Kritiken
Captain Nemo And The Underwater City (Angela Morley)
FSM / 2009
Bewertung:

1969 drehte Regisseur James Hill (“Born Free”) den mittlerweile ziemlich antik wirkenden Science-Fiction Film “Captain Nemo and the Underwater City”, basierend auf Vorlagen des Franzosen Jules Verne. Berühmter als diese Version dürfte „20.000 Meilen unter dem Meer“ von 1954 mit James Mason in der Hauptrolle sein – ein Disney Klassiker, ganz im Gegensatz zu dieser Verfilmung. Captain Nemo wird gespielt von Robert Ryan, dessen Karriere sich langsam aber sicher bereits dem Ende neigte. Nemo rettet die Passagiere eines sinkenden Schiffes und bringt sie in Sicherheit in sein U-Boot Nautilus. Mit diesem begeben sie sich in eine utopische Unterwasserstadt mit trinkbarem Wasser und genügend Sauerstoff. Nemo verkündet, dass sie bis ans Ende ihres Lebens in der Unterwasserstadt Templemer leben würden, worauf einige der geretteten Passagiere nicht gerade begeistert reagieren. Das Zusammenleben in dieser Umgebung gestaltet sich als relativ schwierig…
2009 starb die Komponistin, Dirigentin und Arrangeurin Angela Morley, welche die Musik für „Captain Nemo“ beigesteuert hatte. Wenn sie auch nicht jedem Filmmusikfan vom Namen bekannt sein dürfte, so kennt jeder mindestens einen Soundtrack, an dem sie entscheidenden Anteil hatte, denn sie war eng mit John Williams befreundet und mit ihm verband sie eine längere, fruchtbare Zusammenarbeit. Für ihn orchestrierte sie große Teile von „E.T.“, „Star Wars“, „Superman“, „The Empire Strikes Back“, „Home Alone“ und viele weitere. Dabei blieb sie stets bescheiden: Auf die Frage, ob es sie nicht störe, dass kaum jemand ihren Namen kennt, erwiderte sie nur freudig, dass ihr das überhaupt nichts ausmache, denn es sei Ehre genug, mit solch großartigen Künstlern zusammenarbeiten zu dürfen.
Komponieren für Film oder Fernsehen war ihr ohnehin nie wichtig, viele Aufträge für Kinofilme lehnte sie ab und konzentrierte sich stattdessen auf Dirigate, etwa beim BBC Radio Orchestra und ihre Tätigkeit als Musical Director bei Philips Records. Ein Label, für das sie auch Popsongs arrangierte und mit namenhaften Künstlern zusammenarbeitete. Ihre bekannteste Komposition mag wohl der Soundtrack zum berühmten Zeichentrickfilm „Watership Down“ („Unten am Fluss“) sein, zudem erhielt sie im Laufe ihres Lebens zwei Oscar-Nominierungen und drei Emmys, da sie auch für Fernsehserien wie „Dallas“ oder „Falcon Crest“ Musiken beisteuerte. Des Weiteren war sie mitverantwortlich für Filmmusiken wie „The Right Stuff“ (Bill Conti), „The Private Life Of Sherlock Holmes“ (Miklós Rózsa), „Carny“ (Alex North) oder „Max Dugan Returns“ (David Shire).
Der Vollständigkeit halber soll auch hier nur kurz erwähnt werden, dass sie, wie Komponistin und Elektronik-Pionierin Wendy Carlos, eigentlich als Mann geboren wurde und sich 1972 einer Geschlechtsumwandlung unterzog. Die Musik zu „Captain Nemo and the Underwater City“ komponierte sie folglich noch als Walter „Wally“ Stott und Lukas Kendalls Label FSM hat sich dieser Musik nun angenommen.
