Kritiken
Azureus Rising / Wrong Hollywood Number (Edwin Wendler)
Promo, Westwood / 2008
Bewertung:

Der ehemalige Wiener Chorknabe Edwin Wendler emigrierte in die Vereinigten Staaten und dort als Film- und Konzertkomponist tätig ist. Wendler wurde im April 1975 geboren und legte innerhalb kurzer Zeit eine beachtliche Karriere hin: von 1986 bis 1989 tourte er als Wiener Sängerknabe in zahlreichen Konzerten durch die ganze Welt, ehe er im Jahr 2000 ein Zertifikat für „Film Scoring“ von der UCLA Universität erhielt. Seinen Start in der Traumfabrik verdankt er Komponist Paul Haslinger, welchem er assistierte, ehe er erste Aufträge als Komponist erhielt. Zwei dieser eigenen Filmmusiken sollen nun hier kurz vorgestellt werden.
Azureus Rising
„Azureus Rising“ ist eine Art Testprojekt, ein animierter Kurzfilm, welcher zu einer Filmtrilogie heranreifen soll. Ganz im Sinne bekannter Superhelden-Comics geht es hier um einen jungen Mann, welcher sich nach einer langen Flucht um sein Leben in einen Helden verwandelt und für Freiheit kämpft.
Ganze 13 Minuten inkl. Suite umfasst das (digitale) Album zu „Azureus Rising“, welches hier kurz vorgestellt werden soll: Die Adrenalinhaltige Musik wurde komplett mit Synthesizern aufgenommen, bestehend aus Streichern, Bläsern, Chor und Percussion und mag einem die Qualität der Musik vielleicht nicht zusagen, so tut es zumindest die hervorragende, orchesternahe Qualität der Samples.
Verglichen mit Actionmusiken aus der Fabrik Hans Zimmers, mit welchen sich ein Vergleich aufdrängt, muss man hier jedoch attestieren, dass die Rhythmik komplexer und die Percussion dadurch vielseitiger eingesetzt werden konnte. Wendlers Musik leidet jedoch unter demselben Problem wie die meisten Musiken aus dem Hause Remote Control: Das „Orchester“ wird in den Hintergrund gedrängt, Synthesizer sind zu dominant eingesetzt, vor allem Streicher klingen dadurch zu mulmig und verwaschen. Da dies nicht an der Qualität der Samples liegt, hätte dies vermieden werden könnte, hätte man den Schwerpunkt etwas mehr in Richtung Orchester verlagert.
Für den Hauptcharakter Azureus kreierte Wendler ein eigenes Thema, das, ähnlich wie das „Robocop“ Thema von Basil Poledouris, zuerst unscheinbar daherkommt, sich nicht unmittelbar einprägt, aber doch mit einiger rhythmischer Raffinesse im 7/8 Takt gehalten ist. Allerdings ist dieses Thema letztlich zu schwach und zu arm an Variationen, um einen ganzen Score tragen zu können. Die Themenarmut, welche sich bald einstellt, vermag nicht zu befriedigen, sodass der Score gegen Ende hin doch ziemlich blass klingt. Das liegt auch daran, dass Wendler für diese Musik wahrlich keinen Preis für Originalität gewinnen wird – trotz dem feinen Gespür für Rhythmik, die besser durchdacht ist als in vielen anderen modernen Actionmusiken, klingt diese Musik weder neu noch originell.
Der Score ist kräftig, wuchtig, rhythmisch ausgefeilt und trotzdem nicht ausgefeilt und originell genug, um eine höhere Wertung als 2,5 von 6 Sternen zu rechtfertigen.
Wrong Hollywood Number
In eine komplett andere Richtung als oben genannte Musik geht der Score zu dem Kurzfilm „Wrong Hollywood Number“ von José Antonio W. Danner. Mit einem Orchester eingespielt zieht Wendler alle Register seines kompositorischen Könnens und liefert eine sehr unterhaltsame, aber keinesfalls niveau- und anspruchslose Partitur ab. Dieser Soundtrack ist themenreich, hervorragend instrumentiert und charmant.
