Kritiken
Birth (Alexandre Desplat)
Silva / 2004
Bewertung:

Nach seinem internationalen Durchbruch mit „Girl With A Pearl Earring“ arbeitete Alexandre Desplat erst einmal wieder in seiner Heimat Frankreich an einigen Filmen. Das sich jetzt aber auch die amerikanische Filmindustrie für ihn interessieren würde („Girl With A Pearl Earring“ war eine englisch- luxemburgische Co-Produktion) war abzusehen. Das erste amerikanische Projekt, dass Desplat vertonte, war Jonathan Glazers provokanter, aber an den Kinokassen trotz Nicole Kidman in der Hauptrolle gescheiterter Film „Birth.“
Die Geschichte handelt von Anna (Nicole Kidman), die schwer darunter leidet, dass ihr Mann Sean vor einigen Jahren einen plötzlichen Tod beim Jogging im Central Park starb. Zwar ist sie wieder mit einem Mann zusammen, aber es wird schnell deutlich, dass sie die Vergangenheit noch nicht bewältigt hat. Plötzlich taucht ein kleiner 10jähriger Junge auf und sagt ihr ins Gesicht, dass er Sean sei — wiedergeboren. Anna fällt aus allen Wolken und weiss nicht so recht, wie sie sich verhalten soll. Glauben tut sie ihm natürlich zuerst nicht, aber die alten Wunden reißen wieder auf.
Auch wenn man sich mit dieser Behauptung schwer tut, hat der Film noch eine ganze Menge Stärken, die Kameraarbeit ist gelungen, Nicole Kidman spielt eindrucksvoll wie in kaum einem anderen Film, die Nebendarsteller sind überzeugend (und mit z.B. Lauren Bacall und Anne Heche stark besetzt) und auch Alexandre Desplats Musik überzeugt. Sie nimmt im Film eine sehr wichtige Rolle ein, da es in dem Film einige lange dialogfreie Passagen gibt, in denen nur die Mimik der Schauspieler und die Musik die Aussage der Szene herausarbeiten müssen, wie zum Beispiel eine Szene im Theater, als die Kamera minutenlang auf Nicole Kidmans Gesicht gerichtet ist.
Als sich Desplat mit Glazer zur ersten Besprechung des Films traf, sagte der Regisseur dem Komponisten, dass er einen „Non-Score“ wolle, also nichts was nach einem konventionellen Dramen-Score klingen würde und den Zuschauer zu sehr in eine bestimmte Richtung manipulieren würde.
Teile der Musik sind romantisch, manches klingt nach einem Mystery- Thriller. Heraus kam dabei eine konzeptionell sehr starke Musik, die im Film zwar distanziert zu den Charakteren wirkt, aber nicht zu kalt ist, um die Emotionen noch nachvollziehbar zu machen. Dies erreichte Desplat durch eine fast monothematische Musik, die fast vollständig in der selben Tonart geschrieben ist.
Der Prolog ist das Kernstück der Musik, ihn ihm wird die musikalische Unbestimmtheit etabliert und einige der motivischen Gedanken tauchen dort in einer spannenden Steigerung zum ersten Mal auf. Begonnen von einer minimalistischen Flötenfigur und einer dezenten Streicherfigur steigert sich die Musik nahezu unmerklich langsam über die 4 Minuten des Stücks bis sie mit ein paar Paukenschlägen ihren Höhepunkt erreicht. Die Musik vermittelt eine Art Vorahnung davon, dass etwas Mysteriöses passieren wird- dabei offen lassend, ob etwas Schlimmes oder etwas Gutes geschehen wird. Die dazugehörige Filmsequenz zeigt über die vollen 4 Minuten einen Jogger, der am Ende des Stücks völlig unerwartet zusammenbricht und stirbt. Danach wechselt der Film mit einem harten Schnitt zu einer Geburt. Die Irritation des Zuschauers ist perfekt.
Auch ein Walzer taucht häufiger auf, oft als Klaviersolo, aber auch einmal von den Violinen vorgetragen. Dies sind die eingängigsten Momente des Scores, in dem die Musik besonders auffällig ist. Ansonsten wird meistens ein sehr subtiler Klangteppich aus Minimal Music, die teilweise auch an Philip Glass erinnert, gewoben. Ein langsames Arpeggio für Glockenspiel, das immer zwischen zwei Oktaven zu wechseln scheint, wird fast ständig eingesetzt, und tiefe elektronische Basstöne, die nicht im entferntesten an irgendeinen Action-Score erinnern, sondern völlig untypisch als ständiges, langsames Pulsieren unter den restlichen Stimmen benutzt werden, bestreiten weite Teile des Scores. Im Kontrast zu diesen eher „schweren“ elektronischen Klängen stehen wieder zerbrechlich wirkende Klänge der Harfen und einer Celesta, und erhöhen die musikalischen Kontraste nochmal. Trotz einiger klangschöner Passagen ist Desplats Musik deshalb nicht unbedingt eingängig zu nennen.
Fazit: „Birth“ ist im Zusammenhang mit den Filmbildern eine der wirkungsvollsten Filmmusiken der letzten Zeit. Von CD her machen die vielen Repetitionen und die nur subtilen Veränderungen der Themen die Hörerfahrung eher schwierig. Wenn man sich mit „Minimal Music“ anfreunden kann ist man bei „Birth“ aber nicht schlecht aufgehoben. Und alleine der musikalische Prolog rechtfertigt schon fast den Kauf der CD.
Jan Boltze / 18.02.07
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