Kritiken
Ángel Illarramendi 1995-2005 (Ángel Illarramendi)
Karonte / 2005
Bewertung:

Der Komponist Ángel Illarramendi Larrañaga wurde 1958 im baskischen Zarautz geboren. Bereits im Alter von 16 Jahren begann er ein Studium in Harmonie, Kontrapunkt, Fuge und Komposition in San Sebastian. Seine Karriere begann er mit einem Album, das Instrumentalstücke und Lieder vereinte. Über ein Engagement an der Baskischen Theaterschule kam Illarramendi in Kontakt mit szenischer Musik und fing an, neben klassischem Kompositionen auch für den Film zu arbeiten. In der spanischen und argentinischen Filmszene hat er sich in den letzten zwanzig Jahren nachhaltig etabliert und gilt als einer der Veteranen des Genres - obgleich nur wenig älter als die jungen, dynamischen und über die Grenzen Spaniens hinaus bekannten Kollegen.
Einen optimalen Überblick über das Schaffen Illaramendis für den Film bekommt man mittels des Samplers “1995 - 2005”, der ingesamt 15 Musiken aus den genannten Jahren auf 2 CDs zusammenfasst. Hierzulande ist zwar selbst dieses Set schwer zu finden, doch komplette Filmmusiken dieses Komponisten sind in Deutschland mit einigen sehr raren Ausnahmen im Prinzip nicht erhältlich. Wie die Auswahl der Scores auf diesem Sampler zeigt, ist dies aber bei Illarramendi gar nicht unbedingt notwendig, denn einen ausreichenden Einblick in sein Schaffen erhält man auch in der Kurzform.
Ángel Illarramendi gilt in Spanien als Spezialist für eher leichte Dramenkost und Komödien. Dementsprechend präsentiert sich sein Œuvre auf den ersten Blick auch als Sammlung von unverbindlichen, locker und unterhaltsam orchestrierten Melodien, die eher dekorativ zu dem jeweiligen Film zu hören sind, als dass sie doppelbödig die Ereignisse auf der Leinwand kommentieren. Ausnahmen gibt es freilich auch, und so ist es nicht unfair, ihn als Georges Delerue Spaniens zu betiteln, ohne dass der jeweils andere Komponist dies als Negativum aufgefasst hätte. Die gängigsten Materialien für Illarramendi sind ein Streichorchester, Holzbläser, Klavier und vereinzelte Ergänzungen wie Harfe, Gitarre oder eine Solostimme. Seine Orchestersätze sind meist getragen, langsam und von bedächtiger melodischer Entwicklung. Dabei erzeugt er oft eine melancholisch-pastorale Stimmung, die aber zum Teil in optimistischeres Easy-Listening oder repräsentativere Orchestersätze mit Blechbläsern und großen Streicherlinien übergeht. Der Komplexitätsgrad der Musik bleibt dabei konzeptionell bedingt gering, wobei ihm immer wieder schön anzuhörende Momente gelingen. Das Violinensolo in “El Hijo de la Novia” oder eine etwas forciertere mehrstimmige Streicherpassage in “Tiempo de Tormenta” bietet durchaus einiges Hörvergnügen. Besonders gelungen ist auch die Gesangseinlage in “Yoyes”, die Illaramendi elegant mit seinen weichen Streichern umgarnt. Empfehlenwert als Anspieltipp ist auch die Suite aus “Lluvie en los Zapatos”, in der der Komponist langsam eine Violamelodie aus einem vielschichtigen Streicherarrangement herausarbeitet.
