Kritiken
Black Swan (Clint Mansell)
Sony / 2011
Bewertung:

Auf einen neuen Film von Darren Aronofsky darf man immer gespannt sein. Mit seinen beiden Erstlingswerken „Pi“ und „Requiem for a Dream“ lieferte Aronofsky bereits Meisterwerke ab, die durch formale Experimentalität bestachen, dabei aber emotional sehr zugänglich blieben - insbesondere „Requiem for a Dream“ war einer der erschüttertesten Filme des Jahres 2000.
Als sich herumsprach, dass Aronofsky einen Film über eine Primaballerina, die unbedingt die Hauptrolle in „Schwanensee“ ergattern will, drehen wollte, fragten sich aber viele, was dabei herauskommen würde.Seit dem 20. Januar kann man das Ergebnis in den Kinos begutachten.
Nina Sayers (frisch – und verdientermaßen – für den Oscar nominiert: Natalie Portman) lebt wohlbehütet noch bei ihrer Mutter (Barbara Hershey) in einem mit Kuscheltieren vollgestopften Zimmer. Sie arbeitet als Tänzerin am Ballettensemble des Lincoln Center in New York. Ihr großer Traum: die Hauptrolle in Tschaikowskys „Schwanensee.“ Der Choreograph (und arrogante Frauenheld) Thomas Leroy besetzt Nina tatsächlich, nachdem er sich mit völlig fehlendem Feingefühl von der letzten Primaballerina (Winona Ryder) getrennt hat. Die Proben werden jedoch für Nina zur seelischen Belastung. Durch den Protektionismus ihrer Mutter weiß Nina nichts von Leidenschaft und überzeugt Leroy nur in ihrem Part als „weißer Schwan“ – die Rolle sieht aber auch vor, ihre böse, hedonistische Zwillingsschwester, den schwarzen Schwan zu tanzen. Die Auseinandersetzung mit ihrer dunklen Seite scheint die übersensible junge Frau in den Wahnsinn zu treiben. Das ganze bebildert Aronofsky in einem zum Finale hin fiebrig-intensiven Bilderrausch und vielen surrealen Einsprengseln und erinnert in seiner Machart an Polanskis „Ekel“ und entfernt auch ein wenig an den körperlichen Horror eines David Cronenberg.
Durch die Geschichte ist bereits ein großer Teil der Musik vorgegeben - eine Herausforderung für Clint Mansell, der seit „Pi“ die Musik für Aronofskys Filme macht und bisher überwiegend kleine, transparente Partituren für Mischungen aus Kammermusikensembles und Rockbands schrieb. Diesmal musste er sich alsomit einem großsinfonischen Werk, noch dazu einer der bekanntesten Klassiker der Orchesterliteratur überhaupt auseinandersetzen und es arrangieren, an Längen und Stimmungslagen einer Szene anpassen und bei Bedarf auch noch verfremden. Mansell geht sehr respektvoll mit dem Original um. Die gewünschten Verfremdungen erreicht er eher durch zusätzliche musikalische Stimmen, die er auf eine bewusst nicht ganz passende Art benutzt.Ebenso benutzt er auch Samplingsvon Tschaikowskys Musik um sie zu verfremden, anstatt sich direkt an dem Notentext des berühmten Originals zu „vergreifen,“ Gleich der Eröffnungstrack zeigt dieses Vorgehen. Die CD beginnt mit einem sofort wiedererkennbaren Exzerpt aus „Schwanensee“, was sich ein paar Sekunden genau so entwickelt, wie man es erwartet. An einer rhythmisch passenden Stelle stören zusätzliche Streichinstrumente mit gekratztenSaiten das Gesamtbild nur leicht, sindnach ein paar Takten aber schon wieder verschwunden. Ein paar wabernde Elektronikklänge sind dann so subtil eingebaut, dass man sie beim nicht aufmerksamen Zuhören fast überhört. Auf diese Art und Weise verfährt Mansell über die gesamte CD, in sehr wechselnder Intensität. Tracks wie „Night of Terror“ könnten dann sogar aus einem echten Gruselfilm stammen, obwohl sie auch zu großen Teilen den puren „Schwanensee“-Klang enthalten. Mansell schafft durch seine Arrangements und Änderungen einen Kontext, in dem selbst Tschaikowskys Werk trotz seiner klassischen Schönheit einen obsessiven Charakter bekommt.
Die Tracks, die ausschließlich von Mansell stammen und nicht auf musikalische Ideen aus „Schwanensee“ zurückgreifen sind weniger überraschend, aber ebenfalls alles andere als schlecht. Einfach gehaltene musikalische Figuren werden in minimalistischer Weise genutzt, um einen gewissen Sog zu erzielen. Das Klavier und ein Instrument, dass das Booklet „Guitarviol“ nennt (vermutlich etwas Gesampeltes, das einen Klang zwischen Gitarre und Bratsche hat), geben dabei den Ton an, der auch hier zum schon erwähnten obsessiven Kontext passt.
Das Highlight der CD ist der letzte Track „Swan Song for Nina“, der wieder sehr stark auf Zitaten aus „Schwanensee“ aufbaut, in seiner Ausgestaltung diesmal aber deutlich mehr von Clint Mansell geprägt ist als von Tschaikowsky. Mansell zitiert hier über einen längeren Zeitraum mit Klavier aus dem Schwanensee (Klavierauszüge aus Schwanensee hört man tatsächlich auch häufig im Film, bei den unzähligen Proben der Kompanie), bevor er ein Crescendo mit dem Sample von zersplitternden Glas enden lässt und dann das Zitat in dissonant wabernden Synthie-Klängen weiterführt, die beim ersten Hördurchgang durchaus Gänsehaut beim Hörer auslösen können.
Fazit: „Black Swan“ ist ohne Frage die komplexeste Partitur, die Mansell bisher vorgelegt hat. Dies ist natürlich überwiegend auf die Vorlage zurückzuführen und nicht unbedingt das Verdienst des Komponisten bzw. Arrangeurs. Was die Musik trotzdem zu Mansells bisher ausgereiftester Arbeit werden lässt, ist, wie souverän er letzten Endes zum Kontext des Films passende Veränderungen in die Musik eingebaut hat. Durch seine Eingriffe entsteht ein Kontext, der auch den reinen Zitatstellen, wo der unveränderte Notentext von Tschaikowsky zum Einsatz kommt, der Musik einen ganz unerwarteten und überraschenden Charakter verleiht. Klare Empfehlung, die wertungstechnisch sogar nur knapp an den 4,5 Sternen vorbeischrammt.
Jan Boltze / 26.01.11
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