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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Che (Alberto Iglesias)

Varese / 2008

CD

Bewertung:


    01. Ese Hombre Es El Che Guevara (02:53)
    02. Ten Years Earlier (December 1, 1956) (02:00)
    03. Sierra Maestra (04:59)
    04. Landscape (01:35)
    05. I Want To Take The Revolution To Latin America (02:08)
    06. New York, December 1964 (01:02)
    07. Across Mount Turquino (02:51)
    08. March (02:35)
    09. Some Craziness Is Good (03:05)
    10. Luces Y Sombras (02:15)
    11. Ambush (03:44)
    12. Political Skills (02:26)
    13. Military Skills (01:42)
    14. Camino A La Habana (02:02)
    15. Nancahuazu Canyon, March 23, 1967 (02:58)
    16. Doctor Guevara (01:44)
    17. Santa Clara (02:00)
    18. Patria O Muerte (03:54)
    19. La Higuera, October 9, 1967 (05:36)
    20. Balderrama -- Mercedes Sosa (03:55)
    21. Fusil Contra Fusil -- Silvio Rodriguez (02:55)

    TT: 58 min

Ernesto Guevara de le Serna ist eine der widersprüchlichsten Figuren des 20. Jahrhunderts. Er landete 1956 mit den Garden Fidel Castros auf Kuba und besiegte den Diktator Fulgencio Batista in einem aufreibenden Guerilla-Krieg. Das Charisma des jungen Revolutionärs steht in krassem Gegensatz zu den Methoden, mit denen er seine sozialen Ideale durchzusetzen versuchte. Er war Pazifist und Militärchef, Sozialist und Chef der kubanischen Zentralbank, selbstverpflichteter Kämpfer gegen riesige soziale Ungerechtigkeiten in Lateinamerika und Idolfigur für eine ganze Generation linker Sympathisanten. Fast losgelöst von den Mitteln und den Ergebnissen seines Wirkens fokussiert sich das Bild von “Che” fast ausschließlich auf die Jugend, die Herkunft und die Ideale des jungen Arztes. Nicht zuletzt Filme wie “The Motorcycle Diaries” blenden die Widersprüche aus, lassen Sichtweisen auf seine brutale Guerillataktik, das Morden politischer Gegner kaum zu.
Nun hat Steven Soderbergh mit dem zweiteiligen Epos “Che” einen Versuch gestartet, dieser Persönlichkeit in all seinen Facetten gerecht zu werden. Che Guevara wird dargestellt von Benicio del Toro, der mehrere Jahre für diese Rolle studierte und trainierte. Mit insgesamt deutlich über vier Stunden Laufzeit und mehrfach überarbeiteten Drehbüchern erhebt Soderbergh damit den Anspruch, die neue Referenz unter den Che-Filmen zu sein. Der erste Teil “The Argentine” folgt Guevaras Aufstieg während der kubanischen Revolution in den Jahren 1956 bis 1959. Im zweiten Teil “Guerilla” stehen die Aktionen in Bolivien zehn Jahre später im Mittelpunkt, in denen Che mittels Guerilla-Krieg die große lateinamerikanische Revolution vollenden will. in La Higuera, Bolivien, stirbt er 1967.

