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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Alexander Nevsky (Sergej Prokofieff)

Cappricio / 2004

CD

Bewertung:


    1. Das 13. Jahrhundert (1:35)
    2. Pleschejewosee- Lied über Alexander Newski (1:24)
    3. Pleschejewosee- Lied über Alexander Newski (Fortsetzung) (1:06)
    4. Nowgorod- Teil 1 (1:15)
    5. Die Kreuzritter in Pskow (2:28)
    6. Die Kreuzritter in Pskow (Fortsetzung) (3:16)
    7. „Erhebe dich, russisches Volk!“ Teil 1 (2:28)
    8. Nowgorod- Teil 2 (1:01)
    9. Nowgorod- Teil 2 (Fortsetzung) (0:24)
    10. „Erhebe dich, russisches Volk!“- Teil 2 (4:22)
    11. Das Lager der Kreuzritter „Peregrinus, expectavi“ (1:44)
    12. Das Warten (0:57)
    13. Fanfaren (0:23)
    14. Die Schlacht auf dem Eis- 5. April 1242 (6:15)
    15. – Kampf (1:55)
    16. – Schalmeien, Kreuzritter und Kampf (2:50)
    17. – Fanfaren (0:10)
    18. – Duell (1:26)
    19. – Finale (Das Eis bricht) (5:17)
    20. Das Totenfeld (5:35)
    21. Das Totenfeld – Schluss (1:11)
    22. Rückkehr nach Pskow – Prozession (4:33)
    23. – Das Gericht (0:38)
    24. – Die Gefallenen (1:06)
    25. – „Unser Heimatland, großes Russenland!“ (0:27)
    26. – Feier (0:51)
    27. Finale (0:53)

    TT: 56 min

In der Filmmusikgeschichte gibt es viele Beispiele für Regisseure und Komponisten, die regelmäßig zusammengearbeitet haben und bei denen dann auch oftmals große Scores herausgekommen sind. Prominente Beispiele sind natürlich Alfred Hitchcock und Bernard Herrmann, Steven Spielberg und John Williams oder Tim Burton und Danny Elfman.
Ein weiteres Beispiel für eine besonders fruchtbare Zusammenarbeit findet sich auch schon in der frühesten Filmmusikgeschichte. Der berühmte russische Komponist Sergej Prokofieff und der gefeierte Regisseur Sergej Eisenstein, der in seinen Werken durch seine Montagetheorien die Filmkunst enorm weiterentwickelte, arbeiteten drei Mal zusammen, bei „Alexander Nevsky“ und bei den zwei Teilen von „Ivan, der Schreckliche“. Das klingt natürlich auf dem ersten Blick nicht nach viel, bedeutet aber letztendlich, dass Prokofieff jeden in Russland entstandenen Eisenstein-Film seit „Alexander Nevsky“ musikalisch betreut hat. Eisenstein arbeitete später eine Zeitlang in Mexiko, weil er in Russland keine Arbeit bekam.

Beide lernten sich 1932 in Paris kennen, beide bewunderten die Arbeiten des anderen. Als Eisenstein wieder die Möglichkeit bekam, einen Film zu machen (Stalin war auf Eisenstein nicht gut zu sprechen, weil er mehrfach Kritik an seinem Regime äußerte) , engagierte er Prokofieff für den Score. „Alexander Nevsky“ war ein Propaganda-Machwerk, ein „Durchhalte-Film“ mit einer relativ schwachen Story und einem wohl sehr unangenehm übertrieben Grad an Patriotismus und Pathos, das aber durch die handwerkliche Brillanz von Eisenstein und seiner Crew heute doch als Filmklassiker gilt- es kommt eben doch nicht nur auf den Plot an. Die Geschichte handelt von besagtem Alexander Nevsky, dem es 1242 gelingt die russischen Stämme zu vereinen, um gemeinsam gegen deutsche Ordensritter auf dem zugefrorenen Peipussee zu kämpfen. Obwohl zahlenmäßig unterlegen, wird der Feind besiegt, weil seine Truppen im Eis einbrechen. Die Schlachtensequenz dauert ungefähr 25 Minuten und stellt somit den Kernstück des Film und auch des Scores da.

