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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Departures (Joe Hisaishi)

A&M Japan

CD

Bewertung:


    01. Shine of Snow I (01:14)
    02. Nohkan (03:12)
    03. Kaisan (00:55)
    04. Good-by Cello (02:18)
    05. New Road (01:17)
    06. Model (00:49)
    07. First Contact (01:53)
    08. Washing (00:36)
    09. Kizuna I (01:59)
    10. Beautiful Dead I (03:14)
    11. Okuribito (On Record) (01:53)
    12. Gui-Dance (02:28)
    13. Shine of Snow II (02:27)
    14. Ave Maria (Okuribito) (05:31)
    15. Kizuna II (02:06)
    16. Beautiful Dead II (02:39)
    17. Father (01:42)
    18. Okuribito (Memory) (04:12)
    19. Okuribito (Ending) (04:59)

    TT: 45 min

Erst in den vergangen Jahren öffnete sich die breite Masse der Filmmusikfans in größerem Maße für Scores, die nicht aus der Traumfabrik Hollywood stammen. Zwar ist die öffentliche Wahrnehmung noch immer maßgeblich durch die amerikanische Filmindustrie geprägt, doch genuin europäische Produktionen und ihre Scores von beispielsweise Alexandre Desplat, Alberto Iglesias oder Annette Focks erlangen eine breitere Öffentlichkeit als noch vor zehn  Jahren. Bis zu japanischen Filmmusiken ist diese Horizontaufweitung allerdings noch nicht vorgedrungen, denn obwohl das Land neben den USA die wohl reichste Tradition sinfonischer Filmmusik aufweist, ist lediglich Joe Hisaishi der Mehrheit der Fans ein echter Begriff. Dies ist zum Teil dem Fakt geschuldet, dass sich im Kino kaum Gelegenheiten ergeben, japanische Filme und ihre Scores zu erleben. Dazu kommt aber auch die große Vielfalt der Komponisten, in die ein Einstieg völlig ohne Orientierung schwer fällt.

Dass Joe Hisaishi diese Hürde bereit genommen hat, ist auf seine langjährige Kollaboration mit den Animationsstudio Ghibli und im speziellen mit dem Regisseur Hayao Miyazaki zurückzuführen. Doch auch abseits hierzulande bekannter Scores wie “Kikujiros Sommer” oder “Das Wandelnde Schloss” betreut Hisaishi in Japan viele Filme. Einer davon ist der Oscargewinner des Jahres 2009 für den besten fremdsprachigen Film, das Drama “Okuribito”. Der als “Departures” international vermarktete Film könnte nicht weiter vom unbeschwerten Kinderspaß seiner Animationsfilme entfernt sein, denn es handelt sich um ein Drama um einen arbeitslosen Cellisten. Dieser entschließt sich, in seine Heimatstadt zurückzukehren und nimmt einen Job bei einer Firma namens “Departures” ab. Dahinter verbirgt sich allerdings kein Reisebüro, sondern ein Bestattungsservice. Der deprimierte Cellist stürzt sich in die Aufgabe, die Toten auf den Weg ins Jenseits vorzubereiten. Der Film lebt von seinem authentischen Stimmungsbild und dem bisweilen lakonischen Humor, mit dem die Hauptfigur den philosphischen Fragen nach Leben und Tod auf den Grund geht.
Hisaishi ist ein Komponist mit einer sehr klaren, gut erkennbaren Tonsprache und Orchesterbehandlung, die sich gut auch über Genregrenzen nachverfolgen lässt. Er arbeitet sinfonisch ohne Einbeziehung von ethnischen Instrumenten oder harmonisch-melodischen Verweisen auf sein Heimatland. Der Orchestersatz ist bei Hisaishi elegant und voluminös, er breitet gerne Soli vor einer Streicherkulisse aus und integriert schmückendes Beiwerk eher mit dem groben Strich als mit fein ziseliertem und subtilen Instrumentationen. In dieser Manier gestaltet er farbenfrohe und melodiöse Kinderfilme ebenso wie intime Dramen, die dadurch einen nostalgischen Anstrich bekommen, der zum Teil auf ähnliche Vertonungsweisen Ennio Morricones verweist. Für “Departures” verfolgt Hisaishi diesen Weg und vermeidet große Überraschungen. Er setzt einen großen Streicherapparat ein und ergänzt ihn dekorativ mit Klavier, Harfe und - als Symbol für die Hauptfigur - Cellosoli. Anders als John Williams bei seinem ähnlich instrumentierten Score zu “Angela’s Ashes” verordnet der Japaner dem Orchester lang anhaltende, getragene Akkorde, warme Klangflächen und in einander fließende melodische Linien. Hisaishi teilt die Streicher oft in drei oder vier Stimmen, die die harmonischen Akkorde aufbrechen und so für immerwährende klangliche Verschiebungen auf derselben harmonischen Grundlage sorgen. Auf den Punkt bringt er seine melodischen Einfälle durch Soli von Klavier und Cello, dennoch bleibt aufgrund des klanglichen Ansatzes ein Hauptthema lange vage. Zwar ist jeder Titel in sich melodisch, doch ein Leitmotiv etabliert sich erst mit dem Titel “Okuribito (On Record)” zur Filmmitte.
Das Hauptthema, angedeutet bereits nach der improvisatorischen Klaviereinleitung im Eröffnungstitel “Shine Of Snow I”, offenbart sich final zu einem sehr schönen und wunderbar fließenden melodischen Einfall. Den ersten großen Auftritt hat es als Cello-Rhapsodie in “Ave Maria (Okuribito)”. Hisashi lässt den melodischen Kern des Themas sehr schön mit dem sonoren Cello über eineinhalb Minuten ausarbeiten und begleitet nur mit der Harfe. Schließlich tritt das Klavier und das Streichorchester hinzu und verschaffen dem Thema eine warme, elegante und eingängige Variation. Stilistisch ist Hisaishi sehr nahe an Kammermusik der Jahrhundertwende mit Cello und Klavier, wie etwa der Sonate für Cello und Klavier Op. 6 von Richard Strauss oder einer gleichnamigen Sonate von Carl Goldmark. Erst spät im Verlauf der Musik geht Hisaishi über diesen Bezugsrahmen hinaus und setzt die Streicher rhythmisch prägnanter ein. Dann kommen auch Blasinstrumente und Pauke hinzu.

Die Musik zu “Okuribito” von Joe Hisaishi überzeugt somit durch das stilsichere Klangbild und vor allem durch das besonders zum Ende der CD prominente Titelthema. Hier setzt der Japaner seine sinfonische Routine ein und präsentiert die Melodie mehrfach in bestem Lichte. Dramaturgisch bleibt der Score durch die Herangehensweise bedingt recht vordergründig, da Brechungen und Reibungen oder fundamentale Klangbildveränderungen ausbleiben. Ein komplexes musikalisches Gebilde wie John Williams in “Memoirs Of A Geisha” gelingt Hisaishi dadurch in keinster Weise. Eine deutliche Emfpehlung mit noch genügend Luft nach oben ist dementsprechend mit 3,5 Sternen gut bedient.

Zu beziehen ist die Musik am besten über den Amazon Marketplace oder Spezialhändler wie Chris’ Soundtrack Corner.

Jan Titel / 14.09.09

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