Komponisten
Bernard Herrmann
Es gibt viele Wege, die Bedeutung eines Künstlers für eine Epoche zu bestimmen. Greift man nach der in der Filmbranche gängigen Methode, die Auszeichnungen mit begehrten Filmpreisen wie dem Oscar heranzuziehen und aufzurechnen, ergibt sich ein eigenartig verzerrtes Bild. Alfred Hitchcock gewann nie einen Regieoscar und Komponist Alan Menken konnte mehr Trophäen einheimsen als Größen wie Franz Waxman oder Jerry Goldsmith. Besonders deutlich wird dies in Betrachtung der Person und des Künstlers Bernard Herrmann, der wie kein zweiter viele Genres des amerikanischen Films in den vierziger bis sechziger Jahren prägte. Während fast alle berühmten Vertreter seiner Gattung regelmäßige Nominierungen und gelegentliche Auszeichnungen bei den Acadamy Awards verbuchen konnten, blieb Herrmann nach seiner Auszeichnung für “Devil and Daniel Webster” in den frühen Vierzigern gut dreißig Jahre lang komplett unberücksichtigt.
Die Ursachen dafür sind weitgehend unbekannt, doch neben dem Nominierungsmodus der Awards lassen sich Vermutungen über die Gründe für das Ignorieren der Kollegen in der markanten Psyche des New Yorkers anstellen. Herrmann galt Zeit seines Lebens als starrköpfig bis hin zur Arroganz, als launisch und wenig bereit, anderer Leute Meinungen für seine kompositorische Arbeit in Betracht zu ziehen. Mit ihm zu arbeiten entsprach dem Klischee eines genialen Künstlers, Geistesblitze und Ideen auf höchstem Niveau mussten erkauft werden mit Abstrichen in dem sozialen Verhalten. Dies bekamen Orchestermitglieder, Orchestratoren (wenn sie denn überhaupt notwendig waren, Herrmann orchestrierte fast alle seine Scores selbst) und vor allem Regisseure und Produzenten zu spüren. Dieses Image machte ihn zwar zu einer anerkannten Autorität, seine Beliebtheit bei Kollegen hielt sich dennoch spürbar in Grenzen.
Geboren wurde Herrmann im Juni 1911 in New York City, wo er auch aufwuchs und seine ersten musikalische Erfahrungen sammelte. Schon früh zeigte sich sein kompositorisches Talent, vom Vater gefördert gewann er im Alter von 13 Jahren einen Kompositionswettbewerb. Er begann, Violine zu lernen und schrieb sich für ein Studium an der New York University im Bereich Komposition ein. Es wurde ein voller Erfolg, sein Studium bei unter anderem Percy Grainger führte ihn auch an die gerühmte Juilliard School of Music und schon mit zwanzig Jahren gründete er ein eigenes Orchester, das New Chamber Orchestra Of New York. Schon früh zeigten sich Anzeichen seines schwierigen Charakters, denn die Eltern seiner ersten Ehefrau Lucille Fletcher waren von der Hochzeit wenig angetan. Dennoch heiraten die beiden 1939, neun Jahre später folgte die Scheidung.
Als Spitzenabsolvent der angesehensten Schulen für junge Komponisten stand Herrmann ein weites Feld der Betätigung offen, doch er entschied sich pragmatisch für eine finanziell sichere Anstellung als Dirigent beim Radio, dem Columbia Broadcasting System (CBS). Schnell setzte er sich in dem Medium durch und brachte eigene Initiativen in die Programmgestaltung ein, besonders intensiv kümmerte er sich um die Förderung amerikanischer Komponisten. 1943 wurde er schließlich Chefdirigent des CBS Symphony Orchestras. Die Komposition war nicht vordringlichste Aufgabe seiner Position bei CBS, doch recht schnell wurde sein außergewöhnliches musikalisches Talent erkannt und Herrmann komponierte kleinere Stücke zur Untermalung von Radiobeiträgen und Hörspielen. Seine seit Anfang der 30er Jahre verfassten Kompositionen für den Konzertsaal, darunter viele kleine Tondichtungen, Tänze und balletthafte Extravaganzen, zeigten ihn als Meister der unkonventionellen Orchestration und präzisen Stimmungsmalerei, Eigenschaften die für die knappen Budgets des Radios und die unmittelbare Wirkung der Musik wie geschaffen waren. Ein großer Erfolg wurde im Jahr 1938 das Hörspiel “Krieg der Welten” vom jungen Radio-Regisseur Orson Welles (im Bild zusammen mit Bernard Herrmann). Zum Großteil auch Herrmanns Musik zuzuschreiben ist die fast panikhafte Rezeption des Hörspiels vom Publikum, die realistische und doch dramatisierte Darstellung wurde als echte Invasion der Außerirdischen interpretiert.
