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Interviews

Interview mit Alexandre Desplat (Allgemeines, Birth, Painted Veil)

Bild von Interview mit Alexandre Desplat (Allgemeines, Birth, Painted Veil)

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Guten Tag Mr. Desplat. Beginnen wir damit, wie Sie dazu kamen, Filmmusik zu schreiben. Erzählen Sie uns bitte etwas über ihren Hintergrund, ihre Ausbilidung und wie Sie ihren ersten Vertonungsauftrag bekamen.

Ich habe klassische Flöte studiert. Als Teenager war ich ein totaler Filmfanatiker und ich habe meine Zeit zwischen Schule, dem Flötenunterricht und Kinobesuchen aufgeteilt. Natürlich habe ich davon geträumt, dass ich vielleicht eines Tages mal in diesem Bereich arbeiten würde. Und eines Tages, nach meiner ersten Musik für ein Theaterstück wurde ich von einem der Schauspieler angesprochen, für seinen Kurzfilm zu komponieren. Das war, glaube ich, 1983.
So wurde mir mein erster Filmscore angeboten. Die gute Sache war, dass der Regisseur ein großer Fan von amerikanischen Filmscores von Steiner, Waxman oder John Williams war – wir hörten diese Musik oft zusammen. Er wollte von mir einen großen, ausladenden orchestralen Score – aber natürlich war kein Geld vorhanden. Also hab ich bei allen Freunden und Mitstudenten vom Konservatorium gefragt und hab versucht, ein Orchester zusammenzustellen. Wir nahmen ein großes und lautes Stück auf, was dann als mein Demotape diente, was ich Agenten und Regisseuren vorspielen konnte. Das half mir, andere Kurzfilmprojekte zu bekommen und verhalf mir auch zu meinem ersten Langfilm – das war 1985. So begann ich im Filmmusikbereich.

Nur wenige Leute außerhalb Frankreichs wissen, was Sie vor “Girl with a Pearl Earring” gemacht haben. Können Sie uns darüber einen kurzen Überblick über ihre wichtigen Projekte geben?

Nun, ich hatte das Glück, einen der wichtigsten Regisseure, mit dem ich zusammengearbeitet habe, zu treffen – Jaques Audiard. Er war zuerst Drehbuchautor und Cutter, bevor er begann Regie zu führen. Wir haben 4 Filme zusammen gemacht, und durch jeden dieser Filme wurde meine Arbeit nicht nur beim Publikum bekannter, sondern auch bei den wichtigen Produzenten. Anfang der 90er Jahre hah ich ein paar britische Filme vertont, wie z.B. „Hour of the Pig“ oder „The Revengers’ Comedies.“ Durch all diese Filme wurde ich in England etwas bekannter – und zum Teil sogar in Amerika – ohne dass ich davon wusste, dass Regisseure und Music Editors meine Arbeit schätzten. Als ich bei „Girl with a Pearl Earring“ anfing, bekam ich mit, dass meine vorherigen Arbeit durchaus bemerkt wurden.

“Girl with a Pearl Earring” war ungefähr mein 50. Film für das Kino und meine Karriere war davor nicht gerade kurz. Ich merkte, dass ich schon seit 15 Jahren für den Film arbeite. [lacht]
Ich denke, ich kam einfach zum richtigen Zeitpunkt. Ich hab geübt, möglichst vielseitig zu schreiben, von großen sinfonischen Stücken über Streichertrios, Klavier, Jazz oder Mancini-mäßige Scores. Durch die vielen Aufträge habe ich natürlich auch gelernt, schneller zu komponierern. Das wird in der Branche immer wichtiger.

Hat der Erfolg des Scores für „Girl with a Pearl Earring“ Sie überrascht? Wie ist das, auf einmal unter vielen Filmscorefans bekannt zu sein?

