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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Alice In Wonderland (Danny Elfman)

Disney / 2010

CD

Bewertung:


    01. Alice's Theme (05:07)
    02. Little Alice (01:34)
    03. Proposal / Down the Hole (02:58)
    04. Doors (01:51)
    05. Drink Me (02:48)
    06. Into the Garden (00:50)
    07. Alice Reprise #1 (00:26)
    08. Bandersnatched (02:42)
    09. Finding Absolem (02:41)
    10. Alice Reprise #2 (00:38)
    11. The Cheshire Cat (02:07)
    12. Alice And Bayard's Journey (04:04)
    13. Alice Reprise #3 (00:24)
    14. Alice Escapes (01:07)
    15. The White Queen (00:36)
    16. Only A Dream (01:25)
    17. The Dungeon (02:18)
    18. Alice Decides (03:14)
    19. Alice Reprise #4 (01:01)
    20. Going To Battle (02:41)
    21. The Final Confrontation (01:41)
    22. Blood Of The Jabberwocky (02:37)
    23. Alice Returns (03:14)
    24. Alice Reprise #5 (02:55)

    TT: 51 min

Mehr als 20 Jahre lang ist Danny Elfman nun schon fester Bestandteil der Komponistenszene Hollywoods, er darf sich somit guten Gewissens zum absoluten Establishment in der Traumfabrik zählen. In seiner abwechslungsreichen Karriere hat er vor allem zwei Genres neues Leben eingehaucht: dem stimmungsvollen Horrorfilm und dem cineastischen Comic. Vor allem letztere Filme, von “Batman” bis “Spider-Man” brachten ihm den Ruf eines abgedrehten, ideenreichen und ausdrucksstarken Komponisten ein, der zudem ein Händchen für Kassenschlager besitzt. In dieser illustren Reihe nehmen die Filme von Tim Burton eine Sonderrolle ein, denn zum einen kann er bei jenen quasi alle Elemente seiner Musik ausleben und zum anderen inspirieren sich die beiden verwandten Seelen gegenseitig zu fantastisch-fantasievollen Filmen und Musiken.

“Alice in Wonderland” ist der jüngste Spross der Burton-Elfman-Liaison und darf sich nahtlos in die Riege seiner Vorfahren einordnen. Burtons Filme bedienen mit ihrem comichaften Erzählstil, den zum Teil grellen Kostümen und Sets und dem Hang zur morbiden Komik exakt jene Nischen, in denen sich Elfman zu Hause fühlt. Dies führt aber auch dazu, dass der rotschopfige Amerikaner einen ausgeprägten Personalstil oder - anders ausgedrückt - einen Hang zur Schablone entwickelt hat. Gerade in den letzten Jahren kultivierte er einen satten, melodischen und mit zahlreichen Skurrilitäten angereicherten sinfonischen Klang, der von Film zu Film nur leicht variiert wird. “Charlie and The Chocolate Factory” und “Charlotte’s Web” sind Beispiele dafür, zuletzt zeigte er mit dem großartigen “Wolfman” aber, dass er auch anders kann.
So ist “Alice” in der Tradition dieser Musiken der letzten Jahre zu sehen. Er setzt nahtlos an “Charlie” an und bietet ein hervorragend fließendes, farbiges und ausdrucksstarkes Filmmusikalbum. Neben dem sinfonischen Orchester sind es hier vor allem die vokalen Elemente, die dem Score eine eigene Note geben. Ein Kinderchor hat die Hauptrolle beim Titelthema inne, dazu treten zum Teil solistische Stimmen und ein gemischter Erwachsenenchor auf. Elfman nimmt damit Stilismen von Bruno Coulais auf, der ironischerweise ein Jahr zuvor mit “Coraline” in Elfmans Terrain wilderte. Den Hörer erwartet also nichts grundlegend neues, doch Elfman schafft es wie fast immer in den vergangenen zwanzig Jahren, bereits bekanntes immer weiter zu verbessern. Besonders in der Orchestration hat er riesige Fortschritte gemacht und jede seiner Arbeiten klingt reifer und ausgefeilter - 2010 konnte man sich mit “The Wolfman” und “Alice” ein perfektes Bild davon machen.

