Kritiken
Black Sunday (John Williams)
FSM / 2010
Bewertung:

Kaum ein Komponist ist auf CD so umfassend repräsentiert wie John Williams. Ergänzungsbedarf gibt es kaum, er beschränkt sich vor allem auf frühe Musiken aus den 60er und 70er Jahren, sowie auf einzelne Arrangements aus seinen späteren Scores. Bis vor kurzem musste diese Aussage jedoch mit einer Ausnahme versehen werden: Der Score zu “Black Sunday”, einem Terrorismus-Thriller von 1977, war bis Januar 2010 nicht auf LP oder CD veröffentlicht worden, keine Sekunde der Original-Bänder waren dem Williams-Fan abseits des Films zugänglich. Umso interessanter ist dieser Fakt, da es sich um den letzten Score des Maestro vor seinem entgültigen filmmusikalischen Urknall “Star Wars” handelte, welcher die Filmmusikwelt und seinen eigenen Kompositionsstil maßgeblich beeinflussen würde. Genug Gründe also, sich der endlich erschienenen CD-Fassung der kompletten Original-Aufnahme von FSM ausführlichst anzunehmen.
Der Film kam im Eindruck der gesteigerten Wahrnehmung für internationalen Terrorismus im Jahr 1977 in die Kinos. Zahlreiche Anschläge, vor allem auf die olympischen Sommerspiele 1972 in München, hatten die amerikanische Öffentlichkeit dafür sensibilisiert, dass eine neue Art von Bedrohung präsent wurde. Schwer zu fassende, netzwerkartige Guerillas, die oft mit nur einem Ziel im Leben alles daran setzten, ihrer guten Sache Nachdruck zu verleihen. Diese neue Art des Konflikts, der seine Wurzeln bereits im französisch-spanischen Krieg, in der Partisanenkriegsführung Mao Zedongs oder im Widerstand gegen Nazi-Deutschland hatte, war für eine Dramatisierung gut geeignet, denn er versprach - neben der Aktualität - gehörige Spannung. Der Gegner war undefinierbar, behielt durch geheime Planungen stets die Initiative und scheute keine zivilen Opfer. Der Terrorismus bleibt genau deshalb ein bis heute aktuelles Phänomen, sämtliche Bekämpfungsstrategien blieben im Kern wirkungslos.
Eine zweite Neuerung in dieser Zeit betraf die Wurzeln der Konflikte, die mit dem Mittel Terror ausgetragen wurden. Immer offensichtlicher wurde, dass der Nahe Osten ein dauerhaft zerrütteter Krisenherd und damit Quelle internationalen Terrorismus werden sollte. Die Konflikte zwischen Palästina und Israel, offenkundig im zitierten Anschlag in München, strahlten auf die gesamte Region aus und bewirkte eine zunehmende Radikalisierung. Im Libanon, in Syrien und am persischen Golf fiel diese auf fruchtbaren Boden, was auch in den USA rezipiert wurde. In “Black Sunday” fand sich dieser erstarkte ethnisch-religiös motivierte Terrorismus wieder, eines der ersten Beispiele dafür, wie auch die Vereinigten Staaten als Feindbild taugten. Der Film basiert auf einem Roman von Thomas Harris, der Anfang der siebziger Jahre veröffentlicht wurde. Harris wurde Jahre später vor allem für seine Bücher um Hannibal Lecter berühmt, doch auch “Black Sunday” war bereits ein großer Erfolg. Das große dramatische Potenzial der Geschichte nutzte John Frankenheimer für seinen Thriller, besonders die logistisch meisterhaft gefilmten Szenen beim Zehnten Superbowl blieben im Gedächtnis. Die Sportveranstaltung diente als Kulisse für den öffentlichkeitswirksam inszenierten Amoklauf der Terroristen, aus heutiger Sicht etwas altmodisch mit einem Zeppelin realisiert.
Für die Musik war John Williams im Jahr 1976 eine durchaus naheliegene Wahl. Jahre respektive Jahrzehnte, bevor er sich mit episch-orchestralen Scores von “Indiana Jones” bis “Harry Potter” vor allem als melodischer Könner und grandioser Orchestrator von bombastischen Filmmärchen einen Namen machte, galt Williams als Spezialist für Dramen- und Thrillerstoffe. In den 70ern unterlegte er vergleichbare Filme wie “The Towering Inferno” oder “The Poseidon Adventure”, zudem war er seit 1975 einem breiten Filmpublikum mit “Jaws” als Meister der Spannung bekannt.
