eichel, Stephan Scheuss) geben wortlose, dem Jazz- und Swingidiom entlehnte Parts zum Besten. In den wenigen orchesterbetonten Tracks spielen sich die Streicher und Vibraphon in den Vordergrund, eine ähnliche Atmosphäre wie in Focks’ “Vier Töchter” kommt auf.
Die Stimmung, die Focks durch diese Orchestration erzeugt, spiegelt vor allem die Ungezwungenheit und die erotische Spannung der Geschichte wieder. Im Booklet der CD-Veröffentlichung werden die französischen Filme der sechziger Jahre als klangliche Referenz genannt und tatsächlich umweht die Musik eine unangepasste und lässige Note, die Helmut Halm sicher gegen den Strich gehen würde. Dabei ist die Stimmung durchaus variantenreich, es kommen sehr swing-inspirierte und schwungvolle Nummern zu Gehör, andere Stücke sind eher mit lateinamerikanischen Rhythmen durchsetzt und versprühen Verve und Rassigkeit. Die Vokaleinlagen sorgen für das betörende und laszive Element, während knarzige Saxophone mit Klavierbegleitung auf die Selbstdarstellung des Jugendfreundes verweisen. Besondere Lässigkeit erzeugen die gepfiffenen Motive von Alex Sputh, die symbolhaft die Lebensfreude und Unbekümmertheit betonen, die den Hauptfiguren fehlt. Die Musik unterstützt somit stark die satirischen Elemente der Geschichte und fungiert als Stimmungskontrast zur Befindlichkeit der Halms.

Es fällt auf, dass Annette Focks sich außerordentlich sicher auf dem Gebiet der Big-Band-Arrangements bewegt und ihr vor allem die Synthese der Stilelemente hervorragend gelingt. Die Orchestration ist abwechslungsreich, das Orchester behutsam und organisch eingebunden und vor allem die Vokalparts sehr natürlich geschrieben. Thematisch bleibt die Musik prinzipbedingt zurückhaltend, doch einige Motive kehren immer wieder. Die Konzentration auf das Mood Setting geht aber voll auf, denn die Geschichte von Martin Walser und die Dialoge und Darsteller des Films sind Leitmotive genug.

Fazit: Die Präsentation von Filmmusiken von Annette Focks auf dem Sampler “Komponiert in Deutschland” täuschte nicht. Auch “Ein Fliehendes Pferd” zeigt die Münchener Komponistin als außerordentlich talentiert und vor allem experimentierfreudig. Dass sie sich mit aufgelösten Orchesterklängen und Jazz-inspirierten Arrangements ebenso gut schlägt wie mit klassischer Sinfonik ("Die Kirschenkönigin") festigt das Bild einer Größe in der deutschen Filmmusiklandschaft, auf die man auch in Zukunft ein Auge haben sollte.

Jan Titel / 10.02.08

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