Kritiken
Effi Briest (Johan Söderqvist)
Königskinder / 2009
Bewertung:

Das Filmmusikgenre lebt in großem Maße davon, dass bestimmte Filmscores über Jahre hinweg eine bestimmte Art und Weise der Vertonung eines Genres vorzeichnen. So entstehen meist dutzende ähnlich gelagerte Musiken, die vermeintlich erfolgreiche Rezepte wiederholen wollen. Welche Musiken sich dabei als stilprägend erweisen, ist nicht selten überraschend und erst Jahre nach der Veröffentlichung erkennbar. Im Falle von “The Hours” dürfte beim Kinostart kaum einer darauf gesetzt haben, dass noch fast zehn Jahre später neue Filme sich gleicher Ingridenzien zur Vertonung bedienen würden - weder der große Kassenerfolg noch der überragende künstlerische Erfolg des Scores von Philip Glass machten die Filmmusik zu einem heißen Kandidaten, stilprägend zu wirken.
Dennoch kamen seit dem eine Reihe von Filmen ins Kino, die ein historisches Sujet mit einem vergleichweise modernen, minimalistischen und dennoch originär orchestralen Vertonungsansatz kombinierten. Entgegen minimalistischer Stilismen, die Bernard Herrmann kultiviert hat, oder Thomas Newmans Kleinstpartikel-Klangwelten, ist der herbe, streicherbetonte und dennoch minimalistische Dramenklang erst in jüngerer Zeit und mit „The Hours“ richtig in Mode gekommen. Zuletzt unterlegte Newcomer Nico Muhly “The Reader - Der Vorleser” mit einem kammermusikalisch-intimen Orchesterscore, der starke minimalistische Züge trägt. Jetzt hat dieses Phänomen auch die deutsche Produktion “Effi Briest” erreicht, die von dem schwedischen Komponisten Johan Söderqvist unterlegt wurde. Minimalismen verstecken sich dabei in einem teilweise recht opulenten Orchesterapparat, dennoch kann auch dieser Score seine Verwandschaft mit Philip Glass oder Michael Nyman nicht leugnen. Letzenendes ist somit weniger das Vertonungskonzept, als die konkrete musikalische Ausgestaltung einen vertiefenden Blick wert.
Wie der Film konzentriert sich die Musik stark auf die Hauptfigur der Geschichte, Effi Briest. Dementsprechend legte Söderqvist die Musik zwar polythematisch an, führte aber alle melodischen Gedanken immer wieder zum Hauptthema zurück. Die Dominanz des einen Themas lässt “Effi Briest” wie einen monothematischen Score erscheinen. Im abschließenden Titel lässt sich das schwungvoll ausschwingende Thema in Suitenform anhören. Aus einem stark rhythmisch strukturierten Streicherapparat erklingt eine zum Teil sehnsuchtsvoll, zum Teil forsch auftretende Melodie, die sich gut für epische Überhöhungen eignet. Für die Begleitung konstruiert Söderqvist geschickt viele kleine Melodie- und Rhythmuspartikel, die er nach Belieben zusammensetzen kann. Dadurch variiert er sehr vielfältg den Gestus des Themas, von einer fast kraftvollen und markanten Version zu Beginn des Titels bis hin zum klavierbegleiteten, melodramatischen Ausschwingen zum Abschluss. Kern des Effi-Themas bleibt dabei immer ein großer Streicherapparat, angereichert mit Klavier, Harfe und Viola. Bläser hingegen sind eine Randerscheinung.
Die zum Teil üppige Orchestration mit fein ziselierten Begleitstimmen verdeckt auf den ersten Blick die minimalistische Grundstruktur der Musik. Deutlich wird dies, wenn Söderqvist die Melodie etwas ins zweite Glied rückt und somit der Rhythmisierung der Klangflächen durch Streicherostinati oder Wiederholungen mehr Raum gibt. Gut zu erhören ist es gleich im Eröffnungstitel “The Proposal”, der zu Beginn und zum Abschluss deutliche Anleihen bei “The Hours” zeigt. “Effi is alone” präsentiert Minimalismus in Form eines gleichförmig auf und ab laufenden Streicherfragmentes, das Söderqvist mit Harfe, Glockenspiel und Klavier anreichert. Gut zu hören ist hier auch das subtile, aber prägende Klangdesign durch verschiedene Samples von Geräuschen und Glockenklängen. Da dies aber stets hinter dem orchestral-minimalistischen Rückgrat der Musik zurücktritt, wirkt es nicht unpassend.
Auf CD ist “Effi Briest” somit eine angenehme, kompetent gestaltete und in Maßen abwechslungsreiche Hörerfahrung. Über die komplette Länge der CD erweist es sich aber als etwas einseitig, dass abseits vom Titelthema kein melodischer Gedanke im Ohr hängen bleibt. Das omnipräsente Thema ist damit vielleicht die Schwäche der Musik, denn da die grundlegende stilistische Ausrichtung wohlbekannt ist, hätte es vielleicht eines zweiten knackigen melodischen Gedankens bedurft. So sind sehr traditionelle Titel wie “The Ride” eine willkommene Dreingabe, die im Gegensatz zum modern-minimalistischen Grundgerüst eine zweite musikalische Perspektive zulässt. Da dieses kleine Streichquartett mit Klavierbegleitung zudem sehr elegant und schmissig komponiert ist, gehört es vielleicht zu den kleinen Highlights der CD.
So bleibt am Ende die Erkenntnis, dass etwas mehr Mut zu einer individuellen Herangsehensweise aus der Musik zu “Effi Briest” eine durchaus spannende Angelegenheit gemacht hätten. Technische Ausarbeitung und Variablität in der Orchestration sind hörenswert, doch die Stilvorlage leider zu präsent. Das starke Hauptthema wird deshalb stellvertretend den Rest der Musik überstrahlen, so dass bereits in den 45 Minuten der CD einige Redundanzen auftreten. Trotz dieser Einschränkungen ist es schön zu hören, dass der deutsche Film in Sachen Filmmusik den Rückstand auf andere Länder weiter verkürzt.
Jan Zwilling / 28.04.09
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