Sein Score, den er im Laufe des Sommers 1976 komponierte und im August auf der Paramount Scoring Stage aufnahm, rekurriert denn auch auf genannte Scores. Referenzen auf spätere Stilismen wie große Farbigkeit in der Instrumentation, einprägsame Themen oder beseelte Soli finden sich in “Black Sunday” noch nicht. Dennoch, oder gerade deshalb, ist der Score mehr als einen Blick wert: Als dramatisches, fast monochromes Stimmungsbild, das aus einem Guss zwischen ominöser Spannung und treibender Action wechselt, zeigt es eine weitere Seite des Jahrhundertkomponisten, die leider etwas in Vergessenheit geraten ist, beziehungsweise bei späteren Scores wie “Minority Report” oder “Sleepers” nicht in dem Maße anerkannt wurde wie andere Musiken. Die CD zu “Black Sunday” könnte dies ändern, denn in eindrucksoller Manier zeigt Williams, dass er auch orchestrale Chromatik, treibende Percussions, minimalistischen motivischen Aufbau und effektvollen Clusteraufbau der Blechbläser beherrscht.
Sein Ensemble unterscheidet sich im Prinzip kaum von dem des Scores zu “Star Wars” kurze Zeit später. Ein großes Orchester, bestehend aus Streichern, Blech- und Holzbläsern und vor allem Percussion, nahm Williams gemeinsam mit Klavier und (kaum hörbarem) Synthesizer auf, das Resultat unterscheidet sich jedoch maßgeblich von der Space Opera. Prägendes Element von “Black Sunday” ist der treibende Rhythmus, den Williams geschickt immer wechselnd durch das komplette Orchester gibt. Exemplarisch kann man dies im finalen Titel “The Explosion” nachvollziehen, der vollorchestral komponiert wurde, jedoch an kaum einer Stelle die komplette Pracht des Klangkörpers präsentiert. Er beginnt mit einem strammen rhythmischen Arrangement aus Holzbläsern und Percussions, wobei der synkopierte 5/4-Takt effektvoll die verrinnende Zeit vor dem Anschlag einfängt. Die Einwürfe des Blechs dramatisieren den Track weiter, später steigen auch die Streicher versetzt in den Rhythmus mit ein. Als Kontrast dazu setzt Williams einzelne lange Linien, erst der Geigen und dann der Holzbläser ein, die den Grundrhythmus aber eher betonen als abschwächen.
In anderer Weise untermalt Williams die eher spannungsbetonten und weniger dynamischen Szenen des Films. Vor allem mittels Streicher, Klavier und Harfe kreiert er einen ominösen Klangteppich, in dem sich vor allem durch Einwürde der Bläser und repetetive Streicherfiguren ständig atmosphärische Details verschieben. Nachvollziehbar wird dies gut am Auftakt zur “Speed Boat Chase”, die vor allem deutlich macht, wie flexibel Williams in der erzielten Klangwirkung ist. Stehen zu Beginn noch hohe Streicher, Synths, Klavier und Harfe im Vordergrund, changiert die Stimmung durch Zunahme von Klarinetten, Celli zunächste ins dunklere, ehe Blechbläser und große Trommel für unverhohlen düstere Assoziationen sorgen. Der Track demonstriert zudem den permanenten Mix, den Williams in “Black Sunday” zwischen diesen atmosphärischen und dem oben beschrieben rhythmischen Anteilen der Musik betreibt. Treibend, aufwühlend, rasant oder fesselnd, alle Thrilleringridenzien vereint er auf diese Weise in seinem Score. Besonders herausstechende Titel sind in der konsequent auf hohem Niveau gestalteten Partitur auf diese Weise kaum auszumachen. Wer es lieber packend mag, sollte selbstredend das Finale (ab Titel 18) anwählen, aber auch die leiseren Anteile des Scores, beispielweise der fantastische Track “Nurse Dhalia” oder das fugisch ausgearbeitete „Preparations“, sind sehr hörenswert. Thematisch bleibt der Score auch bei mehrmaligem Hören konzeptuell bedingt eher unscheinbar. Die von Williams verwendeten Motive für die Terroristen und ihren Gegenspieler werden zwar leitmotivisch geschickt verwendet, bleiben aber kaum im Ohr - sie prägen diesen Score im Gegensatz zu Rhythmus und Orchestration nicht.
Als Notiz am Rande bleibt noch zu vermerken, dass in Williams Score ein kultureller Bezug zu Beirut im speziellen oder dem Nahen Osten im allgemeinen nicht auftaucht. Obgleich der Film und ihr weiblicher Bösewicht diese Referenzen zulassen, handelt es sich doch eindeutig um eine fast ausschließlich amerikanische Inszenierung. Jahrzehne später, in Spielbergs Thriller “Munich” konnte sich Williams in dieser Hinsicht mehr entfalten.
Die vorbildliche FSM-Edition zu “Black Sunday” eignet sich für ein breites Spektrum von Filmmusikfans: Für Williams-Komplettisten ist sie ohnehin Pflicht, für Fans von “Star Wars” bis “Harry Potter” ist sie eine wärmstens zu empfehlene Erweiterung des Spektrums und für die Community im Allgemeinen der Beweis, dass der Amerikaner bereits vor dem Sternenspektakel ein vorzüglicher Filmkomponist war. “Black Sunday” ist eine der eindrücklichsten und geradlinigsten Scores aus der Feder John Williams’ und als solcher für alle Filmmusikfans eine Empfehlung.
Jan Zwilling / 08.02.10
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