Neben diesen gelungen Momenten hat diese Art von Musik aber auch schon in der kurzen Suitenpräsentation auf dem Sampler einige Längen. Die nach mehreren Filmen wohlbekannten, glatten Streicherflächen gleiten häufig meditativ und undverbindlich vor sich hin, fast weichgezeichnet flechten sich Klavier und Holzbläser ein, sodass es an knackigen Ideen oder etwas Abwechslung mangelt. Besonders deutlich ist das in der fast langweiligen Musik zu “Luna de Avellaneda”. Für etwas Unterhaltung sorgen in diesen Scores die gelegentlich hervortretenden höfisch-zeremoniellen Klassizismen, die Illarramendi offenbar sehr gerne benutzt. Über den pastoral-klassischen Hornsatz in “Sin Fin” bis zum schwungvoll-tänzerischen Schluss von “Tiempo de Tormenta” bietet er immer wieder schnelle, wirbelnde und dennoch etwas formelhafte Orchestersätze. Auch hier fehlt im Detail etwas Biss und der Mut zum Unkonventionellen.
Hört man das Set in vorgesehener Reihenfolge, dann wartet man bis zum sechsten Film auf eine grundsätzlich andere Kompositionstechnik als oben beschrieben. Erst mit “Buon Viaje Excelencia” durchbricht Illaramendi diesen Gestus und gibt seiner Musik mehr Tiefe. Der Film, der zur Franco-Zeit spielt, bietet für den Komponisten die Gelegenheit, auch mal ambivalente und unbequeme Töne anzuschlagen. Der Streichersatz wird demnach düster und bissiger, Celli arbeiten mit viel Kraft und erzeugen erstmals eine echte, musikalische Dynamik. Kraftvolle Bläser treten hinzu, die Streicherarrangements integrieren jetzt leichte Reibungen und Dissonanzen und auch formal tut sich einiges. Illaramendi kombiniert tänzerischen Gestus mit Marschmusik und bietet im Schlusstitel der Suite eine durchsichtige Collage aus Steeldrums, Pauke, Flöte, Blechbläsern und einzelnen Streichern. Hier vertraut er auf die einzelnen und clever kombinierte Klangwirkungen einzelner Instrumente, was vorher eindeutig zu kurz kam.
Gleiches gilt auch für den Kinderfilm “El Rey de la Granja”. Mit Xylophon und Streichern, schnellen Streicherstafetten, Pauken und Trompeten schafft Illarramendi gar so etwas wie Mickey Mousing, was seinen leichten Dramen völlig abging. Fanfaren, Tänze und peppige Melodien sorgen für Abwechslung, am Ende lässt er gar eine E-Gitarre “Thelma & Louise"-Feeling aufkommen. Dazwischen hört man mit düsteren Streicherteppichen, Holzbläsertrillern, Tempodynamik und einem schwungvoll-festlichen Ausklang mehr musikalische Ideen als in den 5 Filmen zuvor.
Erwähnenswert von der zweiten CD ist neben den zwei Light-Opera-Stücken aus “La Isla de Cangrejo” die elegante und erdige Dramenmusik zu “El Celo”, die seine bekannten Stilismen mit tieferem und differenzierterem Streichersatz umsetzt. Dadurch bekommt die Musik eine prophetische und voluminösere Klangfarbe, die ihr gut steht. Die Ausschnitte aus den Konzertwerken “Una Historia Reciente” und “Zapatos de Mujer” (eine Kammeroper) zeigen wiederum, dass Illarramendi abseits der Leinwand durchaus zu komplexeren, spannenden und ungewöhnlichen musikalischen Ideen fähig ist. Der Aufbau des Sets täuscht darüber etwas hinweg, denn die leichten und einfachen Musiken sind zahlenmäßig in der Überzahl und auch vornehmlich an den Beginn gestellt, dass der Blick auf die eigentlich interessanten Musiken verstellt wird.
Ángel Illarramendi gehört zusammenfassend wohl nicht zu den “essentials”, wenn man sich mit der Musik des spanischen Films vertraut machen möchte. Komponisten wie Roque Baños oder Alberto Iglesias haben Werke von größerer Tragweite und kompositorischem Geschick in ihrem Lebenslauf. Dennoch kann ein Blick auch lohnenswert sein, wenn man entweder ein Freund von angenehmer, melodischer und locker orchestrierter Dramenmusik ist oder sich bis zu den Highlights vortasten möchte.
Jan Zwilling / 22.02.09
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