Kritiken
As You Like It (Patrick Doyle)
Varese / 2007
Bewertung:

Patrick Doyle scheint sich einiges vorgenommen zu haben. Nachdem er jahrelang eher durch Klasse als durch Masse auffiel, sprudeln die Neuveröffentlichungen von seinen Musiken seit letztem Jahr wie noch nie in seiner Karriere. Bedingt auch durch verspätete Starttermine in Deutschland findet sich der Doyle-Fan in diesem Herbst ganz besonders einer beispiellosen Schwemme neuer Scores wieder. Neben dem Fantasy-Märchen “Eragon” aus dem letzten Jahr buhlen derzeit “The Last Legion”, “Pars vite et reviens tard” von seinem langjährigen Freund Régis Wargnier und der neueste Branagh-Film “Sleuth” um die Gunst des Hörers. Dazu kommt die Musik zu der schon im letzten Jahr entstandenden Shakespeare-Adaption “As You Like It” - ebenfalls eine Zusammenarbeit mit seinem Weggefährten Kenneth Branagh.
Die Frage Masse oder Klasse musste für Doyle zuletzt leider mit Masse beantwortet werden, denn seine deftige Schlachteplatte zum zugegebenermaßen ebenfalls missratenen Historienfilm “The Last Legion” zeigte den Schotten bei weitem nicht auf der Höhe seines Könnens. Mit “Wie Ihr Wollt” könnte das wieder anders werden, denn einerseits zeigt sich Doyle bei Regiearbeiten von Kenneth Branagh immer besonders engagiert und andererseits bietet die romantisch-komödienhafte Handlung, die Branagh zudem nach Japan verlegte, ein gutes Terrain für einen klassischen, fein gearbeiteten melodisch ansprechenden Score.
Mit diesen Worten ist der Score auch bereits in groben Zügen umrissen. “As You Like It” zeigt Patrick Doyle mit vielen lyrischen, klassizistischen Momenten für Streicher, Harfe, Holzbläser und Solisten von einer typischen Seite und anders als zuletzt geht die Orchestrationsarbeit über blasse Routine hinaus. Melodische Figuren wandern sehr elegant durch die Instrumentengruppen, Soli von Holzbläsern ergänzen den häufig mehrstimmig angelegten Streichersatz und vor allem in der Ausgestaltung der Begleitung seiner Themen hat Doyle einiges zu bieten. Ähnlich wie in “Nanny McPhee” zeigt er viel Liebe zum Detail, zu rhythmischen Spielereien und ein exzellentes Gespür für feine Schattierungen der Streicher. Doyles kräftig-melodischer Stil zeigt sich in Form eines wunderbaren Hauptthemas, das lyrisch und singbar und doch voller Ausdruck und Wandlungsfähigkeit ist. Vor allem gegen Ende der CD-Veröffentlichung wird es stark präsent und besitzt nach mehrmaligem Hören Ohrwurmcharakter. Nebenmotive finden sich zuhauf, vor allem das innige “Too Late A Week” hält einen zauberhaften Einfall bereit, den Doyle höchstpersönlich als Sänger im Stile eines romantischen Kunstliedes in “Blow Blow” in shakespearsche Dichtung überführt.
Besonderheit der Musik ist aber einerseits sein durchaus vorhandener asiatischer Einschlag in Form eines ausgewählten Instrumentariums aus Zupf- und Holzblasinstrumenten und andererseits die prominente Herausstellung der Violine als Soloinstrument. Da Doyle zeitgleich an einem Violinenkonzert arbeitete, kann der Score als willkommene Fingerübung und gelungene Generalprobe gesehen werden. So ertönen alle Motive und zum Schluss in der “Violin Romance” auch das Hauptthema in klassizistisch-konzertanter Manier, dies aber ohne einen Kontrast zum Gesamtkonzept zu bilden, sondern äußerst homogen und mit wahrhaft eleganten Dialogen mit dem Orchester. Gleiches gilt für die ethnischen Elemente, die zunächst kurios erscheinen, aber nach Klangfarbe so ausgewählt wurden, dass sich ein höchst reizvoller, sich dem europäischen Blickwinkel unterordnender Kontrast ergibt. Es bleibt letzenendes doch mehr Shakespeare als Japan in Branaghs und Doyles “As You Like It”.
Die komödienhaften Züge der Handlung finden nur bedingt direkte Entsprechungen in der Musik. Im letzten Drittel keimt etwas rhythmische Situationskomik auf, die an “Nanny McPhee” erinnert, doch bleibt dies dezent und nicht bestimmend. Die wenigen dramatischen Ausbrüche der Musik, bei denen auch Schlagwerk und Blech zum Einsatz kommen, zeigen einmal mehr dass eine gute Dosierung der musikalischen Mittel durch Kontraste deutlich mehr Kraft entfalten als ein Dauerbeschuss aus allen Rohren wie in “The Last Legion”.
Fazit: Doyle hat sich nicht selbst übertroffen, aber nach einigen Masse-statt-Klasse-Arbeiten wieder Händchen für Emotionen und musikalische Detailarbeit gezeigt. Ein sehr schöner, runder Score irgendwo in der Mitte zwischen “Vanity Fair” (Mychael Danna) und “Nanny McPhee”. Es gibt Zeiten, da ist eine solche angenehme Eleganz überaus willkommen.
Jan Titel / 18.11.07
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