Kritiken
Atonement (Dario Marianelli)
Universal / 2007
Bewertung:

England im Jahre 1935: Briony Tallis, eine 13jährige, deren größte Leidenschaft das Schreiben ist, beobachtet zufällig die Vergewaltigung einer 15jährigen. Durch eine Reihe unglücklicher Fügungen und ihrer lebhaften autoriellen Fantasie deutet sie die Eindrücke so, dass der Gärtner des Hauses, Robbie Turner (James McAvoy) der Täter ist. Zwischen Robbie und Brionys älterer Schwester Cecilia (Keira Knightley) hatte sich gerade eine frische Liebesgeschichte entwickelt, die auf diese Weise schmerzlich getrennt wird. Robbie wird erst zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, kommt ein paar Jahre später zum Kämpfen im Zweiten Weltkrieg wieder frei und macht dabei unter anderem die Schlacht von Dünkirchen mit. Briony realisiert erst als sie älter ist die Folgen ihrer Handlungen und versucht, die schwere Schuld wieder gutzumachen.
Der Bestseller von Autor Ian McEwan wurde nun von Regisseur Joe Wright, dessen erster Spielfilm ebenfalls eine Literaturverfilmung (Jane Austens „Stolz und Vorurteil“) war, umgesetzt. Das Drehbuch schrieb Christopher Hampton, der ebenfalls mit Literaturverfilmungen Erfahrungen hat und für Stephen Frears Verfilmung der „Gefährlichen Liebschaften“ 1989 einen Oscar gewann.
„Atonement“ ist nun für sieben Oscars nominiert, inklusive Bester Film.
Eine Oscarnominierung ging auch an Komponist Dario Marianelli, der mit seiner Partitur schon den Golden Globe gewann. Nach der Musik zu Joe Wrights „Stolz und Vorurteil“-Verfilmung ist das schon die zweite Nominierung des in Pisa geborenen Komponisten. Keine schlechte Bilanz, vor allem in Anbetracht dessen, dass Marianelli erst in 2005 mit „Brothers Grimm“ bekannter wurde und vorher nur jede Menge kleine britische Filme (z.B. „In This World“ von Michael Winterbottom) vertont hatte.
Marianellis Herangehensweise an den Score ist die meiste Zeit eher subtil. Klaviersoli des berühmten Pianisten Jean-Yves Thibaudet werden nur um ein kleines Streicherensemble und Holzbläser ergänzt. Im Track „Love Letters“, wird dann die Besetzung sogar auf zwei Personen reduziert. Nur Thibaudets Piano und die Cello-Solistin Caroline Dale tragen das Liebesthema des Films vor. Umso mehr sticht dann natürlich ein dramatischer Cue wie „The Half Killed“ heraus, in denen auch Blechbläser zum Einsatz kommen, wenn Klavier und Streicher in einem packenden Crescendo die Kriegsszenerie des Films passend untermalen.
Für den Charakter der Briony ließ sich Marianelli als musikalischen Kniff die Unterlegung ihres thematischen Materials mit den Sounds einer Schreibmaschine einfallen. Mich persönlich hat der Gebrauch dieses Stilmittels im Film ein bisschen irritiert, da oftmals keine Schreibmaschine im Bild zu sehen ist, auch wenn man sie hört. Von CD überzeugt dieses Konzept aber voll und ganz, da es Brionys Leidenschaft für die Schriftstellerei mit einer spielerischen Art, die zu einem 13-jährigen Mädchen passt, in der Musik verankert und der Vorgang des Schreibens im Film eine immens wichtige Rolle spielt.
Erwähnenswert auch noch die „Elegy for Dunkirk“, in dem die Cello-Solistin Caroline Dale wieder eine tragende Rolle einnimmt, aber auch ein Soldatenchor seinen Auftritt hat. Dies ist ein emotional sehr bewegendes Stück, welches eher simpel im musikalischen Aufbau ist, aber trotzdem nahe geht. Dies lässt sich auch grob gesprochen über die ganze Musik sagen. Von der Harmonik oder dem Kontrapunkt her ist „Atonement“ nicht besonders komplex ausgestaltet, ist aber dennoch pfiffig und versiert orchestriert. Jean-Yves Thibaudets technische Fähigkeiten wurden wahrscheinlich auch nicht besonders herausgefordert, aber dafür interpretiert er die Musik mit genau dem richtigen Maß an emotionaler Wirkung – verkitscht ist hier nichts, aber auch nichts gefühllos und kalt gepielt. Er trifft genau den richtigen Tonfall, wie auch die gesamte Musik, die erfreulich frei von den üblichen Melodramen-Klischees ist. Auch das treffende thematische Material macht „Atonement“ zu einem der Highlights des sonst eher schwachen Filmmusikjahres 2007.
Jan Boltze / 28.01.08
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