Eisenstein und Prokofieff arbeiteten äußerst eng zusammen. Der berühmte russische Filmregisseur ließ der Musik viel Raum zur Entfaltung, der Film war fast ein Stummfilm, da er fast ohne Geräusche auskam, nur ein paar Dialoge kamen darin vor, dies aber nur äußerst selten. Eisenstein ging sogar so weit, dass er die Szenen an die Musik anpasste. Heutzutage müssen Komponisten ihre Partituren oft noch in der letzten Minute spontan gemachten Schnittentscheidungen anpassen. Einen großen Teil der Musik ließ Eisenstein vor dem Film anfertigen, und nach den rhythmischen Vorgaben von Prokofieffs Score drehte und schnitt er das Material. Dies wäre in dieser Form heutzutage einfach undenkbar.

Prokofieff hat seinen Score sehr klar durch Motive strukturiert. Für die deutschen Ordensritter benutzt er ein sehr kurzes, eingängiges Motiv für die tiefen Oktaven der Blechbläser. Aber neben dem Gebrauch bestimmter Melodien arbeitet der Komponist auch sehr geschickt mit den Klangfarben. Im Zusammenhang mit den Ordensrittern werden nämlich auch gestopfte, hoch gespielte Trompeten in Kombination mit synchron dazu spielenden Snare-Drums eingesetzt, was einen recht unangenehmen Sound ergibt. Mit der russischen Seite werden vor allem der Chor und die Streicher assoziiert, die auf recht heldenhaft-pathetische Weise eingesetzt werden. Ein weiteres Hauptthema ist der Choral „Erhebe dich, russisches Volk“, der zu Beginn des Scores sehr häufig eingesetzt wird, so dass sich dort schon leichte Redundanzen ergeben. Die Melodien, die mit der russischen Seite verbunden werden, sind durch die Folklore des Landes inspiriert.

Die Schlacht auf dem Peipussee als filmischer sowie musikalischer Höhepunkt des Films ist besonders vielseitig ausgefallen. Neben eher typisch militaristischer Musik mit Snare-Drums, die im längsten Track der CD geschickt zum Spannungsaufbau genutzt werden gibt es auch fröhliche, fast schon tänzerische Momente, die einige slapstickhafte Momente in dem Kampf untermalen dürften. In diesen Momenten zeigt sich auch, wie geschickt die Verteilung der Klangfarben von Prokofieff genutzt wird. In einigen Momenten lässt er die Themen der russischen und der deutschen Seite gleichzeitig erklingen- was normalerweise chaotisches Klangchaos ergeben müsste, lässt sich hier durch die kontrastreichen Klangcharakteristika gut auseinander halten und ist für die Begleitung der Schlacht bestens geeignet.
Interessant auch das Finale der Schlacht — statt einer großen Siegesfanfare begleitet Prokofieff das Einbrechen der deutschen Ordensritter mit einer reinen Pauken- und Trommelpassage.

Die CD-Einspielung unter Frank Strobel ist tatsächlich die erste komplette Einspielung dieser historisch bedeutsamen Filmmusik - Prokofieff erarbeite eine 35minütige Kantate, nachdem der Film mit großem Erfolg lief, die auch sehr häufig eingespielt wurde, unter anderem sogar von Claudio Abbado. Der Komponist hatte die Kantate allerdings im Vergleich zur Filmpartitur reichlich aufgemotzt, es gab wesentlich mehr Chorpassagen, die Orchestrierungen waren fetter, der Gesamteindruck pompöser. Mit großem Aufwand machte man sich daran, das Werk zu rekonstruieren, was im Booklet sehr interessant und ausführlich geschildert wird. Das Ergebnis kann sich hören lassen.
Der Score ist nur auf einer SACD erschienen, die sich allerdings auch auf jedem normalen CD-Spieler abspielen lässt und auch schon dort mit einem Klasse Sound aufwartet. Die Interpretation der Musik ist rundherum gelungen und muss sich auch nicht hinter dem großen Namen von Claudio Abbado verstecken.

Fazit: Die CD ist ein Muß für jeden Filmmusikhörer, auch für den, der bisher noch keine Scores aus der früheren Filmgeschichte besitzt.

Jan Boltze / 18.02.07

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