Der “Alice"-Score lebt vornehmlich von seinem überaus eingängigen Titelthema. Gleich zu Beginn der CD präsentiert es Elfman als Konzertsuite, in den Film fand es freilich nicht in dieser ausführlichen Form Eingang. Es besteht aus einer sanglichen Melodie, von rhythmischen Streichersätzen und einem wohligen Choreinsatz eingeleitet wird. Elfman fächert den Chorsatz geschickt auf, als sich die Einleitung steigert und schließlich das Thema mit dem Kinderchor vorstellt. Eingängige Melodielinien wechseln dabei mit rhythmischen Einsätzen des Orchesters ab, beide Ensembles führen auf das memorable Zweinotenfinale des Themas hin. Der Chor singt, mit Wiederholungen, “Alice” - ein wunderbarer Schachzug von Elfman, da sich das Thema dadurch quasi unverzüglich im Ohr festsetzt. Über die folgenden Minuten baut der Komponist die Phrase immer weiter aus, setzt einen melancholischeren B-Teil ein und lässt die Melodie durch die Instrumente wandern. Die rhythmische Basis der Streicher vom Beginn zieht sich durch das gesamte Stück, welches dadurch einen ordentlichen Drive bekommt. Märchenhaft, packend, eindrucksvoll, intim, wuchtig und träumerisch - all diese Emotionen kristalliert Elfman in der fünfminütigen Konzertsuite, einem der besten Stücke seiner bisherigen Karriere.
So eindrucksvoll das Thema in der gleich eingangs präsentierten Form ist, so dominant erweist es sich in Bezug auf die komplette Musik zu dem bunten 3D-Spektakel von Tim Burton. Da der Hörer es schon nach wenigen Minuten als Ohrwurm angenommen haben dürfte, ist ohrenfällig, dass es in fast jedem Titel der CD auftaucht. Man kann dies als Stärke des Themas interpretieren - oder als leise Kritik an dem Rest der Musik. Denn obwohl es noch einige Seitenmotive gibt, etwa ein introvertiert-verträumtes Thema für die “Little Alice”, bleibt davon kaum etwas hängen. Auch das an Elgar gemahnende “Proposal” ist im ersten Moment erinnerungswürdig, setzt sich aber nicht nachhaltig im Kopf fest. So bleibt Elfmans Wunderland vor allem eine unterhaltsame und farbenfrohe Reihung von Variationen des Hauptthemas. Diese sind aber in der Orchestration so rund, stimmig und abwechslungsreich geraten, dass man ihm diesen Umstand kaum vergällen möchte. So entfacht er mit Chor und mächtigen Posaunen einen eindrucksvollen Sturm in “Down The Hole”, ähnlich druckvoll gelang ihm das Arrangement in “Alice Decides”. Dazwischen nähert sich Elfman mit dem Hauptthema mal dem introvertierten Ton des Little-Alice-Themas, dann wieder setzt er es mit Kinderchor, Celesta, Orgel und Harfe in einen eindeutig elfmannschen, skurrilen Klangkosmos. In der Orchestration beweist er eingangs gemachte Feststellung, dass seine Scores in den letzten Jahren häufig wenig grundlegend Neues boten - dass er mit jeder neuen Musik seine Fertigkeiten aber ein Stückchen weiterentwickelt. So kann auch “Alice in Wonderland” als eine der reifsten Orchestrationsleistungen seiner Karriere gelten. Als solche ist die CD in jedem Fall eine Empfehlung wert, das Main Theme tut sein übriges.

Der Film hat im übrigen ein sehr geteiltes Echo hervorgerufen. Von absolutem Überschwang, der sich aus der überschäumenden Phantasie Burtons speist, bis zum Totalverriss sind mir alle Abstufungen der Einschätzung untergekommen. Wie gut, dass es noch die Musik von Danny Elfman gibt - sie hat fast einhellig gute Kritiken bekommen und dürfte bei einer breiten Masse von Filmmusikfans im Regal landen. 

Jan Zwilling / 14.06.10

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