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Interview mit Andrew Lockington (Journey To The Center Of The Earth 3D)

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Hallo Herr Lockington, vielen Dank für dieses Interview. Haben Sie Angst vor Vergleichen mit Bernard Herrmann?

Sicherlich. Bernard Herrmann war ein Genie. Verschiedenste Leute haben mich schon gefragt, was die Ähnlichkeiten unser Arbeiten zu „Journey To The Center Of The Earth“ angeht und ob ich mir seine Musik jemals angehört habe. Ich habe den Film vor einigen Jahren mal gesehen, aber die Musik bestimmt seit 15 Jahren nicht gehört. Als ich an meinem Score gearbeitet habe, habe ich auch bewusst auf Bernard Herrmann verzichtet. Er war ein brillanter Komponist und ein Pionier einer bestimmten Stilrichtung der Filmmusik. Der Film, den ich vertonen musste, war jedoch sehr unterschiedlich zu seinem. Ich habe mich daher darauf konzentriert, was für mein Projekt am besten war.

Welchen Stil haben Sie für Ihren Score kreiert?

Der Film ähnelte nicht unwesentlich den altmodischen Abenteuerstreifen mit denen ich aufgewachsen bin. Er hat seine angsteinflößenden Momente, aber im Kern ist es wirklich ein schöner Abenteuerfilm. Der Regisseur Eric Brevig hat mich sehr gut beraten und mir verdeutlicht, was er sich für den Score vorstellte und wie er im Film wirken sollte. Es soll gute Adventuremusik sein, die durchaus auch einen Retro-Touch in der thematischen Herangehensweise haben sollte. Ich wusste ziemlich früh, dass ein großorchestraler Score mit Chor werden würde, der in seiner thematischen Wirkungsweise sehr traditionell ist. Auf dieser Grundlage habe ich angefangen zu arbeiten und die Musik an manchen Stellen bewusst modernisiert, zum Beispiel durch das japanische Trommelensemble oder einigen interessanten analogen Synthesizern.

In „Journey“ gibt es nur sehr wenige Charaktere. War das problematisch für die thematische Arbeit?

Nein, im Grunde nicht. Wir wollten, dass die Themen mehr als die Charaktere repräsentieren. Wie haben das Journey-Thema, dass sich im Verlaufe des Filmes entwickelt und in sehr vielen Abenteuerszenen zu hören ist. Es ist dadurch auch so etwas wie das Hauptthema des gesamten Films. Man hört dieses Thema hauptsächlich in Szenen in denen die Figuren das Geschehen unter Kontrolle haben. Das zweite Thema ist jenen gefährlichen Situationen zugeordnet, über die die Charaktere keine Kontrolle haben. Sie fallen plötzlich tief, werden von Dinosauriern gejagt – in den Momenten, in denen sie diese Situationen meistern, übernimmt dann das Journey-Thema wieder. So ist die Mehrheit des Films eine kleine Schlacht zwischen diesen beiden Themen. Das dritte Thema ist etwas unprägnanter und kommt nur in speziellen Szenen zum Einsatz, zum Beispiel als es um den Verlust von Sean’s Vater und Bruder geht. Das Thema entwickelt sich im Verlauf des Filmes auch mit der Beziehung von Sean und Trevor, die so etwas wie eine Familie wiederentwickeln.

Warum haben Sie gerade das japanische Trommelensemble eingesetzt?

