Kritiken
Baaria (Ennio Morricone)
Image Music / 2009
Bewertung:

Die lebende Filmmusiklegende Ennio Morricone feierte am 10. November 2009 ihren 81. Geburtstag. Wie er selber sagt, hält er sich dadurch fit, dass er jeden Morgen um halb fünf aufsteht, über eine Stunde in seinem Palazzo spazieren geht, jedes Jahr 3- 4 Filmmusiken komponiert, zahlreiche neue Konzertwerke schreibt, Tourneen durch die ganze Welt unternimmt. Dieses Jahr hat er sogar ein Konzert in Hollywood, wo er aufgrund der Terroranschläge 2001 und seiner Flugangst eigentlich nicht mehr hinwollte.
Naturgemäß zeigte sich Morricone in letzter Zeit nicht mehr so erfindungsreich wie zu seinen Anfängen: Der düstere und deprimierende „La Sconosciuta“, der popigen „Tutte le Donne della mia Vita“, der schwache, fast gänzlich aus lahmen Suspensepassagen bestehende „L’Ultimo dei Corleonesi“ oder der warmen, lyrische „Pane e Liberta“, zahlreich an einprägsamen Melodien und Motiven.
Für seinen Freund Giuseppe Tornatore (Cinema Paradiso, Die Legende vom Ozeanpianisten, Der Zauber von Malena) schrieb Morricone seine neueste Filmmusik: „Baaria“ ist ein zweieinhalbstündiges, autobiographisches Epos über Tornatores Kindheit und das Leben dreier Generationen in Sizilien. Kann „Baaria“ die Qualität der vorangegangenen Zusammenarbeiten halten?
Ja. Die neueste Musik des Römers Morricone kann wärmstens empfohlen werden. Trotz oder gerade wegen seines Alters zeigt er den jungen Filmkomponisten, wie man eine emotional mitreißende, lyrische Filmmusik mit bezaubernden, einprägsamen Melodien komponiert, weit ab von gesampelten Sounds.
Zu Beginn der CD ertönt eine elfminütige Suite, welche die Highlights der Musik auf sieben Minuten zusammenfasst, ehe für die letzten vier Minuten Dialoge aus dem Film zu hören sind. Es wäre sicher besser gewesen, hätte man diese Suite ans Ende gesetzt, doch sie gibt einen guten Einblick auf das, was einen in den kommenden 50 Minuten erwartet: Morricone zeigt sich weltoffen, arbeitete Ethnik mit Gesang und historischen, landestypischen Instrumenten ein, komponierte rhythmisch aggressive Passagen und orchestral aufbrausende, romantische Melodien, die zum Schönsten gehören, was in diesem und im letzten Filmmusikjahr zu hören war. Zugegeben, den zweiten Track entlehnte er aus seiner alten Filmmusik zu „Allonsanfan“ (1973), wenn er seine „Rabbia e Tarantella“ in ein neues Gewand kleidet, doch es sei ihm verziehen, spätestens im nächsten Track.
Leichtfüßige, nicht jedoch simple oder banale Melodien durchziehen den gesamten Soundtrack, dominierend und variierend das klangschöne Hauptthema, das sofort ins Ohr geht und angenehme Wärme ausstrahlt, die deutlich macht, mit welcher Leidenschaft und Freude Morricone hier für seinen Freund Tornatore eine eigene Klangwelt schuf. Das Album ist zudem - abgesehen von der Suite - hervorragend programmiert und so gestaltet sich die CD abwechslungsreich und kurzweilig. Streicherdominierende Romantik wechselt sich mit einem von Morricone bearbeiteten italienischen Tanz ab, dazwischen erklingt augenzwinkerndes Mickey Mousing und mehrmals Variationen seiner grimmigen „Rabbia e Tarantella“.
„Baaria“ ist eine der elegantesten, vielleicht sogar die eleganteste Filmmusik des Jahres, mit einem prächtigen, eingängigen Hauptthema. Eine Filmmusik voller Dramatik, Wärme und Sonnenschein, ein Album ohne Durchhänger und damit eines der ganz großen Highlights des erneut schwachen Filmmusikjahres 2009. Hervorragend auch die Album-Präsentation mit exklusivem Interview mit Morricone und Infos zur Produktion des Filmes. Man darf gespannt sein, was Morricones nächstes Projekt „Das Tagebuch der Anne Frank“ uns bescheren werden wird.
Stephan Eicke / 17.10.09
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