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Kritiken

Beneath The 12-Mile Reef (Bernard Herrmann)

FSM / 2000

CD

Bewertung:


    01. The Sea (1:27)
    02. The Undersea/The Boat (3:36)
    03. The Homecoming (1:03)
    04. The Reef (1:17)
    05. The Glades (1:02)
    06. The Quiet Sea / The Airline (2:39)
    07. The Conch Boat / The Harbor (1:23)
    08. The Search (1:36)
    09. Flirtation (2:16)
    10. The Departure (0:51)
    11. The Marker (3:59)
    12. The Undersea Forest (4:48)
    13. Elegy (2:43)
    14. The Fire (1:04)
    15. Sorrow / The Dock / Escape (4:43)
    16. The Lagoon (2:34)
    17. Consolation (3:09)
    18. The Grave (2:05)
    19. The New Boat / The Buoy / Descending / The Sea Garden (5:48)
    20. The Octopus (3:34)
    21. The Hookboat/The Fight (1:51)
    22. Finale (0:59)

    TT: 55 min

Zwanzig Jahre nach dem Durchbruch des Tonfilms und dem Beginn des Zeitalters des Films als Massenmedium in den dreißiger Jahren war die Technologie noch immer ständigen Innovationen und Neuerungen unterworfen. Während in den dreißiger Jahren das spektakuläre Technicolor-Verfahren die Filmkunst zu bis dato unerreichter Bildpracht inspirierte, zwang Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre vor allem die Konkurrenz zum Fernsehen das Kino, mehr in spektakuläre Aufnahmeverfahren zu investieren. Es wurde mit 3D experimentiert, sogar ein Smell-O-Vision-Verfahren getestet, das die optischen Eindrücke mit Gerüchen ergänzte. Doch 1953 erblickte mit “The Robe” der erste Film im so genannten CinemaScope das Licht der Welt, eine Technik mit spektakulären Breitwandbildern und erhöhter Schärfe, welche sich im Gegensatz zu anderen - extravaganteren - Lösungen durchsetzte, nicht zuletzt weil der mächtige Fox-Chef Darryl F. Zanuck erklärte, dass fortan alle Fox-Filme in diesem Format erscheinen sollten.
“Beneath The 12-Mile Reef” (Das Höllenriff) aus dem Jahre 1953 ist einer der ersten Folgefilme von Fox, die vor allem die Aufgabe hatten, das spektakuläre neue Verfahren zu rechtfertigen, und gilt als der erste Farbfilm, der die Unterwasserwelt ablichtete. Der Film handelt von Konflikten verschiedener Tauchergruppen vor der Küste Floridas, einer griechischen Familie und ihren englischen Konkurrenten bei einer gefahrvollen Expedition. Ein gerade 23-jähriger Robert Wagner spielt neben Terry Moore - und vor allem neben den spektakulären Unterwasseraufnahmen im CinemaScope-Verfahren, die die optischen Vorteile des Mediums Kino eindrucksvoll demonstrierten.

Doch nicht nur die visuelle Komponente war einer Evolution unterworfen, auch die Filmmusikaufnahmen entwickelten sich technisch weiter und versuchten mit dem Schauwert der Bilder schritt zu halten. Besonders Alfred Newman als Chef des Music Departements von Fox sorgte sich nicht nur um künstlerische Höchstleistungen, sondern war auch Pionier der genauen Mikrophon-Positionierung bei Filmmusikaufnahmen und damit des klassischen Golden-Age-Sounds. Für Bernard Herrmann, der sich ebenfalls eindrucksvoll der technischen Möglichkeiten bediente (zum Beispiel die extremen Stereoeffekte seiner Partitur zu “Jason And The Argonauts"), war “Beneath The 12-Mile Reef” seine erste Filmmusik die im Stereo-Ton in die Kinos kam, was Herrmann mit der schwelgerischen und episch-breiten Partitur glänzend auszunutzen verstand.