Im ersten Stück „Welcome To Hollywood“ wird sogleich das Hauptthema vorgestellt, flott und gewitzt bricht es schließlich im Crescendo zu einer satirisch überspitzten Hymne aus, die den Hörer augenzwinkernd auf eine dynamische Reise mitnimmt. Besagtes Thema taucht im zweiten Track erneut auf, auch hier ist die Orchestration bemerkenswert und das Geschick, mit welchem Wendler die einprägsame Melodie variiert. Mithilfe von einem Akkordeon und dem rhythmischen Gefühl des Komponisten wird dem Hörer ein Tango-Rhythmus vorgegaukelt, welcher ihn kaum still sitzen lässt, bis sich Wendler im „Assembly Dance“ schließlich dem „Mickey Mousing“ zuwendet und musikalisch alten Zeichentrickfilmen Tribut zollt.
Auch wenn ein eigener Stil hier keinesfalls zu verleugnen ist, so klingt vor allem „New Beginnings“ im Einsatz diverser tänzelnder Soloinstrumente teilweise stark nach Miles Goodman, welcher sich besonders mit Musik zu Filmen von Frank Oz („Housesitter“, „What About Bob“) einen Namen machte. Wendler beschreitet Goodmans Weg und erweist sich in aller Raffinesse dem 1996 verstorbenen Amerikaner durchaus ebenbürtig. Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Tonschöpfer ist die Verschmelzung mehrerer Musikstile. War es auch bei Goodman oft der Jazz, den er in seine orchestralen Musik einzubauen pflegte, so lässt Wendler in „Acting Montage“ einen Jazz-Rhythmus intonieren, nachdem das Stück von einem barock-anmutenden Intro eingeleitet wurde. Diese Vielseitigkeit weiß deshalb gut zu unterhalten, da sie den ohnehin sehr kurzen Score sehr farbig zu gestalten weiß und das Talent Wendlers von allen Seiten ausleuchtet – eine Faktum, den man bei „Azureus Risinig“ schmerzlich vermisste.
Wie facettenreich diese spritzige Filmmusik ist, verdeutlicht auch „Ham and Pineapple“ mit einer Introduktion von Percussioninstrumenten, ehe Wendler das Hauptthema erneut in orchestralem Gewand erklingen lässt, bis er eine Hommage an die Spaghetti-Musiken der 60er Jahre ertönen lässt, indem er Gitarren, eine Peitsche, eine Solotrompete im Cowboy-Rhythmus einsetzt, die vor allem Ennio Morricone und seinem Thema „The Men from Shiloh“ nahe stehen.
Etwas albern hingegen der Beginn von „Hollywood Melody“ mit einem billig klingenden Klavier, Stimmen-Geräusper und schließlich das Hauptthema, welches auf diversen Mundstücken (zumindest klingt dies so) gespielt wird. Eher entbehrlich ist auch der letzte Track „On Hold… On Edge“, eine primitive Bonus-Melodie, welche klingt wie die Tetris-Musik der 90er Jahre.
Insgesamt ist Edwin Wendler mit dieser Musik jedoch ein sehr gelungener Soundtrack geglückt, der bestens unterhält, charmant und gewitzt klingt, hervorragend orchestriert ist und mit einem sehr schönen Hauptthema aufwartet. „Wrong Hollywood Number“ kann als EP z.B. bei iTunes käuflich erworben werden, „Azureus Rising“ steht auf der Homepage von Edwin Wendler als Download zur Verfügung (http://www.edwinwendler.com/).
Für “Wrong Number Hollywood” erscheint eine Bewertung von 4 Sternen als angemessen, dies ergibt eine gemeinsame Wertung von 3,5 Sternen, die oben dargestellt ist.
Stephan Eicke / 07.07.10
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