Kritiken
Die Kirschenkönigin (Annette Focks)
Selbstverlag / 2004
Bewertung:

Die Reihe “Komponiert in Deutschland” aus dem Hause Normal Records ermöglicht den Filmmusikfans einen wunderbaren Einblick in die sonst wenig beachtete deutsche Filmmusikindustrie. Mit bisher vier Ausgaben und der Planung weiterer liegt ein schön editiertes Kompendium vor, welches bekannte und unbekannte Musikschaffende porträtiert. Ein Highlight der Reihe war gleich die erste Ausgabe mit Filmmusiken von Annette Focks, die höchst unterschiedliche Scores zu “Vier Töchter”, “Das Paradies auf Erden” und “Die Kirschenkönigin” präsentierte. Vor allem der elegant-orchestrale Schnitt des Fernsehdreiteilers “Die Kirschenkönigin” überzeugte mit Finesse und geschickten Klangfarben, sodass sich ein ausführlicherer Blick auf die Musik lohnt.
Die vorliegende CD ist mit Musik aus allen drei Teilen des Fernsehfilms prall gefüllt und bietet mit über siebzig Minuten einen essentiellen Querschnitt des Werkes. Der Historienfilm verfolgt das Leben einer jungen Bankierstochter in den zwanziger Jahren, die sich den Wunschtraum des Lebens auf dem Lande durch die Hochzeit mit einem verarmten Adligen erfüllt und später mit den Nationalsozialisten in Konflikt gerät.
Im Vergleich mit der gut zusammengestellten Suite auf dem Sampler fallen einem zwei Dinge auf: Erstens fügt die komplette Fassung des Soundtracks dem Gestus der Musik keine wirklichen Neuerungen hinzu, zweitens wirkt der Score aber hinreichend gut orchestriert und das musikalische Konzept ist abwechslungsreich genug, um auch über die volle Distanz einer CD keinen Durchhänger zu haben. Das erstaunt, denn gerade in Fernsehfilmen gleitet die musikalische Untermalung abseits der Hauptthemen häufig in einfache Reproduktionen des schon Gehörten ab. Hier können aber stellvertretend für die gesamte Musik die Ausführungen zur Suite unterstrichen werden: Dem Slovak Radio Symphony Orchestra sind Solisten für Cello und Violine zur Seite gestellt, zusammen geben sie die melodiöse und pointenreiche Partitur von Focks gelungen wieder. Die Titelmusik spannt mit einem tänzerischen Cellothema den Bogen „Vom Tango zum Traktor“, wie der Track benannt ist. Das Thema wandert sehr schön in die Streicher und durch eine Klarinettenbegleitung der Cellomelodie wirkt das Stück sogar leicht folkloristisch mit jüdischem Einschlag. Ähnlich übernimmt es die Solovioline im Abspann. Im weiteren Verlauf erklingt Klavier in warmer Streicherbegleitung und zum �Markt� wird es mit schnellen Streicherwirbeln wieder volkstümlich. Insgesamt ist die Musik erheblich konventioneller als „Vier Töchter“, doch durch pfiffige Akzente und eine spürbar gelernte Orchestrierung noch immer sehr hörenswert.
Die komplette Fassung unterstreicht den gehaltvoll-sinfonischen Anstrich der Musik und festigt das Urteil über Focks’ orchestratorische Fähigkeiten, die Spannung über den langen Zeitraum aufrecht zu halten. Deutlicher treten in der Komplettfassung die Klangmalereien der vollen Streicher ("Ankunft in Bleicherode") und das vielseitige Spiel der Violine hervor. In “Zelda stirbt” gelingt Focks eine befremdlich anmutende Dramatik durch die Solovioline, der auch etwas grimmigere Blechbläser zu Seite gestellt sind. Auch wirkt der dramaturgische Aufbau der gesamten Reihe musikalisch nachvollziehbarer: Im ersten Teil dominieren noch eher die weitläufigen Streicherarrangements und wehmütige sowie folkloristische Einschübe. Die folgenden Teile 2 und 3 sind zwar ohne Bruch in musikalischer Kontinuität komponiert, räumen aber deutlich herberen Stücken mehr Raum ein. Blechstöße untermalen den “Arrest” dramatisch, während im weiteren Verlauf die Violine einen deutlich jüdischeren Klang erhält und sich in unbequemen Streicherarrangements zusammen mit Solostimme und Cello aufreibt. Zum Ende dominiert das Klavier stärker und sorgt für einen eher melancholischen Abschluss des Dreiteilers.
Wer die Musik vom Sampler “Edition Filmmusik: Komponiert in Deutschland” kennt und schätzt, wird hier keine Enttäuschung erleben. “Die Kirschenkönigin” wurde von Annette Focks im besten Sinne konventionell und traditionell-sinfonisch unterlegt und weiß auch über eine volle CD-Laufzeit zu überzeugen. Wer gänzlich neu in Focks’ Werk ist, findet mit dieser CD auch einen idealen Einstieg, denn die Musik bietet angenehme Unterhaltung auf orchestratorisch hohem Niveau mit geringem Risiko, denn das Konzept kann kaum einen Filmmusikfan verschrecken. Wer es experimenteller und abwechslungsreicher mag, der greife als Einstieg zum genannten Sampler, der zusätzlich deutlich gewagtere Kompositionen enthält. Empfehlenswert sind beide CDs ohne nennenswerte Einschränkung.
Noch ein Hinweis zur Erhältlichkeit: Die CD zu “Die Kirschenkönigin” ist ohne ein großes Label erschienen und ist deshalb nicht in üblichen Vertriebswegen erhältlich. Der soundtrack-club hält die CD bereit, sie kann so auch bei amazon-marketplace bestellt werden.
Jan Titel / 05.03.08
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