Wissen Sie, für jeden Film suche ich nach einem speziellen musikalischen Blickwinkel. Im Falle von „Journey To The Center Of The Earth“ ist die eigentliche Frage: Wo ist der kulturelle Link zwischen dem Plot und japanischen Trommeln? Es gibt im Grunde keinen, wir wissen in keiner Weise wie sich Musik im Zentrum der Erde anhören würde. Die einzige Verbindung, die irgendwie Sinn machen würde, war der Weg über den Schauplatz Island. Dort spielt der Film zu Beginn, deshalb machte ich auch kleinere Recherchen in isländischer Musik. Doch nachdem ich mit verschiedenen Ideen gespielt habe, kam ich zu dem Schluss dass der Film diese Verbindung eigentlich nicht hergab. Die Insel wird als Pforte zum Mittelpunkt der Erde benutzt, aber die Figuren haben sie wirklich mit Island, der Umgebung oder der Kultur, interagiert. Der eine Charakter, der isländisch ist, ist der unwichtigste der Hauptfiguren. Es fühlte sich einfach nicht passend an, das so in den Mittelpunkt zu rücken.
Also habe ich mich mehr auf meine Intuition verlassen, was die Bilder vom Untergrund angeht, die ich im Film gesehen habe. Ich habe große Dschungellandschaften, Wälder und versteinerte Pilze gesehen und das hat mich an die traditionelle japanische Trommel, die Taiko erinnert. Ich habe schon einmal mit Kiyoshi Nagata gearbeitet und fand die Idee attraktiv, seine Trommeln zu benutzen. Es sind alte ausgehöhlte Stämme mit Häuten überzogen, die ein sehr tiefes organisches Grummeln hervorbringen. Das passt ziemlich gut zum Mittelpunkt der Erde. Ich habe es also nur aus klanglichen Erwägungen benutzt, es ging mir nicht um die Wiedergabe von musikalischen Strukturen der traditionellen japanischen Trommelkunst. Der Sound war die perfekte Abrundung des Orchesters am tiefen Ende.

Wieviel Freiheit hatten Sie bei der Arbeit? Gab es einen Temp Track oder bestimmte Wünsche der Produzenten?

Natürlich gab es wie immer einen Temp Track, aber wir haben Ihn nie wirklich hinbekommen. Sie haben so viele Dinge ausprobiert und das war meine Chance, ich konnte sehen was sie alles probiert haben und was alles nicht richtig funktionierte. Weil sie etwas Passendes noch nicht gefunden hatten, hatte ich die Freiheit meine eigenen Ideen auszuprobieren. Ich fing an Sachen zu Eric zu schicken, dem Regisseur. Wir haben den Temp Track sehr schnell vergessen und wir arbeiteten auf der Grundlage meiner Skizzen weiter.

Vor „Journey“ haben sie eher kleine Filme vertont oder anderen Komponisten assistiert. Wie haben Sie ihren ersten größeren Auftrag für einen Film bekommen?

Wissen Sie, es ist sehr schwer zu sagen wo die kleinen Filme aufhören und die größeren beginnen. Es war so ein gradueller Übergang, eine fortwährende Verbesserung in Größe und Dimension der Projekte. Einer der ersten Filme die ich gemacht habe, war der Science-Fiction film „XChange“ für HBO. Das war wirklich der erste Film mit etwas größerem Budget. Sie haben nach einem außergewöhnlichen Ansatz für die Vertonung von Musik aus der Zukunft gesucht. Ich habe ein Demo zusammengestellt, das im Grunde eine Melange aus sehr vielen kulturellen Elementen darstellte. Ich habe eine siebzigjährige Frau aus Haiti aufgenommen, die ein traditionelles Lied gesungen hat. Ich hatte ein Oud dazu und so weiter. Meine These war, dass die Zukunft viel mehr von kultureller Durchmischung geprägt sein würde als es jetzt der Fall ist. Das hat ihnen wirklich gefallen und es wurde mein erster größerer Score.

Sie haben mit den Danna-Brüdern eine Weile zusammen gearbeitet. Wie haben Sie Ihnen geholfen, dass die Steine ins Rollen gekommen sind?

Beide von ihnen sind unglaublich begabt. Ich habe unglaublich viel gelernt in dieser Zeit, weil es mir die Möglichkeit gegeben hat, in den Prozess des Filmvertonens eng eingebunden zu sein. Ich konnte vom Prozess des Themenschreibens über die Recherche bis hin zur Aufnahme und dem Mix alles miterlerben. Ich konnte aus erster Hand erfahren, was Filmmusik schreiben eigentlich ist – nicht nur der eigentliche Prozess, Musik zu schreiben, sondern auch das Verhandeln mit Regisseuren und Produzenten. Ich habe unglaublich viel gelernt, außerdem hatte ich das Glück das Mychael Danna und ich einige Projekte gemeinsam geschrieben haben. Er hat mir geholfen, ein paar Screen Credits zu bekommen und mir Starthilfe zu verschaffen. Aber am wichtigsten war, dass diese Jahre mich auf das Geschäft Film vorbereitetet haben. Sie haben mir die echte Chance gegeben, am Geschäft zu partizipieren.

Inwieweit hat diese Zusammenarbeit Ihren persönlichen Stil beeinflusst?