Überraschte es mich – eigentlich nicht, jedenfalls, was den Film betrifft. Als Peter Webber sich bei mir meldete, wollte ich gerade in den Urlaub aufbrechen, es war Juni oder Juli, ich hatte schon für die ganze Familie alles geplant und war bereit aufzubrechen. Als ich dann den Film sah, hab ich zu meiner Familie gesagt: „Es tut mir leid, aber diesen Sommer werde ich nicht mit euch in den Urlaub fahren, dieser Film ist zu schön“, und er hatte wirklich etwas sehr starkes und war anders als die meisten Filme. Er hatte so viele Qualitäten, da musste ich es einfach tun. Also war icht nicht wirklich überrascht, dass der Film so ein Erfolg wurde. Es gab so viele tolle Aspekte, die Regie, die Ausstattung, die Kameraarbeit und Scarlett und Colin. Das war wirklich ein ganz toller Film.
Der Erfolg der Musik? Ja, ich war schon ein wenig überrascht, obwohl der Film Momente hat, in denen die Musik richtig zum Vorschein kommt – es ist nicht nur Underscore die ganze Zeit über. Das ist für einen Komponisten selten. Das machte es leichter, mein Können zu zeigen, was ich mir über die Jahre angeeignet habe – vor allem auch einem amerikanischen Publikum.

Hatte der Erfolg Einfluss auf die Angebote, die Sie danach bekamen?

Ja, es hat viel verändert. Es öffnete den amerikanischen Markt für mich, von dem ich vorher ausgescholossen war. Ich erinnere mich an Artikel in amerikanischen Zeitschriften, dass ich total unbekannt war, trotz der vielen Filme in Frankreich. Und ich wurde dann im selben Jahr für die Golden Globes und den BAFTA nominiert.
Aber das war eine empfindliche Phase. Viele Künstler haben nur einmal einen großen Erfolg: einen großartigen Song, einen großartigen Film, eine großartige Komposition. Sie verschwinden einfach in der Masse. Für mich war nach „Girl with a Pearl Earring“ wichtig, zu zeigen, dass ich auch anderes gut hinbekommen kann, nicht nur solche historischen Filme. Ich hab das mit „Hostage“ versucht, mit „Birth“ und „Syriana“ – ich versuche, so vielseitig wie möglich zu sein.

Reden wir über “Birth”. Die Musik ist in dem Film sehr wichtig, da es viele, sehr lange Szenen ohne Dialoge gibt. Was war ihr Konzept für diese sehr interessante Musik?

Nun, ich denke, das wichtigste für einen Komponisten ist, zu wissen, wie er mit den Dialogszenen umgeht, da in den allermeisten Filmen der Dialog die Handlung vorantreibt, die den Film überhaupt erst funktionieren lassen. Aber wenn man die Möglichkeit hat, sich auszotoben und Spaß zu haben, wenn die Musik alles antreibt, ist das ein toller Moment für den Komponisten. In der Hinsicht war die Eröffnungsszene von „Birth“ ein Segen für mich. Die Orchestrierung, die Struktur des Stücks, die Synthpatterns mit einer lyrischen Melodie obendrauf. Das war eine großartige Möglichkeit zu zeigen, was ich gelernt hatte.

Ist es interessanter, solche Szenen zu vertonen, wo die ganze Geschichte durch die Musik erzählt wird?

Natürlich. Wobei es eher eine Mischung ist. Ich erzähle immer gerne in Verbindung von “Birth” von Nicole Kidmans wundervoller Stimme. Ich hab versucht, ein bisschen unterstützend im Hintergrund zu agieren ohne, dass die Musik ablenkend oder störend wirkt. Die Musik darf dem Dialog nicht im Weg sein. Das gehört zu der Kunst: zu wissen, wann man Musik braucht, die über allen anderen Dingen glänzt, oder wann man sich eher zurücknehmen muss. Ich mache beides gerne. Aber natürlich ist ein großes Vergnügen, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit erregen zu können.

Warum benutzen Sie den Synthesizer so direkt?

