Kritiken
Angels In America (Thomas Newman)
Nonesuch / 2003
Bewertung:

Von etwas Vergleichbarem kann man im deutschen Fernsehen wohl nur träumen: ein Pulitzer-preisgekröntes Theaterstück, Regiealtmeister Mike Nichols und als Hauptdarsteller Al Pacina, Emma Thompson und Meryl Streep — der amerikanische Pay TV-Sender HBO (berühmt für sein hochqualitatives Programm — die „Sopranos“, „Six Feet Under“ und „Sex and the City“ stammen unter anderem von diesem Sender) machte es möglich. Die Handlung der sechseinhalbstündigen Miniserie dreht sich um AIDS und Homosexualität zu Zeiten der Reagan-Ära. Der Mehrteiler gewann mehrere Golden Globes, unter anderen als beste Miniserie und für die Darsteller Al Pacino, Meryl Streep, Mary-Louise Parker und Jeffrey Wright. In Deutschland wurde soviel Qualität natürlich reichlich stiefmütterlich behandelt und verschwand bei der ARD Pfingsten 2005 im Nachtprogramm. Zum Glück ist die Miniserie auch auf DVD erhältlich.
Nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera arbeiteten einige Größen Hollywoods — etwa der zweifach oscar-nominierte Director Of Photography Stephen Goldblatt, oder der erfahrene Cutter John Bloom, der den Oscar 1982 für „Gandhi“ gewann.
Die Musik steuerte Thomas Newman dabei, der wieder mal eine sehr klangschöne und sehr eklektische Musik mit exotischen Klangfarben komponierte, diesmal aber einige Elemente einstreut, die es sonst nicht oft bei ihm zu hören gibt. Da wäre zum einen der Einsatz von E-Gitarren und dem Chor (letzterer wird jedoch sehr sparsam benutzt, was jedoch eine umso größere Wirkung erzielt), und auf der anderen Seite der Einsatz aggressiv-dissonanter Passagen, die man so von Newman nicht erwartet hätte.
Außerdem fällt die Abwesenheit der typisch newmanschen Pianosoli auf, die in diesem Score nur sehr selten zum Einsatz kommen. Es gibt auch ein bisschen mehr motivische Arbeit als sonst — zum Beispiel ein wiederkehrendes Motiv für ein gespenstisches Frauensolo in einer fremdartigen Sprache. Gleich im ersten Track der über 70 Minuten langen CD erklingt es. Auch einige andere sehr klangschöne Melodien tauchen gelegentlich immer mal wieder auf, hauptsächlich wird der Score, der zwischen diversen Musikrichtungen hin und her springt, durch Newmans Stilismen (viele Zupfinstrumente und Pizzicato-Streicher, warme Streicherteppiche und exotische Instrumentierungen zusammengehalten.
In der letzten Zeit wirkte einiges von Newman doch ein wenig abgenutzt, da er sich stilistisch nicht besonders weiterentwickelt hat, und der Grad der Originalität seiner Arbeiten eigentlich nur noch an der benutzten Instrumentierung festzumachen war. In diesen Zeiten kommt „Angels in America“ genau richtig. Zwar ist der Gesamteindruck auch sehr nah an den üblichen Newman-Scores, durch die überzeugendere Detailarbeit, den Einsatz von ein paar gezielt platzierten Dissonanzen, der E-Gitarren und des Chores wirkt „Angels in America“ ein ganzes Stück überzeugender als vieles, was man zuletzt von Thomas Newman gehört hatte.
Die randvolle CD von Nonesuch Records, (die wahrscheinlich trotz der 70 Minuten Lauflänge nur einen Bruchteil der Musik der Mini-Serie enthält) enthält auch 3 Songs, einen von Jazz-Legende Duke Ellington, einen anderen von einer Gospel-Sängerin und ein Arrangement des Klassikers „A Closer Walk With Thee.“
Fazit: Sehr lohnenswerte Musik, die einmal mehr den Status von Thomas Newman als einen der einflußreichsten Filmkomponisten unserer Zeit untermauert. Überwiegend klangschön enthält der Film überraschenderweise auch einige sehr gut gearbeitete düstere Passagen.
Jan Boltze / 19.02.07
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