Musikalisch betreut wurde das Mammutprojekt vom Spanier Alberto Iglesias, einem der talentiertesten Jungkomponisten der Szene. Der Spanier, durch seine Vertonungen von Filmen Pedro Almodóvars bekannt geworden, hat einen Hang zum kleinen Streicherapparat, konnte aber zuletzt für “The Constant Gardener” oder “The Kite Runner” auch mit ethnisch-dramatischer Musik glänzen. Gemeinsam ist aber allen seinen Scores eine tiefe Ernsthaftigkeit, für einen Kinderfilm oder eine Komödie wäre Iglesias wohl fehlbesetzt.
Diese Ernsthaftigkeit zeichnet auch seine Musik zu “Che” aus. Iglesias webt einen dichten Teppich aus Basslinien, Percussioneffekten, Streicherfragmenten, einzelnen Klarinetten, Flöten und Gitarren und Glasharfe. Die Stimmung ist düster, abweisend und aufreibend. Diese sehr intellektuelle, gänzlich von den Emotionen gelöste Herangehensweise unterstreicht die Ambitionen Soderberghs, der Figur ohne falsche Sentimentalität mit dokumentarischer Akribie näher zu kommen. So ist die CD zu “Che”, die Musik aus beiden Teilen der Produktion enthält, auch zuerst eine Herausforderung an die Geduld und die Emotion des Hörers. Iglesias verzichtet völlig auf thematische Arbeit, setzt nur zwei kurze Motive zur Wiedererkennung ein und lässt stellenweise sogar die Tonalität außen vor. Phasenweise ist die Musik nur rhythmisch strukturiert, Harmonie und Melodie fehlen völlig. Diese Collage-Taktik erinnert zu Teilen an die aufreibende Suspense-Musik zu “JFK” von John Williams.

Bei genauerer Betrachtung teilt sich die Musik in zwei größere Richtungen auf, die teilweise intelligent vermischt werden. Die erste Art von Musik wird erstmalig in “Sierra Maestra” vorgestellt und gehört zu den modernsten Teilen der Komposition. Sie beginnen mit einem spröden Arrangement aus Klavier, Streichern und Bläsern, dessen Fragmente immer weiter hin zu einem polyphonen, dissonanten Klangbild entwickelt werden. Das Klavier grollt in tiefen Registern, Schlagwerk verschiedenster Art strukturiert rhythmisch und bietet gelegentlich fast grelle Percussioneffekte. Einen roter Faden gibt es kaum, der Ansatz ist extrem collagenhaft. Später kommen Xylophon, Harfe und ein kleines Klarinettenmotiv hinzu, doch der ständige Wechsel zwischen tonalen Fetzen und atonalen Passagen führt zu einem sehr aufreibenden und intellektuell fordernden Klangerlebnis. In der Wirkung ist gerade dieses Stück, aber auch das ähnlich gestaltete “Military Skills” mit seinen Snaredrums, erstklassig und dürfte im Film für drastische Suspense sorgen. Hervorzuheben ist hier auch noch das vorzügliche “Patria O Muerte”, dass Blechbläsercluster und extrem hohe Streicher vortrefflich in diese Collage einbindet.
In der zweiten Richtung der Musik entwickelt Iglesias den eng gewobenen Klangteppich eher in Richtung sprödem Noir-Sound. Harfe, Klarinette, Streicherfragmente und düsteres Beiwerk konzentrieren sich mehr auf den Klang als auf den Rhythmus, schaffen aber eine ähnlich ohnmächtige Atmosphäre. In diese Passagen fallen auch einzelne Soloinstrumente wie Oboe und Klarinette, Violine oder Trompete. Highlight ist vielleicht der Titel “Luces Y Sombras”, in dem Iglesias auf das Zusammenspiel von Harfe und einer Art Panflöte setzt. In diesen tonaleren Passagen hat die Musik zudem etwas von der gewollten Ziellosigkeit von Hans Zimmers “The Thin Red Line”.

Fazit: Alberto Iglesias’ “Che” ist eine konsequente, in Teilen avantgardistische und aufreibende Collagenmusik, die die Ereignisse auf der Leinwand eher unterbewusst denn emotional beeinflusst. Der Spanier spielt bewusst mit Atonalität, Dissonanzen und gezielter Planlosigkeit, sodass die Musik auf CD eine kleine Herausforderung ist. Unter den 20 Titeln fallen eine knappe Handvoll durch pures Sounddesign im Hörerlebnis ab, doch der Rest ist eine sehr lohnenswerte Reise zu dem rohen Urzustand der Musik. Der Kontrast ist perfekt, wenn zum Abschluss Mercedes Sosa mit ihrer samtenen Stimme und Silvio Rodriguez mit einem Archivstück konventionelle Töne anschlagen. Eine packende Musik, aber nur sehr bedingt für jeden Hörer geeignet.

Jan Titel / 05.01.09

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