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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

A Single Man (Abel Korzeniowski)

Relativity / 2010

CD

Bewertung:


    01. Stillness Of The Mind (03:54)
    02. Drowning (01:48)
    03. Snow (01:15)
    04. Becoming George (03:51)
    05. George's Waltz I -- Sh. Umebayashi (01:40)
    06. Daydreams (02:16)
    07. Mescaline (03:10)
    08. Going Somewhere (01:59)
    09. A Variation On Scotty Tails Madeline -- Sh. Umebayashi (01:52)
    10. Carlos -- Sh. Umebayashi (01:01)
    11. La Wally -- Miriam Gauci (03:29)
    12. Stormy Weather -- Etta James (03:10)
    13. Green Onions -- Brooker T. & The MG's (02:54)
    14. Blue Moon -- Jo Stafford (04:39)
    15. Swimming (01:39)
    16. And Just Like That (04:53)
    17. George's Waltz II -- Sh. Umebayashi (03:18)
    18. Sunset (02:59)
    19. Clock Tick (02:07)

    TT: 52 min

In regelmäßigen Abständen tauchen vielversprechende junge Talente auf der internationalen Bühne der Filmkomponisten auf. In den letzten Jahren verursachten vor allem Brian Tyler, Klaus Badelt und Andrew Lockington Wirbel in unterschiedlicher Stärke, nicht zu vergessen der ebenfalls noch keine zehn Jahre im großen Geschäft agierende Michael Giacchino. Um die drei erstgenannten ist mittlerweile ruhig geworden - zurecht, wenn man sich das blasse Mittelmaß anschaut, das ihren Output prägt. Die Hoffnungen auf frischen Wind haben sich schnell zerschlagen, oder sind wie im Falle von Lockington erst gar nicht zu voller Blüte gelangt.
Zum Jahreswechsel 2009/2010 trat nun ein weiteres neues Gesicht auf den Plan. Abel Korzeniowski, ein in Krakow geborener Pole, wurde für die Musik zum Drama “A Single Man” für einen Golden Globe nominiert. Er hatte noch keine Handvoll Scores in der Traumfabrik komponiert, als ihm diese Ehre zuteil wurde. Nun drängt sich die Frage auf, ob er genauso schnell wieder im Mittelmaß der Hollywood-Komponisten untergeht wie seine Vorgänger. Zwei Dinge sprechen aus heutiger Sicht dagegen: Zum einen gibt sich Korzeniowski, ein von Krzysztof Penderecki ausgebildeter Komponist, ehrgeizig und selbstbewusst. So steht kaum zu befürchten, dass er sich demnächst mit Aufträgen für Filme zweifelhafter Qualität überhäuft. Zum anderen hat er bereits vor seinem großen Durchbruch auf einem Niveau komponiert, an das Tyler, Badelt und Konsorten nicht im Ansatz herankommen. Seine epische Partitur für “Metropolis”, uraufgeführt in Krakow 2004, ist ein musikalischer Gourmethappen, stringent, kreativ und in seinen Stimmungen faszinierend. Auch der Score für das Animationsfilmdebakel “Terra” zeugt von überragenden technischen Fähigkeiten. Beste Voraussetzungen also, sich nicht als Eintagsfliege herauszustellen.

