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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Defiance (James Newton Howard)

Sony / 2008

CD

Bewertung:


    01. Defiance Main Titles (2:27)
    02. Survivors (2:11)
    03. Make Them Count (2:40)
    04. Your Wife (3:07)
    05. The Bielski Ostriad (5:18)
    06. Bella and Zus (2:16)
    07. Exodus (4:30)
    08. Camp Montage (2:23)
    09. The Wedding (1:37)
    10. Winter (2:02)
    11. Escaping The Ghetto (1:35)
    12. Police Station (4:34)
    13. Tuvia Kisses Laila (3:17)
    14. Nothing Is Impossible (7:36)
    15. The Bielski Brothers (2:52)

    TT: 48 min

Man wähnte James Newton Howard schon auf dem absteigenden Ast. Nach jahrelangem kontinuierlichem Aufstieg - künstlerisch und finanziell - übte er sich seit der Jahrtausendwende immer häufiger im Mittelmaß. Er vertonte neben sicheren Geldbringern wie “King Kong” viele kleinere Filme mit für Filmmusikkomponisten mäßigen Entfaltungsmöglichkeiten. Unbestreitbar war gelegentlich eine ordentliche Musik dabei, man denke etwa an “Blood Diamond” oder “Water Horse”, doch den Elan seiner Animationsfilme oder den Feinsinn von “Schnee der auf Zedern fällt” schien er hinter sich gelassen zu haben. “Defiance” könnte das vorläufige Ende dieser Schaffensperiode sein, denn ohne voreilige Schlüsse auf die Qualität des Gebotenen anzustellen kann man seiner Musik endlich wieder eines attestieren: Ambition.

“Defiance” ist eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, erzählt in kalten und wuchtigen Bildern unter der Regie von Edward Zwick. Daniel Craig gibt den Anführer einer versprengten Partisanengruppe, die einen Guerillakrieg mit begrenzten Ressourcen gegen den deutschen Feind führen. Es sind Frauen, Kinder, Bauen und Handwerker, mit denen er kämpft. So inszeniert Zwick das Drama weniger als Schlachtenepos, sondern als Lehrstück über den menschlichen Willen.
James Newton Howard, zum ersten Mal für den Regisseur aktiv, besann sich auf genau diesen menschlichen Kern der Handlung und baute seine Musik konsequent als gefühls- und nicht aktionsbezogen auf. Er stellte den Bildern eine melancholische, kühle und eingängige orchestrale Musik zur Seite, die von ihren Soli der Violine lebt. Keine Dissonanzen prägen das Bild, nur gelegentlich schwillt das Orchester zu wuchtigen, rhythmusgetriebenen Tableaus an. Diese Herangehensweise zeigt, dass Howard den Stoff weniger als Kriegsfilm interpretiert hat, sondern als Drama menschlichen Handelns unter den besonders schwierigen Vorraussetzungen der Kriegshandlungen. Damit nähert er sich konzeptionell “Snow Falling On Cedars”, doch dessen Score konnte auf noch mehr Ebenen der musikalischen Gestaltung verweisen (Stichworte synthetisch, ethnisch, choral). Am ehesten vergleichbar ist “Defiance” somit mit “The Village”, bezogen auf die lyrischen Violinenparts.

Eröffnet werden Film und Musik mit einem schweren und melancholischen Streicherarrangement, in das sich einzelne Schlagwerkfragmente mischen. Die trostlose Stimmung wird von dem rauhen und wenig auf harmonischen Zusammenhang ausgelegten Einwurf der Violine von Joshua Bell unterstützt. Angenehm klassisch und spröde, in den wenigen Sekunden Violinenparts sogar etwas konzertant wirkt der Einstieg also. Im weiteren Verlauf der Musik nimmt aber die singende Geige Überhand, findet sich eingebettet in zyklische Streicherläufe und kontrastiert düstere Momente. Melodielinien werden länger und klangliche Ähnlichkeiten zu “The Village” werden unverkennbar. In “Exodus” schimmert ein wunderbar fließendes Hauptthema durch, das die kühl-klagenden klanglichen Fähigkeiten der Violine optimal herausstellt. Es hat nicht ganz die Eleganz des Direktoren-Themas aus Williams “Memoirs Of A Geisha”, doch schlägt in eine ähnliche Kerbe. Die Begleitung hält sich dabei angenehm zurück und beschränkt sich auf klangliches Fundament und sanfte Gegenstimmen in den Holzbläsern. Das Thema taucht häufiger auch in den Klarinetten auf und mehrfach großorchestral arrangiert.
Die kraftvollen Momente der Musik lassen sich bis zur zweiten Hälfte Zeit. In “The Bielski Ostriad” (die Musikpassage gehört zu einer späteren Szene im Film als die Position auf der CD vermuten lässt) leiten ostentative Percussions ein langsame Anschwillen des Orchesters ein. Erst gewinnen die Streicher an Fahrt und später bringt Howard erstmals prominent das Blech ins Spiel. Dabei entsteht vor allem durch den stampfenden Grundschlag der großen Trommel und den punktierten Marschrhythmus der Streicher ein wuchtiges Tableau, das weniger durch seine Strukturiertheit als durch seine Kraft wirkt. Durch die Gleichförmigkeit entfaltet e2s beträchtliche Wirkung, bleibt aber musikalisch durchschnittlich. Zudem erlaubt sich Howard gelegentlich synthetische Rhythmuszusätze, die überflüssig wirken. Insgesamt verfestigt sich auch in den Violinenpassagen der Eindruck, dass die Ambition des Konzeptes den Score nur bedingt über eine volle Stunde trägt. Zwar ergeben sich immer wieder reizvolle Momente, doch nur passable Actionmomente und etwas zu wenig Abwechslung dehnen die komplette Musik etwas zu stark. Die Version, mit der Paramount Vantage Werbung für die Oscarambitionen des Streifens betrieben hat (28 Titel und gut eine Stunde Laufzeit), hat doch einige Längen und die sorgfältig editierte Albumversion von Sony Classical ist ein wohltuender Schnitt.

Fazit: Dass James Newton Howard seinen Ehrgeiz noch nicht verloren hat, ist Balsam auf die von “Michael Clayton” bis “Freedomland” geschundene Seele. “Defiance” setzt weniger auf Pathos oder Testosteron, sondern auf Intimität und Melancholie. Die Sony-CD dürfte denn auch eines der Highlights der zweiten Jahreshälfte werden, wenngleich man die Grenzen der Komposition nicht aus den Augen verlieren kann. 

Jan Titel / 30.11.08

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