Kritiken
Die Drei Fragezeichen - Das Geheimnis der Geisterinsel (Annette Focks)
Edel / 2007
Bewertung:

Kinder- respektive Jugendfilme sind für die Filmmusik ein zweischneidiges Schwert. Zum Einen vertragen vor allem Animationsfilme eine deutlich präsentere, direktere Vertonung mit variablen Stilen, Comicelementen und großen Themen, zum Anderen wirken aber die oft nur kleinen dramatischen Spannungsbögen hemmend auf eine reife Musikdramaturgie. Häufig bleibt gar nur in Sekundenbruchteilen wirksames Mickey Mousing. Gegenbeispiele dazu lassen sich an einer Hand abzählen, Jerry Goldsmith behandelte zum Beispiel die Geschichte zu “The Secret of Nimh” wie einen normalen Film und schuf stellenweise erstaunlich erwachsene Arrangements.
Ähnliches lässt sich nun für eine komplett andere Vertonung konstatieren. Der deutsche Kinofilm “Die Drei Fragezeichen: Das Geheimnis der Geisterinsel” ist eine Umsetzung der unter Jugendlichen fast schon kultigen Hörspielreihe, für die einst Alfred Hitchcock seinen Namen hergab. Die Detektivgeschichte, die zu großen Teilen in Afrika spielt, vertonte Annette Focks und verpasste dem Unterhaltungsfilm einen stellenweise beeindruckend ausgefeilten und reifen Orchesterscore. Mittlerweile gewohnt ist man bei der Münchenerin die routinierte Orchesterbehandlung, welche schon die Basis für gelungene Musiken wie “Die Kirschenkönigin” oder “Ein fliehendes Pferd” lieferte. Hier erstaunt aber von neuem, mit welcher Selbstverständlichkeit sie einem Stoff wie diesem dieses erwachsene Konzept überstülpt und dabei in keiner Note den Eindruck des Artifiziellen erweckt.
Die gut gefüllte Soundtrack-CD ist somit für eine Reihe von Aha-Erlebnissen gut. Die erste Erkenntnis: Track 1 sollte man schleunigst überspringen, dabei handelt es um die originale Hörspielmelodie von Denis Goekdag und Gerhard Ottmer. Diese verbreitet mit heftigen Synthesizer-Akkorden eher Kopfschmerzen als Hörlust. Mit dem von Focks komponierten “Elevator” präsentiert sich aber flugs ein anderes Bild: Großformatige Orchester-Action mit viel Rhythmus und dramatisch wallenden Streichern leitet den Score ein und kleidet den Beginn der Handlung in ein abenteuerliches Gewand. Was anfangs noch leicht holprig klingt, wirkt im weiteren Verlauf der Musik sehr überzeugend. Focks versteht es blendend, sich der Kräfte des Orchesters für die Actionszenen zu bedienen und füllt damit eine weitere Lücke in der Sammlung von ihr überzeugend komponierter Musikstile.
Prägend für den Score sind aber noch zwei weitere musikalische Einflüsse. Der Schauplatz Afrika bekommt einen sehr prominenten Anteil an der Musik und zudem reflektiert die Komponistin die Detektivgeschichte mit vielen Cues, die fast als Hommage an den Bond-Sound von John Barry durchgehen könnten. Die afrikanischen Einflüsse, mit denen sie seit “Malunde” (2005) Erfahrung hatte, manifestieren sich durch einige ethnische Flöten und Percussions und vor allem die vielgestaltigen Chor- und Sologesänge. Eigens in Johannesburg wurden ein knappes Dutzend afrikanischer Sänger aufgenommen, die später mit dem instrumentalen Aufnahmen kombiniert wurden und ein passendes Afrikabild vermitteln. Die Texte stammen ebenfalls von der Komponistin und wurden in die Stammessprache Xhosa übersetzt, die im südlichen Afrika verbreitet ist. Dabei wurde mehr Wert auf die dramatische Einbindung der Sänger und auf den Charakter eines europäischen Jugendfilmes geachtet, als auf unbedingte Authentizität. Ein solches wäre der Geschichte auch nicht unbedingt zuträglich.
Die klanglichen Signaturen der Agentenfilme sind auch normalen Kinogängern geläufig. Big-Band-Instrumente wie Trompete, Saxophon und Schlagzeug, Klavier und Bass werden in rhythmisch betonten, lässigen Arrangements dargeboten. Mit solchem Rüstzeug hat Focks jahrzehntelange Erfahrung und so merkt man auch hier die spielerische Leichtigkeit, mit der diese Einflüsse in das Orchester integriert und stellenweise sogar pointiert aufbereitet werden. Phasenweise bekommt der Score ein leichtes Flair von Bond-Parodien wie “Austin Powers” oder “The Incredibles”.
Insgesamt wirkt der Score zu “Die Drei Fragezeichen” trotz der unterschiedlichen Stileinflüsse erstaunlich rund. Thematisch hält er sich etwas zurück, obwohl es eine knappe Handvoll Motive gibt und vor allem die Chorpassagen melodisch ebenfalls ansprechend sind. Bemerkenswert ist aber die Konsequenz und Ernsthaftigkeit, mit der Annette Focks auch vermeintlich oberflächlichere Projekte angeht. An keiner Stelle wirken Arrangements schnell “aufgefüllt” oder gar per copy and paste eingefügt, vielmehr stehen Titel wie “Grief and Loneliness” mit ihrer authentischen Dramatik ernsten Stoffen kaum nach. Mit jedem Score komplettiert sich vielmehr das Bild einer allseitig begabten Komponistin, die jeden Stoff mit entsprechendem Engagement und notwendigem Ernst vertont. Hoffen wir auf mehr davon!
Jan Titel / 05.04.08
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