Die Musik, der er den großen Durchbruch verdankte, stammt aus dem Film “A Single Man”. Das Regiedebüt von Gucci-Stardesigner Tom Ford ist ein episodenhaftes Melodram um einen Literaturprofessor, dessen Lebensgefährte ums Leben gekommen ist. Der von Colin Firth gespielte Mann durchlebt im Film einen einzelnen Tag, quält sich mit Depressionen und findet schließlich Ablenkung im Gespräch mit seiner besten Freundin (Julianne Moore). Colin Firth wurde für zahlreiche Preise nominiert, ebenso Moore und der Score. Bei den Filmfestspielen von Venedig lief “A Single Man” im Wettbewerb.
Korzeniowski kam recht früh und dennoch auf kleinen Umwegen zu der Produktion. Ursprünglich hatte Produzent Chris Weitz den Japaner Shigeru Umebayashi für den Score engagiert, der auch zwei kurze Stücke komponierte. Wegen der Entfernung zur Produktionsstätte und der Sprachbarriere gestaltete sich die Zusammenarbeit jedoch schwierig, sodass Umebayashi durch Korzeniowski ersetzt wurde, der seit 2006 in Los Angeles lebt. Ironischerweise blieben die zwei Stücke des Japaners, sein Main Theme “George’s Waltz” und “Scotty Tails Madeleine”, eine Vertigo-Variation, im finalen Schnitt erhalten. Korzeniowski orientierte sich jedoch nicht an den Kompositionen Umebayashis, fand aber eine verwandte Tonsprache. Er arbeitete mit einem Kammerorchester, das mit Soli von Violine, Cello, Harfe und Klavier ergänzt wird. Holz- und Blechbläser sind rar oder fehlen ganz. Pivotales Element seines Scores ist das Hauptthema für Firth’ Figur, eine “single melody” für den “single man”. Es ist eine elegante, sanft pendelnde Melodie für Solovioline, die immer wieder leicht transponiert und variiert wird. Sie ist minimalistisch aufgebaut, arbeitet also mit wiederholenden Phrasen, denen eine tragende melodische Entwicklung übergeordnet ist. Das Thema ist äußerst versiert aufgebaut, weil Teile der wiederkehrenden Bestandteile immer wieder zugleich als Begleitung fungieren können. Mit dem gekonnt arrangierten “Stillness Of The Mind”, dem Titelthema, beweist Korzeniowsi ein feines Gespür für musikalische Schattierungen und Stimmungen, die selbst mit einfachen Mitteln möglich sind. Die feinsinnigen Streicherarrangements lassen die Dominanz der Hauptmelodie unangetastet und zeugen doch - oder gerade deshalb - von enormem technischen Verständnis. Dass Korzeniowski sein Thema ohne Overdubs in einem Take einspielen ließ, unterstreicht zusätzlich die konzertante und elegante Atmosphäre.
Sein Score für den Film beläuft sich auf circa eine halbe Stunde, in denen vor allem Variationen des Hauptthemas und einiger kleiner Derivate zu hören sind. In der Kürze dieser Zeit entsteht dabei kaum Langeweile durch Wiederholungen, obgleich die Ausdrucksmittel natürlich begrenzt sind. Es sind aber immer wieder faszinierend orchestrierte Passagen, die den musikalischen Fluss aufrecht erhalten. Da sind zum Beispiel die wenigen Sekunden der Eröffnung des Titelthemas, in denen der polnische Komponist mit Cello, Harfe und einzelnen Holzbläsertrillern ein musikalisches Kleinod schafft, bevor die Violinie die Melodie übernimmt. Vergleichbares gelingt in “Snow” - hier sind es vor allem die minimalistischen Streicher, die die klirrende Kälte vielgestalt untermalen. Über allem schwebt die “single melody”, doch die Unterstützung durch das Kammerensemble macht das Besondere aus. Etwas in Richtung U-Musik tendiert der Titel “Becoming George” mit leichtem Schlagzeug-Rhythmus und Klavier.

Die kurzen Stücke von Shigeru Umebayashi auf dem Soundtrack erweisen sich nicht als störend, da sich der Japaner dem gleichen Ensemble bediente. Sein Walzer ist allerdings simpler gestrickt als Korzeniowskis Anteile, der Unterschied zwischen klangschön und raffiniert orchestriert wird bei genauem Hören sehr deutlich. Aufgelockert wird die Soundtrack-CD zusätzlich durch ein Exzerpt aus Catalanis Oper “La Wally” und dem einigen Chansons, unter anderem von Etta James. Korzeniowskis Score ist aber wert, mittels der Programmierfunktion in einem Rutsch gehört zu werden.

Mit etwas Glück geht der Pole also nicht wie viele seiner Vorgänger den Weg ins Mittelmaß Hollywoods. Alle Anlagen dazu hat er zweifelsohne, nun ist eine sorgfältige Filmauswahl wichtig. Bis dahin lohnt in jedem Fall ein Blick zurück - auf seiner Homepage sind viele seiner Werke mit ausführlichen Tonbeispielen dokumentiert, so auch das “Stillness Of The Mind”.

Jan Titel / 30.01.10

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