Ich hab Keyboards und Elektronik immer als Sounds eingesetzt, die eigentlich nicht existieren. Ich hab es nie gemocht, nur Keyboards zu benutzen, das ist nicht meine Art. Vielleicht wegen meiner klassischen Ausbildung. Ich mag es, echte Musiker einzusetzen.
Aber ich versuche, meine Scores um diese elektronischen Elemente oder um exotische Instrumente zu ergänzen. In „Birth“ diente dieser tiefe, repetitive Bass, gemischt mit den repitiven Harfenklängen dazu, eine düstere und obsessive Stimmung zu kreieren, was auch die Intention des Films war.

Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Golden Globe für “Painted Veil”. Wie fühlt sich das an?

Auf den Photos nach der Zeremonie seh ich aus wie ein 12 Jahre alter Junge. Das sagt wohl alles. [lacht.]

Der Score wechselt zwischen den Schauplätzen Asien und Europa und zwischen traditionelleren Zeiten und der modernen Gesellschaft. Wie haben Sie das erreicht?

Das bringt uns wieder zu dem zurück, was ich zu “Birth” gesagt habe. Ich benutzte bei beiden Scores Elektronik und exotische Instrumente, aber nicht so dominant wie in „Syriana“. Da ist nur ein Hauch von China in der Musik, da das meiste doch eher orchestral angelegt ist. Ich wollte keine Folklore. Ich denke, bei reiner Folklore ist man zu eingeschränkt. Es als Klangfarbe einzusetzen ist gut, aber das sollte sehr sublim geschehen.

Haben Sie in Frankreich mehr künstlerische Freiheit als in Amerika?

Man kann das nicht verallgemeinern, es hängt mehr vom Regisseur ab, als vom Land. Manche Regisseure sind engstirning, und sind nicht gewillt sich mit der Musik auseinanderzusetzen, und es ist schwer, mit ihnen zu kommunizieren und sie dazu bewegen, sich von ihren Vorstellungen zu lösen. Sie möchten das hören, was sie früher schon mal von einem (oder jemand anders) gehört haben. Sie haben Angst vor etwas Neuem. Und andere Regisseure wollen einfach, dass man sie überrascht, und das ist natürlich die beste Situation, die man haben kann, so wie bei „Birth“, „Syriana“ oder den Jaques Audiard-Filmen. Jedes Mal war eine große Herausforderung, ein bisschen anders zu sein als bei den Malen zuvor. Ich denke aber, dass dies sehr wichtig ist.

Später in diesem Jahr warden Sie die Musik für “The Golden Compass” komponieren. Wie sind sie an diesen Auftrag gekommen, und können Sie uns schon etwas über den Film und die Musik an diesem Punkt verraten?

Ich bekam den Job, weil der Regisseur meine Arbeiten kannte, insbesondere “Syriana”, “Girl with a Pearl Earring” und “Birth” und er ging davon ausgehend davon aus, dass ich ihm eine Mischung aus Fantasy, Magie und Mistery liefern und eine eigene musikalische Welt für “The Golden Compass” kreieren kann.
Es ist eine wunderbare Geschichte über ein Mädchen, das zwischen zwei parallelen Welten reist. Die Musik wird episch, ausladend und symphonisch. Ich möchte gleichermaßen aber auch persönlich und subtil sein. Das ist eine große Herausforderung für mich, ich muss eine neue Richtung ausprobieren, ohne zu versuchen, meine Vorbilder zu kopieren, wie etwa John Williams. Er schrieb großartige Scores wie „Raiders“ oder „Harry Potter“ und die Musik muss in diese Richtung gehen, ohne wie er zu klingen. Oder wie Danny Elfman in den Fantasyfilmen von Tim Burton. Ich muss meinen eigenen Weg finden, aber in einer Dimension, in der ich vorher nie gearbeitet habe – ich musste noch nie einen epischen Zweistunden-Score unter dem riesigen Druck eines Hollywoodstudios schreiben. Ein wenig furchteinflößend, aber es wird eine wundervolle Erfahrung werden.

Vielen Dank für das Interview.

Jan Zwilling / 20.07.07