Kritiken
Brainstorm (James Horner)
Varese / 1983
Bewertung:

Diskussionen über Für und Wider der Qualität des kompositorischen Outputs von James Horner drehen sich vor allem um recht aktuelle Filmmusiken. Dass es dort Licht und Schatten gibt, ist unbestritten, doch richtig lohnenswert wird erst ein Blick weit zurück in die Vergangenheit. Seinen Höhepunkt fand die Karriere des Amerikaners in künstlerischer Hinsicht im Jahr 1995 mit der wunderbar farbenfrohen und ausdrucksstarken Partitur zu “The Pagemaster”, den Grundstein legte er dafür aber schon mehr als zehn Jahre zuvor. Anfang der achtziger Jahre waren es nur eine Handvoll Scores, die ihn als hoffnungsvollstes Talent in Hollywood erscheinen ließen und seinen Ruf als Spezialist für ausladende Groß-Sinfonik prägten. Allen Musiken ist gemein, dass sie das Genre Science-Fiction bedienten, welches zu der Zeit stark von den Meistern Jerry Goldsmith ("Alien", “Star Trek: The Motion Picture") und John Williams ("Star Wars”, “Close Encounters") geprägt wurde.
“Brainstorm” ist ein Film von Douglas Trumbull aus dem Jahre 1983 mit dem jungen Christopher Walken in der Hauptrolle. Er dreht sich um zwei brilliante Wissenschaftler, die eine Möglichkeit gefunden haben, sich in die Gedankenströme anderer Menschen einzuklinken und ihre Erinnerungen wie ein Tape abzuspielen. Horners Musik steht filmographisch zwischen dem Debüt “Battle Beyond The Stars” und dem vorläufigen Schluss seiner Science-Fiction-Phase “Aliens” (1986). Zusammen mit “Wolfen” und den Musiken zu den “Star Trek” Teilen zwei und drei bildet “Brainstorm” einen sehr spannenden Zyklus von Filmmusiken, die das Talent von Horner offenbarten und zugleich später zur Genüge wiederholte “alte Bekannte” wie das Gefahrenthema in sein Werk einführte.
Für den Score zu “Brainstorm” griff James Horner auf die bewährten Fähigkeiten des London Symphony Orchestras und der Ambrosian Singers zurück, eine Kombination die in jenen Zeiten sehr häufig - nicht nur für Horner - für Filme gebucht wurde. Er komponierte einen großorchestralen Score, in dem der Chor eine dezente und lautmalerische Funktion einnahm. Horner zeigte in seiner Konzeption eine erstaunliche Palette an orchestralen Ausdrucksformen, denn neben süßlich-melodischen Perlen und Klavierthemen stehen markante Bläsersätze und geradezu gewagte klangliche Experimente mit komplexen Dissonanzen - wenn man seine heutige Risikobereitschaft als Maßstab heranzieht. Er versteht es geschickt, auch konventionell anmutende Passagen mit Ideenreichtum und Orchestrationsgeschick zu soghaften und modern anmutenden Cues zu entwickeln - hier stehen neben Prokofieff und Richard Strauss auch Bartok und Ligeti Pate.
Den Film und die CD eröffnet der “Main Title”, in dem Horner eine ätherische Melodie aus Streichern, Knabenchor und Begleitung des restlichen Orchesters in einen orgiastischen Schwall an Dissonanzen münden lässt. Sowohl der betont liebliche Beginn als auch der Verlust der Kontrolle wird exzellent musikalisch eingefangen, Ähnlichkeiten lassen sich konzeptionell zu Williams’ Musiken zu “Close Encounters” oder “Artificial Intelligence” finden. Im zweiten Track erweitert Horner das Spektrum um kraftvoll stampfende Bläser, die als rhythmische Figur am ehesten Ohnmacht assoziieren. Hier gibt Horner zu einem der ersten Male sein berühmt-berüchtigtes Gefahrenmotiv zum Besten (obwohl es zur damaligen Zeit noch zwei davon gab, das andere ist unter anderem in “Wolfen” und “Aliens” zu hören). Die noch gegebene Originalität und vor allem die orchestrationstechnisch absolut überzeugende Einarbeitung in den gesamten Titel erzeugen hier keine Magengeschwüre, sondern Anerkennung. In minimalstischer Manier koppelt Horner es mit einem Streichermotiv, das sich in unzählige Einzelstimmen aufteilt und ganz im Sinne eines Strauss’schen Sonnenaufgangs in ein beeindruckendes Orchesterplateau mündet. Unermüdlich laufen zyklischste Kleinstbewegungen aller Instrumentengruppen ab - ein überaus überzeugender musikalischer Moment.
Das Thema “Michael’s Gift To Karen” steht sinnbildlich für die sanften und betont einfühlsamen Momente der Musik. Der Titel bietet ein an Barber gemahnenden Streichersatz, der eher Melancholie aufkommen lässt und später vom hellen Chor ergänzt wird (ein Krull-Moment). Markant wird es nach nach knapp zwei Minuten, wenn Glocken und Triangel eine ausschweifende Streichermelodie einleiten. Betont klassisch, mit fast barocken Koloraturen und einer vom Klavier vorgetragenen Reprise des Themas ist es ein eindeutiger Kontrast zu bekanntern Science-Fiction-Standards und auch zum Rest des Scores. Doch gerade die Verquickung von dieser Lieblichkeit und großformatigen Orchestersätzen und herben bis dissonanten Einsätzen gelingt Horner vorzüglich und dies macht “Brainstorm” zu einer der interessantesten Horner-Musiken überhaupt. Gerade die Tracks “First Playback” und “Race for Time” dürften auch Fans von Elliot Goldenthal oder Jerry Goldsmith spannend finden.
Im Verlauf der Musik fühlt man sich unvermeidlicherweise auch an andere Musiken von Horner erinnert, neben den zeitlich naheliegenden “Krull” und “Star Trek II” erinnert die Partitur in einigen Momenten auch an “Titanic” oder “Apollo 13”. Horner lebt aber hier nicht von Stilanleihen, sondern von einem gut funktionierendem frischen Konzept, welches er kreativ und gekonnt in Noten umsetzt. So fallen einige gute Bekannte nicht negativ auf, sondern werden reizvoll eingebunden. “Brainstorm” ist eine der empfehlenswertesten Musiken aus der frühen Phase von Horner und damit aus seiner gesamten Karriere.
Die erhältliche CD enthält eine fast zeitgleich entstandene Neuaufnahme der Musik unter dem Dirigat von Horner und bietet gut 30 Minuten Laufzeit. Dies scheint spärlich, doch die Musik ist weitestgehend komplett präsentiert. Die Aufnahmequalität ist durchaus gut, aber weit von einer Referenz in Bezug auf detaillierte Räumlichkeit entfernt. Etwas mehr Close-Miking hätte der Musik gut getan, aber eventuell erscheint ja noch einmal eine sorgfältig editierte Komplettveröffentlichung. Dafür wären auch die 5 Sterne denkbar, hier ist man bei 4,5 am Ende doch noch besser aufgehoben.
Jan Zwilling / 28.02.08
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