Im Jahr 1941 folgte der Komponist seinem Weggefährten Welles an die Westküste nach Hollywood, wo dieser seinen ersten Kinofilm “Citizen Kane” inszenierte. Der Film und Herrmanns Musik wurden ein großer Erfolg, für seine mit allen Klischees brechende, fragmentarische und polystilistische Filmmusik erhielt Herrmann seine erste Oscarnominierung. Doch auch der Gewinn des Oscars im gleichen Jahr für seinen zweiten Film, “The Devil and Daniel Webster” von Wilhelm Dieterle konnte ihn nicht davon abhalten, dem Radio treu zu bleiben. In den darauffolgenden Jahrzehnten komponierte Herrmann weiterhin Unmengen an Musik für CBS, vor allem sogenannte Library Music mit eher fiktivem Programm, die frei für Sendungen verwendet werden konnten. Zwei CDs mit vorzüglicher Musik aus diesen Bibliotheken erschienen 2002 bei Prometheus.
Kannten Anfang der vierziger Jahre nur wenige Filmschaffende in Hollywood den Namen Bernard Herrmann, wurde er mit nur wenigen Filmen schnell zu einem gefragten Komponisten. Außerhalb der gängigen Studioverträge, die seine Persönlichkeit wohl auf das fürchterlichste eingeschränkt hätten, erarbeitete er sich mit durchschnittlich nur ein bis zwei Filmen im Jahr den Ruf eines versierten und progressiven Tonsetzers, dessen sparsame Dramatik, direkte Ausdruckskraft und visionären Besetzungswünsche legendär wurden. Immer etwas abseits des Mainstreams, nicht angepasst an den vollen Orchesterklang des klassischen Hollywood eines Steiner, Newman oder Young, und vor allem nicht geschaffen für eine Welt von oberflächlichen Nettigkeiten, Imagepflege und Stargehabe wie die glamouröse Filmwelt wurde Herrmann nie ein wirklicher Teil von dem was Hollywood schon damals ausmachte.
In den folgenden dreißig Jahren wurde der Name Bernard Herrmann Synonym für den modernen Klang Hollywoods. Schon früh etablierte er konsequent Kompositionsweisen wie den Minimalismus in der Filmmusik, brachte die elektronische Musik als Ausdrucksmittel ein und bewies sowohl mit unkonventionellen Besetzungen als auch mit klassischen Orchesterkonfigurationen höchste Kreativität und Ausdruckskraft. Legendär sind seine langjährigen Kollaborationen mit Alfred Hitchcock und Ray Harryhausen. Für die Thriller des Briten Hitchcock etablierte Herrmann eine nachdrückliche, modernistische und ungemein soghafte Kompositionsweise, die noch bis heute in diesem Genre nachwirkt. Für die fantasyvollen Filme mit Puppenanimationen von Harryhausen brachte der die minimalistische Kompositionsweise zu nie erreichter Farbigkeit, indem er Ideenreichtum bei der Instrumentation und haarsträubenste Klangkombinationen und Besetzungen aufbot. Dazwischen bearbeitete er mit Alfred Newman den Monumentalfilm und begab sich erstmals farbig unter die Wasseroberfläche ("The Egyptian” und “Beneath the 12-Mile Reef").
Ein Querdenker und Soziopath blieb er bis an sein Lebensende, wie ein Vorfall im Jahr 1966 belegt. Die Sessions für den neuesten Hitchcock-Film “Torn Courtain” sind anberaumt und im Vorfeld wurde von den Produzenten Druck auf Hitchcock und Herrmann ausgeübt, sich dem allgemeinen Trend anzupassen und eine deutlich poppigere Musik und einen Titelsong für den Film zu produzieren. Hitchcock gab dem Druck nach, doch Herrmann dachte nicht im Traum daran, sich in seine Vision hineinreden zu lassen. Als Hitch die ersten Takte des Main Titles hörte, den Herrmann mit dem Orchester probte und aufnehmen wollte, sagte er dass er Herrmanns Musik ablehnen werde. Der Komponist verschwand wortlos aus dem Aufnahmeraum und die langjährige Zusammenarbeit zweier dickköpfiger Legenden fand ein jähes Ende - sie sprachen nie mehr ein Wort mit einander. Bernard Herrmann suchte sein Heil in Europa, wo die junge Garde um Francois Truffaut im Gegensatz zu Hollywood noch Interesse an seiner Musik hatte.
Im Winter 1976 bearbeite Herrmann das Werk eines vielversprechenden Jungfilmers namens Martin Scoresese. “Taxi Driver” präsentierte einen brillanten Robert de Niro und wurde Herrmanns letzte Filmmusik. Nach den Aufnahmen für den jazzig angehauchten und dennoch sehr fatalistischen Score verstarb Herrmann im Alter von 65 Jahren am Weihnachtsabend direkt im Anschluss an die Sessions in seinem Bett. Er hinterließ eine übersichtliche Zahl von 54 Filmscores, etwa ebensoviele Werke für den Konzertsaal und unzählige Radiostücke. Er machte sich als Dirigent einen Namen und als Förderer der amerikanischen Musik. Sein berühmtestes Zitat ist “Your views are as narrow as your tie!” - ein Satz, der auf den Menschen Herrmann auch zutreffen würde. Er galt als egozentrischster Komponist Hollywoods, doch als einer der einflussreichsten kann er heute ebenso gelten.
Jan Titel / 11.01.08