Kritiken
Dead Again (Patrick Doyle)
Varese / 1991
Bewertung:

1989 betrat der britische Theaterschauspieler und Kopf der Renaissance Theatre Company mit einer bildgewaltigen Shakespeare-Adaption die Bühne Hollywoods. Kenneth Branagh inszenierte das bereits 1944 einmal in Großbritannien von Sir Laurence Olivier für die Kinoleinwand adaptierte Stück “Henry V” und war mit einem Schlag ein gefragter Mann im Geschäft. Branagh brachte für diesen Film seinen Kollegen Patrick Doyle mit vom Theater, ein begabter Schauspieler und Komponist. In den achtziger Jahren hatte Doyle an vielen Produktionen mitgewirkt und die enge Bindung zu Branagh brachte ihn schließlich zum Film - als Komponist in erster Linie, wenn auch mit fortwährenden Gastauftritten in Branaghs Filmen.
Für seinen zweiten Film wählte Branagh das Drehbuch des Amerikaners Scott Frank (heute auch bekannt für seine Drehbücher zu “Minority Report”, “The Interpreter” oder “Out Of Sight") mit dem Titel “Dead Again” aus. In dem nach bester Hitchcock-Manier angelegtem Thriller auf zwei Zeitebenen ergründen zwei zufällig zusammengekommene Menschen (Branagh und Emma Thompson) ihre Vergangenheit und entdecken, dass sie eine gemeinsame haben - eine blutige. Die geschickte Geschichte um Reinkarnation, Rache und Schicksal erweist sich immer wieder als erstklassig gefilmte (besonders die Rückblenden in Schwarz-Weiß), vortrefflich gespielt (es agieren noch John Gielgud, Hanna Schygulla und Andy Garcia) und zum Ende hin mit sich vorzüglich steigernder Spannung.
Patrick Doyle zeichnete sich natürlich wieder für die Musik verantwortlich, für ihn war es nach dem Kinderfilm “Shipwrecked” (eine sehr schöne Musik) die dritte Arbeit für die große Leinwand. Die Anlage der Filmhandlung zwischen romantischem Thriller, Mystery und Oper (die Figur des Roman Strauss in den Rückblenden war Komponist) und der Inszenierungsstil Branaghs erlaubten dem Komponisten eine offensive, vordergründige und fast opernhafte Untermalung der Handlung. Die fast komplett laut abgemischte Musik erinnert an entsprechende Vorfahren im Golden Age, als die Soundeffekte die Musik noch nicht übertüncht hatten. Auch musikalisch erweist Doyle besonders Bernard Herrmann Referenz, indem er aus einem Streicher- und Holzbläser-Arrangement immer eruptive Ausbrüche von Schlagwerk, Blech und am Ende sogar Chor hervortreten lässt. Teilweise erinnert “Dead Again” dadurch auch an Williams’ Herrmann-Hommage “The Fury”.
Zentrales Stück ist das Hauptthema, welches den Film eröffnet und beschließt. Zu Beginn wird es - begleitend zu Zeitungsschlagzeilen zu einem Mordfall - komplett ausgespielt. Es ist ein stark rhythmisch getriebenes Stück, in dem eine kurze akzentuierte Phrase dynamisch durch Streicher, Blechbläser und Holz welchselt. Begleitet vom energischen Streben von Bässen und der Großen Trommel, zuweilen sogar durch Snare Drums unterstützt, entfaltet sich das Stück zu einem packenden Main Title, der die abgründige Story schon beklemmend vorzeichnet. Auch bekommt man schon eine Vorahnung auf die romantisch-elegischen und zuweilen auf kammermusikalische Besetzungen orchestrierten Streicherbögen.
Als Gegenpol setzt Doyle mehrere Motive ein, die einerseits die romantischen Momente als auch die mystisch-spannenden untermalen sollen. Ein recht konventionelles Love Theme ("It Never Rains In LA") erklingt, interessanter aber die vielen Dialog-Vertonungen, in denen Doyle Gebrauch von Solo-Violine, Cello und dem Klangrepertoire des Streicherapparates macht. Hier zeigt sich wieder eine überraschende Golden-Age-Nähe im Einsatz der Musik, denn so dramatisch kommentiert ein Score heutzutage nur noch selten Dialoge.
Am Ende, wenn alle Verwicklungen auflösen und sich die Figuren der Handlung mit erschreckenden Konsequenzen zusammenfügen, überhöht Doyle sein Eingangsthema mit verstärktem Percussioneinsatz und einem dramatischen Chor. Da im Finale zeitgleich die Rückblenden-Geschichte gelüftet wird, Roman Strauss seine Oper vollendet und die Gegenwarts-Geschichte seinen dramatischen Höhepunkt erlebt, wirken die überbordenden, opernhaften Klänge keineswegs übertrieben, sondern im Kontext sogar sehr stimmig und überzeugen nachhaltig.
Fazit: Eine konzeptionell starke Thriller-Musik zu einem exzellenten Film. Die Verarbeitung ist durchaus auf hohem Niveau und da die Musik bereits viele Doyle-typische Elemente enthält empfiehlt sie sich sowohl als Einstieg als auch für den Kenner der Musiken des Briten.
Jan Zwilling / 01.02.07
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