Kritiken
Eastern Promises (Howard Shore)
Sony / 2007
Bewertung:

Pünktlich zu Beginn der Oscarsaison werden die Filme im Kino wieder anspruchsvoller - oder besser gesagt anbiedernder gegenüber Kritikern. So starten epische Historienfilme wie “Elizabeth: The Golden Age” neben bemühten Polit-Dramen a la “Charlie Wilson’s War” und echten Charaktertobak wie Paul Thomas Andersons “There Will Be Blood”. Interessanterweise reiht sich David Cronenberg mit seinem neuen Film “Eastern Promises” in die Phalanx der Preisanwärter ein, obwohl der Name Cronenberg in der Vergangenheit selten für andbiedernd oder gar mainstream-künstlerisch stand. Es darf wohl mehr als Zufall gelten, dass sein raues und realistisches Drama um das Treiben der russischen Mafia in London in den spekulativen Trubel der Auszeichnungen startet.
Dennoch sollte das nicht darüber hinweg täuschen, dass es sich dabei um äußerst sehenswertes Kino handelt. Cronenberg seziert die internen Machtmechanismen einer russischen Mafia-Organisation in London und erzählt daneben zwei Familiengeschichten. Naomi Watts ist eine Krankenschwester, die über ein Tagebuch einer verstorbenen Schwangeren stolpert und ungewollte Einblicke in die Welt des Clan-Chef der Organisation enthält. In der Rolle brilliert Armin Müller-Stahl, der beweist, dass er auch für abgründige und skrupellose Charaktere eine Spitzenbesetzung ist. Sein Sohn, der weder die Disziplin noch die Cleverness aufbringt, die der Vater sich wünscht, wird exzellent von Vincent Cassel dargestellt. Dazwischen ruht wie ein Monolith die Figur von Viggo Mortensen, der als Fahrer für den Sohn beginnt und sich das Vertrauen des Chefs und den Zugang zum inneren Kreis erarbeitet. Mit ungeheurer körperlicher Präsenz und stoischer Präzision mimt der New Yorker dänischer Abstammung einen über weite Teile des Films rätselhaften Charakter. In der Leistung der Darsteller und dem geradezu unheimlichen Realismus der Inszenierung hat “Eastern Promises” seine Stärken, die leichten Schwächen liegen in einer, auf das wesentlich reduziert, doch recht einfach gehaltenen Story, die der Doppelbödigkeit der Figuren nicht ganz die Waage hält. Anders als in seinen Frühwerken geht es Cronenberg nicht mehr um Metamorphosen, sondern um akribisch ausgeleuchtete Zustände - doch dies ist ebenfalls einen Blick wert.
David Cronenberg vertraute für “Eastern Promises” (in Deutschland als “Tödliche Versprechen” gestartet) wieder auf die musikalischen Dienste von Howard Shore, mit dem er eines der eingespieltesten Teams der Filmwelt bietet. Das erste ihrer 13 gemeinsamen Projekte stammt aus dem Jahr 1979 ("Brood - Die Brut") und mit “The Fly” (1986) und “Naked Lunch” erreichten beide künstlerische Höhepunkte.
Shore musste für “Eastern Promises” einerseits die auf Realismus und Charaktere getrimmte Inszenierung aufnehmen und anderseits eine adäquate Umsetzung des russischen Elementes in England bieten. Er entwarf dazu eine ruhige, fast entrückt episodische Untermalung auf sehr klassischer Basis. Ein kleines Sinfonieorchester mit dem Hauptaugenmerk auf Streicher und Holzbläser wird ergänzt durch eine expressiv aufspielende Solovioline. Shore nimmt dabei das langsame und düstere Erzähltempo auf und erzeugt mit Streichern eine an “The Yards” oder “The Aviator” erinnernde, dunkle Klangfarbenlandschaft. Die Violine gemahnt an klassische Vorbilder, doch sind es hier weniger die Russen, die einem ins Gedächtnis gerufen werden, sondern eher die narrativen Violinenparts aus Werken von Ralph Vaughan Williams oder Jean Sibelius. Die Erzeugung von Klangfarben im höheren Register steht im Vordergrund, obgleich die Musik durchaus melodisch aufgebaut ist. Gelegentlich tauchen selbstverständlich Ähnlichkeiten zu “Schindler’s List” auf und auch die tiefen Streicherarrangements von Willliams’ “Angelas Ashes” lassen Verweise auf Shores Komposition zu.
Thematisch hat die Musik nur wenige Motive zu bieten. Eine signaturartige 4-Noten-Melodie, die wiederholt und variiert wird, fungiert als motivisches Rückgrat der Musik, sie wird zu Beginn gleich als Violinensolo dargeboten. Im Verlauf der Musik tauchen Adaptionen von der Oboe und den Streichern auf, Mittelpunkt bleibt aber immer die fast kadenzhafte Ausarbeitung des Themas von der Violine. Die Funktion im Film ist nicht motivisch, es ist an keine Personen oder Ereignisse gebunden. Kleinere Motivpartikel, wie eine leicht etüdenhafte und tänzerische Erweiterung des Themas in “Tatiana”, bleiben auf kurze Filmszenen beschränkt. Russisches Flair verströmt der getragene Männerchor in “Slavery and Suffering”, zu dem Mortensens Figur in die Organisation aufgenommen und tätowiert wird. Dies ist aber die einzige Stelle im Film, an der die Musik aus ihrer Rolle des klassischen Mood-Settings heraustritt und direkter kommentiert.
Im Filmkontext erweist sich die Musik als sehr subtil und sparsam eingesetzt. Nur wenige Szenen sind direkt musikalisch gestaltet und im Sound-Mix hält sich der Score der Inszenierungsweise geschuldet zurück. Daraus resultiert eine vorsichtig düstere und klassische Klangwirkung der Musik, die dem Film durchaus zuträglich ist. Das Hauptthema an der Violine erscheint an verschiedenen Stellen des Films wie ein zarter Kommentar und prägt durchaus den Stil des Filmes mit, eine größere Rolle steht der Musik aber nicht zu.
Als CD ist die Musik sehr angenehm zu hören, die Arrangements sind stilvoll und sauber ausgearbeitet. Im Gegensatz zum Film kann man hier sogar kleinere Feinheiten abseits der Violinensoli entdecken. Dennoch bleibt es eine zwar runde, aber doch recht wenig abwechlungsreiche Filmmusik. Über die Länge der CD bleiben die Ideen etwas einförmig und eine musikalische Entwicklung findet nicht statt. Dies zeigt einmal mehr, dass ein überzeugendes musikalisches Konzept für den Film und eine gekonnte sinfonische Umsetzung zwar für ein schönes Höralbum sorgen können, aber zum großen Wurf bedarf es doch etwas mehr. Im Hinblick auf die Preisverleihungen wird Shore sicherlich mit Nominierungen rechnen können, der Gewinn einer Statue scheint aber doch übertrieben.
Jan Titel / 02.01.08
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