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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Bram Stoker’s Dracula (Wojciech Kilar)

Columbia / 1992

CD

Bewertung:


    01. Dracula - the beginning (06:41)
    02. Vampire hunters (03:05)
    03. Mina's photo (01:25)
    04. Lucy's party (02:56)
    05. The brides (04:56)
    06. The storm (05:04)
    07. Love remembered (04:10)
    08. The hunt builds (03:25)
    09. The hunters prelude (01:29)
    10. The green mist (00:54)
    11. Mina / Dracula (04:47)
    12. The ring of fire (01:51)
    13. Love eternal (02:23)
    14. Ascension (00:50)
    15. End credits (06:42)
    16. Love song for a Vampire -- Annie Lennox (04:21)

    TT: 55 min

Als Francis Ford Coppola Anfang der 90er Jahre mit der Verwirklichung seines “Dracula"-Films begann, wurde der Mythos vom transsylvanischen Vampir bereits über einhundert Mal verfilmt. Das Buch des Iren Bram Stoker erschien im Jahre 1897, also auch zu der Zeit als sich das Kino gerade entwickelte. Die erste Verfilmung des „Dracula“-Stoffes wagte Friedrich Wilhelm Murnau mit seinem Klassiker „Nosferatu.“ Er musste den Vampir umbenennen und die Geschichte an einigen Stellen umdichten, weil er die Verfilmungsrechte von der Familie Stoker nicht erhielt. Die erste offizielle Fassung war dann Todd Brownings Tonfilm von 1931.

Coppola rühmte sich als er den Film verwirklichte, dass seine Fassung am nächsten an der literarischen Vorlage ist. So entstand mit Gary Oldman in der Titelrolle ein Horrorfilm, bei dem der Bösewicht mehr eine tragische Figur als ein Monster ist. Neben den tollen Darstellern (neben Oldman u.a Sir Anthony Hopkins, Winona Ryder und Keanu Reeves) überzeugt der Film vor allem durch die ausgeklügelte Atmosphäre. So fing Kameramann Michael Ballhaus sehr schwelgerische Kostümfilmbilder, allerdings auch stimmungsvoll düstere Bilder ein. Die Musik unterstreicht die Stimmung der Bilder dazu perfekt. Für den Score engagierte Coppola den polnischen Komponisten Wojciech Kilar, der davor noch nicht für Hollywood gearbeitet hatte.

Der Score zu “Bram Stoker’s Dracula” basiert auf einer kompositorischen Mixtur aus Minimal Music und Leitmotivik. Es gibt 4 wiederkehrende Themen, eins für Dracula, das eigentlich nur aus einem simplen Motiv für tiefe Streicher besteht, ein Liebesthema, das vom Dracula-Thema erkennbar abgeleitet ist, einen sehr rhythmischen Marsch für die Vampirjäger und eine “viktorianische Partymusik”, die immer mal wieder auftaucht. Die dominierenden Instrumente sind bei allen Cues die Streicher, außerdem nutzt Kilar das altbewährte Horrorfilmmusik-Instrument: einen Chor. Seit Goldsmiths Musik zu “The Omen” aus Horrorfilmen wohl nicht mehr wegzudenken.
Schon das erste Stück beginnt beeindruckend: einzelne Basstöne eines Klaviers werden angeschlagen, dazu beginnen Celli und Kontrabässe ein sehr langsames, sich permanent in der Lautstärke steigendes Motiv, zu dem sich später noch der Chor gesellt, der sich ebenfalls bis zum Höhepunkt des Stückes immer weiter bis fast ins Schreien steigert, während zwischendurch Kilar mit Hilfe einer Snare-Drum in einen schnellen, aufreibenden Rhythmus wechselt. Von der Struktur her sicher ein simples Stück, aber in der Wirkung unheimlich beeindruckend und absolut funktional im Film, der zu den Klängen dieses Stückes zeigt, wie Fürst Vlad Dracul von Transsylvanien zum Vampir wird, weil er nach dem Selbstmord seiner geliebten Gott verflucht hat.

Danach folgt auf der CD (die Reihenfolge des Films wird von der CD nicht eingehalten) der Marsch für die Vampirjäger. Ebenfalls musikalisch recht einfach strukturiert besteht er aus einem langsamen Paukenbeat und einer zackigen Stakkato-Melodie, die jeweils zwischen 2 Schlägen gespielt wird. Die Instrumente werden hier zur Variation gelegentlich ausgetauscht. So gibt es auf CD eine Variante mit Blechbläsern und eine mit Streichern. Als nächstes wird das Liebesthema vorgestellt, gesungen von einer zarten Frauenstimme und begleitet von den Streichern. Das vierte Stück stellt dann die viktorianische Partymusik vor, die sehr geschickt komponiert ist. Harfen, Glockenspiel, Klavier und sehr flächig eingesetzte Streicher vermitteln eine Stimmung irgendwo zwischen Dekadenz und Unschuld. Diese Melodie ist auch mit Lucy (Sadie Frost) verbunden, die das erste Opfer von Draculas Vampirzähnen wird, die sich einerseits an die Etikette der englischen Oberschicht hält, andererseits verbal mit Zweideutigkeiten nicht geizt. Diese 2 Seiten werden in der Musik gut herübertransportiert. Als kleineres Nebenmotiv könnte man noch die Musik aus “The Brides” nennen, die ebenfalls aus einem Streicherostinato besteht, diesmal allerdings für sehr hoch spielende Violinen, die dem ganzen mit Absicht einen sehr pathetischen Anstrich geben.
Nach den ersten 5 Tracks sind dann alle Themen etabliert, und Kilar beginnt damit sie in einigen Tracks auf sehr geschickte Art und Weise miteinander zu verknüpfen. Vor allem gelingt ihm das im Track “The Storm” sehr gut, in dem er die Viktorianische Partymusik mit dem Liebesthema und einem Marsch aus Blechbläsern und Paukenschlägen verbindet. Zusätzlich dazu spielen die Streicher dann auch noch eine Art langsame Wellenbewegung (Der Cue untermalt Draculas Schiffsreise nach London). Eine ähnliche geschickte Konstruktion bietet auch der 8. Track “The Hunt Builds”, der ähnlich wie in Track 1 durch ständige Steigerung und einer Kanonartigen Struktur immer mehr Spannung aufbaut, über die dann plötzlich wieder das sehr leidenschaftliche Hauptthema gelegt wird. Durch diese sehr effizienten Verknüpfungen kann Kilar damit auch die manchmal zu simple Struktur seiner Melodieeinfälle wettmachen.

Ein enttäuschender Track ist “The Ring of Fire” der auch aus einem Crescendo der Streicher (mit dem Motiv aus „March of the Vampire Hunters“) eine Steigerung der Streicher bietet, dabei aber recht einfallslos von Sound-Effekten überdeckt wird. Am Schluss der CD befindet sich der belanglose und überhaupt nicht zum Gesamteindruck des Scores passende Pop-Song “Love Song For A Vampire” von Annie Lennox, der leider auch schon beim Film den Abspann ruiniert hat. Wegprogrammieren ist hier angesagt.

Fazit: Wojciech Kilar hat mit dieser Musik eine überzeugende Filmmusik geschaffen. Strukturell ist die Musik dabei des öfteren eher einfach gehalten, durch den sehr sicheren Umgang mit dem thematischen Material wird dieser Eindruck aber wieder wett gemacht.

Jan Boltze / 08.04.08

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