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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Die Päpstin (Marcel Barsotti)

Königskinder / 2009

CD

Bewertung:


    01. Pope Joan (Main Theme) (02:33)
    02. Joanna's Theme (02:34)
    03. Anno Domini 887 (02:20)
    04. Dorstadt (01:29)
    05. The Amulet (01:54)
    06. Letters in the Forrest (02:19)
    07. Carnival (01:34)
    08. Fulda (02:45)
    09. The Envoy (01:28)
    10. Ingelheim (01:59)
    11. I Wanted You As My Wife (01:41)
    12. Norman Assault (01:31)
    13. Silent Wedding (02:38)
    14. Like a Mustard Seed in the Garden (02:24)
    15. Count Gerold's Pain (03:07)
    16. Johannes Anglicus (03:46)
    17. The Battle of Fontenoy (01:37)
    18. Pope Sergius (02:19)
    19. Pilgrimage to Rome (03:26)
    20. Emperor Lothar (01:59)
    21. Sacred Gates (01:32)
    22. I'll Wait for You Here Every Evening at Sunset (02:21)
    23. Ink for Shame (01:45)
    24. Coronation (02:26)
    25. Papa Populi (02:16)
    26. Easter Ceremony (03:31)
    27. Liber Pontificalis (02:39)
    28. Pope Joan Suite (06:29)

    TT: 68 min

Ein Budget von rund 25 Millionen Euro, umfangreiche Setbauten und opulente Kostüme, internationale Stars in prominenten Nebenrollen und eine für deutsche Verhältnisse goßzügig dimensionierte Marketingkampagne - Sönke Wortmanns Verfilmung des Erfolgsromans “Die Päpstin” von Donna Woolfolk Cross überließ nichts dem Zufall und sollte die Speerspitze des deutschen Films neu markieren. Nachdem sich mehrere Jahre lang Volker Schlöndorff mit dem Stoff beschäftigt hatte, die Finanzierung aber scheiterte, übernahm ein Produzentenkonsortium unter Leitung von Constantin Film das Ruder und trimmte die Adaption auf High-Budget-Unterhaltung. Eine Fernsehauswertung als verlängerter Zweiteiler ist vorprogrammiert und so ist einer von Deutschlands bisher teuersten Kinofilmen ein Zwitter, eine Amphibie zwischen Leinwand und Mattscheibe. Entsprechend kontrovers wurde “Die Päpstin” von der Kritik aufgenommen, zwischen gelungenem Historiengemälde und lebloser Materialschau bewegten sich die Urteile des Feuilletons.

Ähnlich aufwändig und opulent liest sich die Produktion der Filmmusik zu “Die Päpstin”. Komponist Marcel Barsotti war als Stammkraft von Sönke Wortmann schon früh involviert und begann ein Jahr vor Drehbeginn mit ersten Skizzen. Für die eigentliche Komposition und Aufnahme der Musik ließ sich Barsotti zehn Monate Zeit und integrierte ein großes Sinfonieorchester, einen gemischten und einen gregorianischen Chor sowie Solisten an Klavier, Violine, Viola, Cello, Flöten, ethnischen Blasinstrumenten wie Ney sowie verschiedene Percussions in seinem Score. Die Recording Sessions und die Mischung verschlang daher viel Zeit, die Barsotti aber ohne Stress zur Verfügung gestellt bekam. Ideale Ausgangsbedingungen also für eine klanggewaltige, vielschichtige und dramatische Musik.
Sönke Wortmann beschreibt Barsottis Score im Booklet als Anti-Hollywood und tatsächlich sind die leisen Töne und sanften Klangfarben deutlich in der Mehrheit gegenüber aufbrausenden Historienklischees. Barsotti setzt den Grundton der Musik in “Pope Joan Main Theme” mit Streichern, Klavier sowie Streichersoli eher introvertiert und bedächtig. Das Thema ist behutsam ausgearbeitet und erzeugt mit seinen runden, ständig auf und ab strebenden melodischen Figuren ein Gefühl von Vorsicht, Bedachtsamkeit und Zurückgezogenheit. Der streicherdominierte Klang ist weich und warm. Trotz dieses Ansatzes mag man Wortmann mit seiner Anti-Hollywood-These nicht ganz folgen, denn auch in der Traumfabrik werden nicht selten wohlig-sanfte Klänge zu Historienfilmen gereicht (siehe beispielsweise das Finale von „Gladiator“). Zudem ist Barsottis Orchestersatz in erheblichem Maße den Traditionen der amerikanischen Kinosinfonik verpflichtet. “Joanna’s Theme” zeigt überdeutlich die Verquickung von modernem Easy-Listening in Form der Klavierbegleitung und die Tendenz zu glatten, wenig komplexen Arrangements. Nach dem ersten Klangeindruck offenbart die Musik zu “Die Päpstin” wie viele Hollywood-Scores keine neuen Details und raffinierten Instrumentationseinfälle. Der historische Anstrich ist daher wie in vielen aktuellen Hollywood-Produktionen ("Troja" oder “Alexander") lediglich als flüchtiger erster Eindruck wirksam, die Konstruktion der Musik ist jedoch einfach und perfekt auf heutige Hörgewohnheiten getrimmt.