In Herrmanns Kinokarriere ist “Beneath The 12-Mile Reef” im Erscheinungsjahr 1953 einerseits sehr typisch und andererseits auch ein stückweit Neuland für den Komponisten gewesen. Der Score ist durchzogen von kleinen Motivpartikeln und Klangsignaturen, die immer wieder variiert und minimalistisch wiederholt werden, was bereits typisch für frühe Werke Herrmanns von “Citizen Kane” (1941) bis 5 „Fingers“ (1952) war. Zudem erprobte Herrmann bereits für “Anna and the King of Siam” extravagante Orchestrationen und das Spiel mit kleinen, exotischen Orchesterbesetzungen, die auch hier beträchtlich für Atmosphäre sorgen. Neu an “Das Höllenriff” war der großformatige, klangzauberische Ansatz und die fast romantische Leitmotivik, die auf Strauss oder Wagner verweist. In Perfektion hat Herrmann später für die Filme Ray Harryhausens diese Klangpracht zu Papier gebracht.
Herrmanns vielgestalte Musik gründet sich auf einen vollen klassischen Orchesterapparat, der am signifikantesten durch die Harfen, neun an der Zahl, aufgestockt wurde. Mit der cleveren Positionierung der Harfen innerhalb des Orchesters konnte Herrmann das Meer symbolhaft wallen und rauschen lassen und auch den düsteren Passagen eine faszinierende Nuance hinzufügen. Wie auch zwanzig Jahre später bei „Taxi Driver“ versteht es Herrmann, die Harfe als düsteres und unheilvolles Instrument einzusetzen. John Williams hat in seiner Musik zu “Jaws 2” eine Hommage an diese wunderbare musikalische Idee eingearbeitet. Deutlich hervor treten im Kontext der Musik an vielen Stellen die Streicher, die einerseits das schwelgerische Liebesthema vortragen und zudem in den dunklen Unterwasserszenen die Harfen durch minimalistische Figuren unterstützen. Delikat platziert sind wie immer bei Herrmann die Holzbläser, die zusammen mit Percussioneffekten von Triangel, Glocken etc. das Klangbild verfeinern. Das Blech tritt ebenfalls in den Vordergrund, bei der vollorchestralen Eröffnung mit dem fanfarenartigen Hauptthema und den seltenen, drastischen Ausbrüchen ("The Octopus"). Herrmann setzt auch bei den harschen Ausbrüchen die Harfe als Klangfarbe ein, was einen eindringlichen, morbiden klanglichen Effekt erzeugt.

Neben dem eröffnenden Hauptthema gibt es noch eine Reihe für Herrmann erstaunlich melodiöse Themen zu hören. In “The Lagoon” präsentiert er das schwelgerische, von Harfen und Holzbläsern umspielte Liebesthema der Streicher, das sich bedeutend ausladender geben darf als vergleichbares in “North by Northwest” oder “Snows Of Kilimandjaro”. Am ehesten steht das Thema seiner Musik zu “The Ghost and Mrs. Muir” nah. Die Unterseewelt erhält ein langsames, mysteriöses Thema ("The Undersea Forest"), ein tänzerisches, von Hornstößen begleitetes, Streichermotiv erklingt in “The Homecoming”. Zudem spickte Herrmann die Hauptthemen mit etlichen kleinen Motiven, wie der schönen Oboenmelodie in “Elegy” oder den panischen Streicher- und Flötenläufen die die dramatischen Actionszenen begleiten.

Wer sich von dieser Musik einen Überblick verschaffen möchte, greift am besten zuerst zu der vorzüglichen Suite von Charles Gerhardt, die alle Hauptthemen in gut 10 Minuten in exzellenter Interpretation zusammenfasst (siehe “The Classic Film Scores of Bernard Herrmann"). Die komplette Musik ist 2000 in der Originaleinspielung bei fsm erschienen. Die gewohnt erstklassige Präsentation zeigt, dass der Score über eine knappe Stunde hinweg einen erstaunlichen Fluss besitzt und in keiner Sekunde schwächelt. Hierbei handelt es sich ohne Zweifel um eins von Herrmanns Meisterwerken und dies dürfte ganz klar die Höchstwertung für die Musik rechtfertigen.
Nach langem Überdenken habe ich mich dazu durchgerungen, doch “nur” 5,5 Sterne statt der vollen 6 zu verteilen, weil die Tonqualität der gut 50 Jahre alten Master nicht völlig astrein ist. Über der Musik liegt ein Schleier, der leider die tontechnische Dynamik jüngerer Aufnahmen deutlich vermissen lässt. Hinzu kommt ein leichtes Leiern an einigen wenigen Stellen der Musik. Natürlich kann man bei fsm sicher sein, kein völlig inaktzeptables Klangbild zu hören zu bekommen, doch gerade im Vergleich mit der Suite zeigt sich, dass der letzte halbe Punkt für eine mögliche Steigerung des Hörerlebnis durch eine komplette Neuaufnahme vom Schlage Stromberg oder McNeely gut aufgehoben in der Reserve ist.

Fazit: Die Musik ist ein Meisterwerk, die fsm-Edition gewohnt liebevoll produziert und auch trotz geringerer Soundeinbußen eigentlich ohne Einschränkungen zu Empfehlen.

Jan Zwilling / 05.02.07

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