Das hat mich sicher beeinflusst. Ich habe hauptsächlich mit Mychael für fünf oder sechs Jahre zusammengearbeitet. Als ich die Arbeit bei ihm angefangen habe, hatte ich musikalisch vor allem einen sinfonischen Hintergrund, außerdem kannte ich den folk-orientierten Independent-Pop ganz gut. Mychael hat mir aber wirklich die Augen für die Musik der Welt geöffnet. Er war einer der ersten Komponisten, die wirklich Instrumente aus allen Ecken der Welt und allen Kulturen nach Amerika gebracht hat, um hier Filmmusik aufzunehmen. Ich habe sehr viel über diese verschiedenen Instrumente gelernt, Teil meiner Arbeit waren Recherche- und Forschungsaufgaben. Ich habe Bibliotheken durchforstet oder alte Platten angehört. Dabei habe ich Forschungen über verschiedene Musikarten, Stilrichtungen und so weiter zusammengestellt. Das hat mich wirklich fasziniert und das ist eine Methode, die ich aus der Zeit mit Mychael mitgenommen habe.

„Journey“ ist sehr groß, farbenfroh, thematisch und orchestral. Ich denke, nur wenige wissen, wie ihre bisherigen anderen Arbeiten klingen. Können sie einige wichtige Arbeiten beschreiben und vielleicht ihren persönlichen Stil herausstellen?

Sicherlich. Ich hatte sehr viel Glück bisher, weil alle meine Filme immer sehr verschiedenartig waren. Das ist wirklich die kreative Position, in de jeder Komponisten sein möchte. Wenn jemand käme und sagt: ‚Ich mag deinen Score zu „Skinwalker“ und ich möchte genau dasselbe für meinen Film“, dann wäre ich wirklich traurig. In dieser Hinsicht war ich sehr glücklich bisher, ich habe romantische Komödien gemacht, Musicals, sogar einen Hip-Hop-Score, einen Werwolf-Film oder mehr familienorientierte Unterhaltung oder einen übersinnlichen Film. Das macht es natürlich etwas schwer genau zu benennen, was mein persönlicher Stil ist. Einige Leute sagen, dass sie einen spezifischen „Lockington“-Sound in all diesen verschiedenen Sachen hören, das ist natürlich schön.

Haben Sie eventuelle Traumprojekte, um ihren Stil weiter voranzubringen?

Ich würde unglaublich gerne ein Musical in der Tradition von „Moulin Rouge“ machen, das war so unglaublich gut gemacht. Ich befinde mich ehrlich gesagt gerade in Verhandlungen für genauso ein Projekt. Gerne würde auch einige mehr dramatische Filme machen, sogar Historienfilme. Ich denke, irgendwann wird eine solche Chance schon kommen. Bisher hatte ich wie gesagt großes Glück mit der Abwechslung in meinem Portfolio und ich hoffe, daran anzuknüpfen.

Es gibt eine ziemlich erfolgreiche Komponistenschmiede namens Remote Control unter der Aufsicht von Hans Zimmer. Haben sie jemals darüber nachgedacht, dort einzusteigen um den Sprung nach Hollywood zu schaffen?

Nun, eigentlich habe ich diesen Weg nie in Erwägung gezogen. Ich habe mich schon früh dafür entschieden, dass ich mit möglichst vielen talentierten Regisseuren arbeiten möchte, die vielleicht ihren ersten oder zweiten Film machen. Für einen Komponisten ist es ein sehr langer Weg nach oben, aber ein guter Regisseur kann sich mit einem Film bekannt machen und plötzlich mit der Möglichkeit da stehen, einen großen Film zu machen. Ich habe mir gesagt, ich sollte mit diesen viel versprechenden Regisseuren arbeiten, weil diese einfach gute Filme machen. Erstens ist es eine schöne Sache, an einem kleinen guten Film zu arbeiten, zweitens kann man immer hoffen dass auch anderen Leuten auffällt wie talentiert sie sind. Ich hoffe, eine Zusammenarbeit in solchen Fällen fortzusetzen und mit ihm oder ihr mitzuziehen, wenn die Karriere bergauf geht.

Ich denke, wir können „Journey“ ihren Durchbruch nennen. Würden sie sagen, ist es sehr schwer für einen jungen Komponisten, so eine Chance zu kriegen oder kommt sie irgendwann einmal für fast jeden?

