Kritiken
Edition Filmmusik: Komponiert in Deutschland 01 (Annette Focks)
Normal / 2007
Bewertung:

Um Filmmusik auf CD zu veröffentlichen, werden mitunter unorthodoxe Wege gegangen. Strenge Limitierungen machen zuweilen das Erscheinen erst möglich, ein amerikanisches Label wagte sogar einen Versuch mit einer Art Prepaid-CD – um notwendiges Kleinkapital für die in großem Maßstab unrentable Filmmusik zu erlangen. In Deutschland ging zuletzt die Zeitschrift cinema musica den Weg, in Kooperation mit einem spezialisierten Label Musik herauszubringen.
Einen ebensolchen Weg schlägt die „Edition Filmmusik“ ein, die von der Zeitschrift film-dienst und Normal Records produziert wird. Hinter der Schlagzeile „Komponiert in Deutschland“ verbirgt sich ein höchst interessantes Konzept, nämlich erstmalig in Form einer autoriell produzierten und einheitlich gestalteten CD-Reihe die hiesige Filmmusiklandschaft umfassend zu beleuchten. Der Anfang ist mit 4 CDs gemacht, für die Zukunft sind viele mehr geplant. Die Reihe bietet einen systematischen und tief greifenden Einblick in den wieder erstarkten deutschen Film und gibt dem Ottonormalhörer den Anlass, sich mit im amerikanisch dominierten Mainstream vergleichsweise unbekannten Komponisten und Komponistinnen auseinanderzusetzen.
Den Auftakt der Reihe bildet eine Zusammenstellung von Filmmusiken von Annette Focks. Die im Emsland geborene Komponistin studierte an der Musikhochschule Köln und spielte nebenbei in Jazz- und Popbands. Anschließend studierte sie Komposition für den Film in München und erhielt ein Stipendium der European Biennale for Music. Seit der Jahrtausendwende hat sie sich schrittweise in der Film- und Fernsehlandschaft etabliert und gilt nach dem Gewinn des deutschen Fernsehpreises 2005 zu den verheißungsvollsten Nachwuchskomponisten Deutschlands. Enge Beziehung pflegt sie zu den Regisseuren Rainer Kaufmann („Marias letzte Reise“, „Die Kirschenkönigin“ und „Vier Töchter“) und Vivian Naefe („Wellen“ und „Die Wilden Hühner“).
Auf der Zusammenstellung, die Annette Focks mit film-dienst für diese CD erstellte, finden sich Auszüge aus drei Filmen. Neben den Rainer Kaufmann Filmen „Vier Töchter“ und „Die Kirschenkönigin“ kommt die Musik zum halbdokumentarischen Drama „Das Paradies auf Erden“ zu einer CD-Premiere.
Schon die erste Musik zu „Vier Töchter“ präsentiert Focks als eine Komponistin, die enorm geschickt mit sparsamen sinfonischen Mitteln soghafte Klänge erzeugen kann. Sie konzipierte – ähnlich wie Mychael Danna für „Der Eissturm“ – die Musik als Collage aus Streichern, Solisten und ausgewählten ethnischen Instrumenten. Zum Einsatz kommen neben Marimba, Xylophon und Vibraphon auch ein Thaigong, Darbuka und Udo. Zudem setzte Focks verschiedene Gamelaninstrumente ein, um dem Klangbild eine fremdartige Ausstrahlung zu geben. So stehen am Ende Soli von Klavier, Xylophon und Cello neben aparten Klangfiguren der Harfe und Kontrabass, sind Pizzicato-Einsätze der Streicher untersetzt mit kaum klanglich zu verortenden rhythmischen Strukturen der ethnischen Instrumente. Die Mischung erweist sich als keineswegs akademisch, sondern überzeugt als Untermalung für den Filmstoff nachhaltig. Die Gefühlswelten der Mutter, die ihre Tochter vor langer Zeit zur Adoption freigegeben hat und nun wieder mit ihr konfrontiert wird, erhalten ein technisch sehr ausgereiftes und stimmungsvolles Gegenüber.
Für „Die Kirschenkönigin“ greift Annette Focks zu einer größer angelegten Tonsprache. Der dreiteilige Historienfilm verfolgt das Leben einer jungen Bankierstochter in den zwanziger Jahren, die sich den Wunschtraum des Lebens auf dem Lande durch die Hochzeit mit einem verarmten Adligen erfüllt und später mit den Nationalsozialisten in Konflikt gerät.
Dem Slovak Radio Symphony Orchestra sind Solisten für Cello und Violine zur Seite gestellt, zusammen geben sie die melödiöse und pointenreiche Partitur von Focks gelungen wieder. Die Titelmusik spannt mit einem tänzerischen Cellothema den Bogen „Vom Tango zum Traktor“, wie der Track benannt ist. Das Thema wandert sehr schön in die Streicher und durch eine Klarinettenbegleitung der Cellomelodie wirkt das Stück sogar leicht folkloristisch mit jüdischem Einschlag. Ähnlich übernimmt es die Solovioline im Abspann. Im weiteren Verlauf erklingt Klavier in warmer Streicherbegleitung und zum „Markt“ wird es mit schnellen Streicherwirbeln wieder volkstümlich. Insgesamt ist die Musik erheblich konventioneller als „Vier Töchter“, doch durch pfiffige Akzente und eine spürbar gelernte Orchestrierung noch immer sehr hörenswert.
Die CD-Premiere dieser Veröffentlichung ist die skurrile Geschichte um einen Bauernpropheten in der polnischen Provinz der 30er Jahre. Annette Focks komponierte dazu eine ruhige, spartanische und durch den Einsatz von Viola da Gamba und Laute etwas „alt“ klingende Musik. Dies verdichtet sie zu einer fließenden, introvertierten Klanglandschaft, die Raum für eigene Assoziationen lässt. Eine klangliche Referenz findet sich am ehesten noch in Klaus Badelts und Hans Zimmers Musik zu „Das Versprechen“. Eher langsam schälen sich melodische Gedanken der Viola und der Gitarre heraus. Prägnantester Titel ist das Lied „Raju Moj Raju“, in dem Focks eine ausschweifende Melodiestimme über ihr entworfenes Klangbild legt.
Alles in Allem wirft die Zusammenstellung ein äußerst gelungenes Bild auf die Komponistin Annette Focks. Die Erklärung im Booklet, dass sie U- und E-Musik mit gleichem Eifer angeht und die Trennung für sie eigentlich gar nicht existiert, wirkt in Anbetracht der handwerklichen Sorgfalt äußerst glaubhaft. Die hier präsentierte Musik ist vielseitig und zeugt von melodischem, ebenso wie klangmalerischem Talent. Drum sei dieser Einstieg in die deutsche Filmmusik jedem empfohlen, der seinen Horizont erweitern möchte. Denn in Europa wird nicht nur gute spanische und gute französische Filmmusik gemacht, sondern auch gute deutsche.
Jan Titel / 28.06.07
Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.
Nutzer-Kommentare anzeigen
Zu diesem Beitrag existieren aktuell 0 Nutzer-Kommentare. Letzter Kommentar: - .
» Alle Kommentare anzeigen