Dieser Eindruck setzt sich an vielen Stellen der Musik fort. Im stimmungsvollen “Anno Domini” wird beispielsweise der gregorianische Chor klangschön eingesetzt und sorgt für eine zeitliche Referenz der Handlung. Im Grunde unterscheidet sich dies in der Umsetzung wenig von auf Mittelalter getrimmten New-Age-Produktionen, die die Choreinsätze ebenfalls als “Klangtapete” einsetzen, in ihrer orchestralen oder synthetischen Ausarbeitung aber schlicht bleiben. Gabriel Yared hat mit seinen fantastischen und komplexen Chorstücken für die abgelehnte Musik zu “Troja” bewiesen, dass dies auch anders geht. Ein ebensolcher Eindruck entsteht in den dramaturgisch wohl dosierten kraftvollen Ausbrüchen der Musik. Etwa in “Norman Assault” oder “Battle in The Fontenoy” fährt Barsotti markige Blechbläserfiguren, kraftvoll schreitende Streicher und Percussion und Chor auf, schafft aber auch hier keine wirkliche Signatur, die die Musik einzigartig macht. Die stampfenden Rhythmen wirken statisch und bemüht, die Zusammensetzung des Orchesters konventionell - die Musik könnte in das 9. Jahrhundert genauso wie in das 20. passen. Anders als beispielsweise in Jerry Goldsmiths “First Knight”, der prinzipiell ähnliche Probleme hat, gelingt Barsotti zudem kaum eine Sequenz, die allein musikalisch mitreißt. Der Grad an orchestratorischem Raffinement ist gemessen an der wirklich luxuriösen Produktionszeit enttäuschender Durchschnitt.

Fazit: Genau wie beim Film macht man mit der Musik sicher nichts falsch. Sie ist klangvoll und gut produziert und erfüllt im Film ihre Dienste völlig ausreichend. Wer mehr erwartet, muss leider zurückstecken, denn sie bewegt sich vollständig im konventionellen Klangrahmen Hollywoods und bietet innerhalb dieser Grenzen kaum eine einfallsreiche Wendung, einen musikalischen Kniff oder eine mitreißende Sequenz. Die mangelnde Komplexität der Arrangements ist zwar im Filmkontext keine wirkliche Schwäche, auf der fast 70-minütigen CD fällt sie jedoch deutlich auf und limitiert den Hörgenuss. Es zeigt sich ein weiteres Mal, dass die größte und teuerste Filmproduktion kein Garant für Filmmusik auf höchstem Niveau ist.

Jan Titel / 16.11.09

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