Interviews
Interview mit Patrick Doyle (Harry Potter, Nanny McPhee)
Guten Tag Herr Doyle. Ihre neuen Musiken “Nanny McPhee” und “Harry Potter und der Feuerkelch” zielen auf ein jüngeres Publikum ab, als bei vielen ihrer vorangegangenen Scores. Sind Sie mit einem besonderen Konzept an diese Aufgabe herangegangen und haben Filmmusiken wie “Shipwrecked” sie geleitet?
Ersteinmal ist Musik immer Musik. Bei “Harry Potter” habe ich den bewussten Versuch unternommen, die Magie der Geschichte an allen möglichen Stellen durch Melodie und Orchestration aufrechtzuerhalten. Es ist ohne Probleme möglich, zugleich kindhaft und unheimlich zu sein, wenn man vorsichtig von der orchestralen Klangfülle und -farbe Gebrauch macht. Bei der Arbeit an “Nanny McPhee” hat mich gereizt, dass ich großen Spass haben würde. Ich konnte jedes nur denkbare komische Mittel benutzen, vom pizzicato oder glissando bis hin zu chromatischen Läufen oder over-the-top-Klangfarben. Ich habe alles eingesetzt von der Piccoloflöte bis zum Saxophon.
Wenn man die beiden Musiken ohne Kenntnis hören würde, würde man eher “Nanny McPhee” als ähnlicher zu den alten Potter Scores ansehen. Wie haben Sie mit Regisseur Mike Newell den musikalischen Stil für den “Feuerkelch” gefunden?
Die Musik zu “Harry Potter und der Feuerkelch” folgt der erzählten Geschichte und zwar die komplette Zeit, sie ergibt sich sowohl aus der Geschichte als auch aus den Charakteren. Das ist wirklich so geradeheraus wie es sich anhört. Der Inszenierungsstil von “Nanny” hingegen ist bunt und frech, lustig und erstklassig, und daher reflektiert die Musik das ebenfalls entsprechend.
Bis zu welchem Grade sollten Sie denn die extistenten Themen von John Williams in den Score einarbeiten? Wurde Ihnen dahingehend viel Freiraum gegeben?
Es war von Anfang an klar, dass ich das Thema von Hedwig benutzen würde. Es ist ein Franchise, eine Serie die verkauft werden soll und wie bei jedem anderen Franchise sollte auch dieser Film das wiedererkennbare musikalische Hauptthema verwenden. Es war eine große Freude, den Fußstapfen von John Williams zu folgen. “Der Feuerkelch” ist aber eine weitaus dunklere Geschichte mit vielen neuen Charakteren und daher waren Mike Newell und ich uns einig und angetan von der Vorstellung, neues thematisches Material für diese Charaktere zu entwickeln.
An welchem Punkt der Produktion waren Sie denn mit an Bord? Wie eng haben Sie mit dem Regisseur zusammengearbeitet?
Ich wurde schon vor Beginn der Dreharbeiten mit einbezogen und habe mit Mike Newell schon früh im Produktionsprozess eingehende Gespräche geführt. Es gibt eine Menge Momente, wo die Musik direkt vor der Kamera auftritt, die ich also schon vor dem Dreh vorbereiten musste. Ich war auch bei den Aufnahmen dabei, um sie zu begutachten und war dann quasi bis hin zur eigentlichen Arbeit des Scorings im Film involviert.
Die Blaskapellen-Stücke und die Walzer waren eine Überraschung auf der CD. Können sie uns den genauen Hintergrund dazu erzählen?
Die Blaskapellenstücke wurden aus speziellen Wunsch von Mike Newell komponiert, der unbedingt eine solche Kapelle auf der Leinwand haben wollte. Ich hatte eine sehr detaillierte Besprechung mit Mike und dem Designer Stuart, wie sie genau aussehen sollte und auch wie sie klingen sollte. Obwohl die Musik direkt aus der britischen Blaskapellentradition entspringt, mit der ich sehr vertraut bin, weil ich selber in meiner Jugend in einer solchen Kapelle mitgespielt habe, ist die Orchestration abgesehen vom Euphonium eigentlich genau entgegengesetzt zu Blaskapellen. Ich habe Hörner, Posaune, B-Trompete und eine F-Tuba eingesetzt.
Mike war von dem Potter Waltz sehr begeistert und wollte, dass der Walzer für Neville eine gewisse Schärfe besitzt. Gleichzeitig sollten sie aber die Handlung auf der Leinwand genau reflektieren, die wirklich exquisiten komischen Darstellungen untermalen.
Es gibt in der Potter-Musik ein paar wirklich sehr düstere und dramatische Momente, aber ebenso ein echtes Liebesthema. Wird Harry Potter auch in der Musik erwachsener?
Es gibt ohne Zweifel eine Reifung der Hauptcharaktere, die jetzt eindeutig in ihren Teenager-Jahren sind. Es schien wie ein natürlicher Schritt in der Weiterentwicklung der Reihe, dass dies auch musikalisch reflektiert wird.
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Jarvis Cocker an dem Film? Haben Sie zusammen ein Konzept entwickelt?
Ich hatte mit Jarvis Cocker schon einmal zusammengearbeitet, das war für “Great Expectations”. Ich hab mich gefreut, dies zu wiederholen und habe das Streicherarrangement für den Song “Magic Works” geschrieben.
Sprechen wir über “Nanny McPhee”. Wie haben sie den Auftrag bekommen? War es über Emma Thompson, die das Drehbuch geschrieben hat?
Ich habe das Script für “Nanny McPhee” schon vor fast vier Jahren zugesandt bekommen und bevor die Dreharbeiten begannen gab es den üblichen Prozess des Überarbeitens. Ich habe schon einmal mit Emma Thompson und der Produzentin Lyndsay Doran zusammengearbeit, aber letzendes war es die Entscheidung des Regisseurs Kirk Jones, ob ich an den Film mitarbeite. Das ist so die Etiquette, weil ein Komponist sehr eng mit dem Regisseur zusammenarbeiten muss. Wir hatten eine sehr gute Zusammenarbeit.
Sie erwähnten schon, dass “Nanny” eine wirklich breite Palette an Details in der Orchestration bietet. Ist es wirklich ähnlich erfüllend und spaßig, solches “Mickey Mousing” zu komponieren wie es sich zu anzuhören?
Ich habe ja schon erzählt, warum ich spezielle Instrumente eingesetzt habe. In der Vergangenheit habe ich bereits für den Animationsfilm gearbeitet und ich habe diese Techniken zu einem hohen Grade in “Nanny McPhee” eingesetzt. Es ist tatsächlich ein großer Spaß, “Mickey Mousing” zu schreiben, wie Sie es nennen. Diese Technik zu benutzen ist sehr fordernd und zeitaufwändig, aber das Resultat ist meist enorm befriedigend, besonders wenn man das Publikum lachen hört.
Hatten Sie einen Temp Score bei einem der beiden Filme?
Nein.
Eins ihrer nächsten Projekte in die Verfilmung von “Eragon”, dem epischen Fantasybuch von Christopher Paolini. Haben Sie ein neues Lieblingsgenre gefunden?
“Harry Potter” hat mir die wundervolle Gelegenheit gegeben, den Score zu einem Fantasyfilm zu schreiben und ich freue mich auf jeden weiteren der meinen Weg kreuzt. Im Grunde liebe aber alle filmischen Genres und bin sehr glücklich, dass ich für die meisten in meiner bisherigen Karriere schon Musik schreiben konnte.
Vielen Dank für dieses Interview.
Jan Titel / 13.03.07