Als Hauptthema komponierte Morley einen breit angelegten, melodischen und romantischen Walzer, der gleich im „Main Title“ erklingt. Dieses Hauptthema, das Leitmotiv für Captain Nemo, wird im Laufe der Musik oft geschickt und teils bis zur Unkenntlichkeit variiert, so etwa vorgetragen von der Bläsersektion, bedrohlich und unheimlich oder tänzerisch leicht von den Streichern. Diesem Hauptthema, einem echten Ohrwurm, stellt Morley weitere Themen zur Seite, so komponierte sie ein „Processionel Theme“, ein aus wenigen Noten bestehendes, geheimnisvoll anmutendes und recht unscheinbares Motiv sowie ein Thema für die Bath Brothers, denen das Gold, was es zu finden gilt, wichtiger ist als ihr Essen. Besagtes Thema klingt, den Figuren entsprechend, unbeschwert, stakkatohaft und fröhlich, ungeachtet der Gefahren, welche die Unterwasserwelt birgt.
All die erwähnten Themen werden im weiteren Verlauf öfter zitiert und abgewandelt, doch sind es nicht allein die Melodien und deren Variationen, die diese Filmmusik außergewöhnlich gut machen, sondern vor allem die feine, differenzierte Orchestration, die erkennen lässt, dass hier eine wahre Könnerin und Expertin am Werk war: Sie entlockt dem Orchester warme, lyrische oder bedrohliche Klangfarben, setzt Orgel und Celesta über flirrende Streicherfiguren, durchbrochen von warmen Klarinettenostinati, begleitet von zarten Flötentönen. Angenehm ist zudem, dass sie nicht das Meer durch übermäßigen Einsatz von Harfe(n) klischeehaft überzeichnet (man erinnere sich an Bernard Herrmanns neun Harfen für „Beneath The 12 Mile-Reef“), sondern das Wasser mit all seiner Faszination und auch seinen Gefahren z. B. mit wogenden Streichern und Celesta beschreibt oder mit harten Bläserrhythmen und Perkussion, wie in „The Chase“ nachempfindet. Besonders faszinierend ist das Zusammenspiel von Orgel und Ondes Martenot in „Martineau and Organ“, ehe Streicher und Harfe einsetzen. Das Ondes Martenot dürfte vor allem Fans von Elmer Bernstein bekannt sein, der das französische Instrument, das einem Theremin („The Day the Earth Stood Still“) nicht unähnlich klingt, in den 80er und 90er Jahren überaus gern in fast jeder Filmmusik benutzte.
Es ist eben dieser Abwechslungsreichtum und die Vielfalt, die diese Musik nie langweilig und äußerst hörenswert machen, denn in fast jedem Track präsentiert Morley dem Hörer neue Facetten ihres Talentes: Hier paart sie Trompete und Violine, woanders liefern sich aggressive Bläser eine Schlacht mit den Streichern, dann präsentiert die Klarinette ein Jazzmotiv, Ondes Martenot und Violinen interpretieren das Hauptthema als sehnsuchtsvollen Walzer, dissonant aufspielende Holzbläser türmen sich zu einer Pyramide und leiten zu einer Jagdsequenz, die ganz im Stile von Jerry Fielding von einer Blechtrommel unterstützt wird und schließlich verbinden sich Vibraphon, Streicher und Holzbläser für eine Traumsequenz.
Die Musik zu „Captain Nemo and the Underwater City“ ist voller Ideen, klingt frisch und unverbraucht, besticht durch den Themenreichtum und die vielfältige Variation sowie die brilliante Orchestrierung, die dafür sorgen, dass keine langweilige Minute aufkommt. „Captain Nemo“ ist ein kleines Juwel, das endlich von FSM entdeckt wurde und das ich hier nicht genug empfehlen kann. Ein Soundtrack, der so vielfältig ist, dass man ihn mehrmals hören muss um alle Details fassen und begreifen zu können und ein Score, der zumindest mich – und hoffentlich auf sie – ganz in seinen Bann gezogen hat und noch ziehen wird.
Zur Ausstattung der CD muss nicht viel gesagt werden: Ein liebevoll gestaltetes Booklet mit vielen Fotos aus dem Film, interessanten Hintergrundinformationen und zusätzlicher Track-by-Track Analyse. Für die Musik selbst wären 4,5 Sterne absolut berechtigt, einen halben Stern Zuschlag gibt es, wie immer, aufgrund des 18-seitigen Begleitheftchens. Bedauerlich, dass Angela Morley die Veröffentlichung als FSM CD Vol.12 No.8 nicht mehr erleben konnte.
Stephan Eicke / 21.11.09
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