Ich denke, es gibt so unglaublich viele talentierte Komponisten dort draußen, dass ich mich wirklich glücklich schätzen kann, die richtigen Leute getroffen zu haben. Ich hatte diese Chance, aber es ein gutes Stück Glück dabei gewesen, denn ich denke viele talentierte Komponisten erhalten diese Chance leider nie.

Hören Sie sich selbst Filmmusik an und vergleichen sie dabei ein wenig mit anderen Komponisten?

[Lacht] Eigentlich nicht, aber das habe ich mal gemacht. Als ich so langsam in dem Business angefangen habe, habe ich viel und gerne Filmmusik gehört. Ich kann sie noch immer genießen, wenn ich einen Film mit einem guten Score höre. Aber ich habe aufgehört, sie mir separat anzuhören. Ich möchte doch meinen eigenen Stil und meine eigene Vision behalten. Ich schaue eher, dass ich viele andere Arten von Musik aufsauge, nicht unbedingt Filmmusik.

Wir haben über die Zusammenarbeit mit den Dannas gesprochen. Wo aber begann das musikalische Leben von Andrew Lockington ursprünglich?

Ich hatte eine musikalische Ausbildung, ich habe Klavier gelernt. Daneben war ich in einer High School Band und habe dort auch viele Songs geschrieben. Wir haben sogar ein Album herausgebracht. Nach der High School habe ich Musik an der Universität studiert, Komposition und Orchestration. Danach habe ich Jingles für die Werbung geschrieben, für ein Jahr ungefähr. Zu dem Zeitpunkt habe ich mich entschieden, dass ich in die Filmmusik möchte und glücklicherweise habe ich Mychael Danna getroffen und wurde sein Assistent.

Was erscheint Ihnen am wichtigsten in Ihrer Ausbildung?

Eins der besten Dinge, die ich an der Universität hatte, war das Chorsingen. Das war Vorraussetzung für alle Studenten dort und wir haben Stücke aus sehr vielen verschiedenen Stilen und Zeitepochen gesungen. Dadurch habe ich unbewusst sehr viel von den großen Kompositionstechniken absorbiert, die Komponisten in den letzten 400 Jahren benutzt haben. Wir haben die Musik aufgeführt und konnte die einzelnen Stimmen verfolgen, konnte die Entwicklung einer Stimmlinie verfolgen eine Melodie durch die verschiedenen Stimmen nachvollziehen. Das hat mir wirklich die Augen geöffnet, denke ich. Aber wenn es darum geht, seinen ersten eigenen Score zu machen, dann ist nichts vergleichbar damit, jemandes Assistent oder Orchestrator gewesen zu sein. Ich hatte durch Mychael Danna schon an so vielen hochklassigen und auch höher budgetierten Filmen mit gearbeiten, dass das mich wirklich am beste vorbereitet hat.
Ich denke, niemand kann dir wirklich das Komponieren beibringen. Das ist etwas dass man selber herausfinden und lernen muss. Die Studienprogramme an den Universitäten sind daher so angelegt, dass sie helfen seine eigene Stimme zu finden. Wenn es dann dazu kommt, dass man Komponieren als Job ausübt, dann kann dir die Universität auch vorher nicht sagen wie es geht. Da muss man dann selber eintauchen und Teil des Prozesses werden.

Sie gehören zu den jüngsten Komponisten in Hollywood. Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus? Wieter Traumprojekte oder Oscar 2010?

[Lacht] Eigentlich kann ich sagen, dass so viele der Projekte in den letzten zehn Jahren einfach großartige Erfahrungen waren. Wie eben auch „Journey To The Center Of The Earth“, es hat soviel Spaß gemacht die Musik zu schreiben und aufzunehmen. Sicher, es ist schön wenn andere Menschen Anerkennung zeigen, aber die echte Belohnung kommt aus dem Prozess selber. Ich habe große Filme gemacht, kleine Filme und alle waren sehr erfüllend. Ich hoffe ich kann so weitermachen und Musik schreiben, die de Erzählung der Filme etwas hinzufügt. Ich will weiter Projekte finden, die das ermöglichen.
Jetzt arbeite ich zum Beispiel an einem neuen Film, er heißt „City Of Ember“. Er ist unglaublich ästhetisch und aufregend und ich empfehle jedem, ein Auge darauf zu werfen. In Nord Amerika kommt er im Oktober in die Kinos.

Vielen Dank und viel Glück für die Zukunft!

Danke ebenfalls.

Jan Zwilling / 01.08.08