Kritiken
A Christmas Carol (Alan Silvestri)
Disney Online / 2009
Bewertung:

Alle Jahre wieder entsenden die Filmemacher familiengerechte und kurzweilige Filme im Dezember in die Kinos, um von der um sich greifenden Besinnlichkeit zu profitieren. Im Jahr 2009 heißen die beiden Bewerber um den buntesten Weihnachtsspaß “Küss den Frosch” aus dem Hause Disney und “A Christmas Carol” von Robert Zemeckis. Letzterer ist - ähnlich wie bereits fünf Jahre zuvor “The Polar Express” - als Performance-Capture-Animation entstanden, Pate standen Jim Carrey, Bob Hoskins, Robin Wright-Penn und Gary Oldman. Gemeinsam mit den Filmen treten auch alle Jahre wieder Musiken an, die klassischen Weihnachtssoundtracks zu mehren. Schon im Golden Age vergnügten sich namhafte Komponisten in diesem Genre, beispielsweise Franz Waxman in einer frühen Verfilmung von “A Christmas Carol” oder Bernard Herrmann in einer ebensolchen Adaption für eine TV-Show. Interessanterweise scheint dieses Subgenre aber von relativ neuen Filmen dominiert zu sein, denn stilprägende und bekannte Scores stammen größtenteils von 1990 und später. Als Initialzündung der noch immer dominierenden Vertonungspraxis dürfte John Williams’ “Home Alone” sein, ebenfalls über den Hype des betreffenden Jahres hinaus bekannt sind Henry Mancinis “Santa Clause”, Bruce Broughtons “Miracle on 34th Street” (das zugehörige Original von 1947 hatte einen Score von Cyril Mockridge) und James Horners “How The Grinch Stole Christmas”. Für Robert Zemeckis’ Kinoadaption von Charles Dickens Weihnachtsgeschichte startet Alan Silvestri nun den zweiten Versuch, sich in diese Riege gestandener Hollywoodkomponisten einzureihen - mit beachtlichem Erfolg.
Silvestri vertraut dabei vollständig auf die etablierten Genrestandards, die maßgeblich von John Williams geprägt sind und auf klassische Vorbilder von Tchaikowski, Glasunow bis Bartok zurückgehen. Nicht zuletzt dürfen Prokofieff und Richard Strauss als Orchestrationsvorlagen nicht ungenannt bleiben, daraus ergibt sich ein farbenfroher, markant-melodischer Cocktail mit sinfonisch ausgearbeiteten Weihnachtsliedern, wildem Mickey Mousing und häufig durch Chor unterstützter, deklamatorischer Besinnlichkeit. Alan Silvestris “A Christmas Carol” bildet hierbei keine Ausnahme, sondern interpretiert die Standards frisch und knackig. Besonders hervorzuheben ist die gelungene Orchestration der Musik, die an die besten Leistungen aus der Karriere des Komponisten ohne Mühe heranreicht.
Silvestri eröffnet seinen Score mit Paukenwirbeln, schmetternden Blechfanfaren und einem durch viele Stimmen im Orchester gleitenden Thema. Die Streicher marschieren zackig, Glocken setzen weihnachtliche Akzente und Holzbläser und Schlagwerk ergänzen den Satz vielgestalt. Unvermittelt erscheint dann ein großer Chor auf der Bildfläche und trimmt das Thema auf ein gewaltiges Arrangement. Silvestri streut daraufhin Anspielungen auf “Joy To The World” oder das “Festlied” von Carl Maria von Weber ein, um anschließend wieder zu einem vollmundigen Statement des Hauptthemas zurückzukommen. Routiniert wechselt er die Melodiestimme zwischen Chor und Hörnern, welche besonders das Gemütliche und Feierliche der Weihnachszeit transportieren. Bereits unmittelbar nach dem Main Title verlässt Silvestri das Festliche und eröffnet mit der “Scrooge"-Musik die schräge Seite der Musik. Viel Holz und rhythmische Verschiebungen, sowie mysteriöser Chor und Blechbläserattacken schaffen eine kurzweilige und stimmungsvolle Unterhaltung. Auch hier zeigt sich, dass Silvestri instrumentatorisch in seinem Element ist und mit Freude die Streicher übertrieben wallen lässt, oder mit Solovioline und Piccoloflöte feine Stiche setzt. Der Orchestersatz wirkt neben seiner Routine knackig und frisch, nicht zuletzt schlägt hier auch die gute Aufnahmetechnik und Abmischung zu Buche.
Entlang dieser beiden Stilismen schafft Silvestri gut 45 Minuten unterhaltsame Weihnachtsmusik mit einigen weiteren Highlights. Eines davon ist die irrwitzige “Carriage Chase”, eine kleine feine Achterbahnfahrt und nebenbei eine der dynamischsten Filmmusiksequenzen des Komponisten. Schöne mehrstimmige Melodieführungen, packende Blechbläsersetze und ständig voranpreschende Rhythmen sorgen für einen enormen Unterhaltungsfaktor, der selbst bei genauerem Hinhören ob der reifen Orchestrationsleistung nicht leidet. Furios auch der Choreinsatz in “Who Was That Lying Dead?”, dem Auftakt zum Finale. Leiser und feinsinniger geht es in “First Waltz” zu, einer streicherseligen Insel in dem turbulenten Score. Langeweile kommt aber auch hier nicht auf. Grenzwertig ist allenfalls der Gesangspart von Andrea Bocelli im Abschlusstitel, aber zu Weihnachten verzeiht man auch diese kleine Kitschattacke.
Fazit: “A Christmas Carol” hat alles, was man sich von einem Score zur Weihnachtszeit wünscht. Jubel, Trubel und Heiterkeit gießt Silvestri in Noten, ohne dabei das Rad neu zu erfinden. Der Animationsscore dürfte zu den unterhaltsamsten Musiken seiner Karriere zählen und ist seine beste Orchestration seit “Mouse Hunt”. Wer letzteren Score mag, macht hier nichts falsch und auch Fans von “Home Alone” und Co. kommen auf ihre Kosten. Hoffen wir, dass wir alle Jahre wieder einen solchen Silvestri erleben dürfen.
Jan Titel / 10.12.09
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